4.11.2026 09:53

Nähe auf Distanz

Germany Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Unknown author
Der FAU-Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Adrian Meier-Ernst untersucht mit statistischen Methoden, wie hybride Arbeit das soziale Wohlbefinden beeinflusst; sein Projekt HYIHY erhält dafür einen ERC Starting Grant der EU über 1,5 Millionen Euro. Eine weltweite Studie, auf die er verweist, zeigt, dass sich 27 Prozent der ausschließlich im Homeoffice Beschäftigten die meiste Zeit des Arbeitstags einsam fühlen. In einem weiteren Projekt namens PROMISE entwickelt Meier-Ernst Richtlinien für die Nutzung sozialer Medien durch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und sucht nach Alternativen zu pauschalen Verboten.
AI summary

Stört die hybride Arbeitswelt zwischen Büro und Homeoffice unser soziales Wohlbefinden? Prof. Dr. Adrian Meier-Ernst untersucht das mit statistischen Methoden und wird dafür mit einem ERC Starting Grant gefördert.

Die hybride Arbeitswelt ist das neue Normal, auch für Adrian Meier-Ernst, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft der FAU. Er selbst arbeitet meist zwei Tage die Woche zu Hause und den Rest der Woche in Nürnberg an der Uni. Damit vereint er das Beste beider Welten: Schreibt er im Homeoffice Begutachtungen oder wissenschaftliche Aufsätze, wird er viel seltener gestört und kann dadurch effizienter arbeiten. „Beim direkten Kontakt mit den Kollegen kommen mir dagegen neue Gedanken viel leichter, die persönlichen Gespräche fördern die Kreativität“, sagt er.

Homeoffice, Teeküche und Gespräche mit KI

Was für oder gegen die hybride Arbeitswelt in Wirtschaftsunternehmen spricht, nehmen Adrian Meier-Ernst und sein Team mit statisti- schen Methoden unter die Lupe. Ihr Vorhaben mit dem Titel HYIHY wird von der Europäischen Union mit einem ERC Starting Grant in Höhe von 1,5 Millionen Euro gefördert.

Ein wichtiges Thema ist die Einsamkeit, die in den USA und in Großbritannien bereits vor 2020 zugenommen hatte. Dann kam die Coronapandemie, in der weltweit die Begegnungen mit anderen Menschen oft stark eingeschränkt wurden. Das hat Folgen: „Von den Menschen, die nur im Homeoffice arbeiten, fühlen sich 27 Prozent die meiste Zeit am Arbeitstag einsam“, fasst Adrian Meier-Ernst eine weltweite Studie zusammen. Vor allem bei den 14- bis 29-Jährigen ist die Einsamkeit seither hoch. Die zunehmende Digitalisierung spielt hier eine wichtige Rolle. Während
man zu Hause in Onlinekonferenzen fast ausschließlich Geschäftliches bespricht, kann man sich im Büro am Wasserspender oder in der Teeküche mit anderen Menschen austauschen – und tut das häufig weit über das Berufliche hinaus. „Daraus resultiert oft ein soziales Wohlbefinden, das für die Gesundheit ähnlich wichtig ist wie regelmäßige Bewegung“, sagt Meier-Ernst.

Fehlen die persönlichen sozialen Kontakte, wenden sich besonders junge Menschen heute gern einem KI-Assistenten zu, mit dem sie sich austauschen können. „Studien zeigen, dass solche Interaktionen als warm und menschenähnlich empfunden werden“, erklärt er. Trotzdem wollen die meisten doch echte menschliche Nähe. „Anscheinend betrachten viele Menschen die künstliche Intelligenz als Ergänzung und nicht als Ersatz.“

Social Media: Schutz von Kindern und Jugendlichen

In einem weiteren Projekt mit dem Namen PROMISE arbeitet Meier-Ernst an neuen Richtlinien für die Nutzung sozialer Medien durch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. „Studien zeigen, dass Social Media in hohen Dosen bei zehn bis zwanzig Prozent der jungen Menschen psychosoziale Probleme verstärken. Die mentale Gesundheit wird labiler, Schlafstörungen werden häufiger“, berichtet er. Verzichten junge Menschen hingegen eine oder mehrere Wochen auf WhatsApp, Instagram, TikTok, YouTube und Snapchat, verbessert sich ihr Wohlbefinden.

Trotzdem hält Adrian Meier-Ernst es für nicht zielführend, soziale Medien bestimmten Altersgruppen generell zu verbieten: „In Australien nutzen 65 bis 85 Prozent der Betroffenen die Social Media trotz Verbots weiter“, nennt der FAU-Forscher ein Negativbeispiel. Um die Alterskontrolle zu umgehen, muss dann eben ein älterer Bruder ran. „Außerdem können soziale Medien für einige junge Menschen durchaus auch positive Seiten haben.“ So findet man in der digitalen Welt Gleichgesinnte meist schneller als im eigenen Ortsteil und hat oft auch Kontakte zu Menschen mit völlig anderem kulturellem Hintergrund. Daher sucht Meier-Ernst nach Alternativen. So könnte ein Pop-up nach einer bestimmten Zeit fragen: „Willst du wirklich weitermachen?“ Allerdings werden solche Fragen häufig einfach weggeklickt. Erfolgversprechender scheint es, das Plattform-Design im Sinne des Jugendschutzes zu ändern. Zum Beispiel könnte man vorgeben, die besonders attraktiven Kurzvideos oder glücksspielartigen Elemente seltener einzubetten. „Reguliert man das europaweit, setzen es die Plattformen dann oft auch weltweit um“, sagt Adrian Meier-Ernst.

Roland Knauer



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Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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