4.11.2026 09:32

Wenn der Lockruf verstummt

Nemecko Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Autor neuvedený
Ein Team um Prof. Dr. Dr. Peter Dietrich am Uniklinikum Erlangen und der FAU entwickelt mit dem Projekt „iLivE“ einen neuen Ansatz, um Lebermetastasen zu verhindern: Statt Krebszellen direkt anzugreifen, soll RNA-Interferenz ein von gesundem Lebergewebe gebildetes Eiweiß ausschalten, das Krebszellen zur Ansiedlung in der Leber lockt. Für das Vorhaben erhielt das Team den m4 Award des Bayerischen Wirtschaftsministeriums. Der Wirkstoffkandidat SINPY® soll per Spritze verabreicht werden; derzeit werden Daten für die Prüfung gesammelt, ob er für klinische Studien zugelassen werden kann.
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Lebermetastasen sind oft das eigentliche Problem vieler Krebserkrankungen. Prof. Dr. Dr. Peter Dietrich will verhindern, dass sie überhaupt entstehen. Dafür ist sein Team mit dem m4 Award des bayerischen Wirtschaftsministeriums ausgezeichnet worden.

Auf dem Bildschirm sind Zellstrukturen zu sehen, eingefärbt in rote, grüne und blaue Segmente. Was für Außenstehende abstrakt wirkt, verändert für Peter Dietrich den Blick auf Krebs. „Das Bild hat uns vom Hocker ge-hauen“, sagt der Mediziner. Dieses bunte Mosaik entwickelt sich zur Grundlage eines neuen Therapiekonzepts gegen eine der häufigsten krebsbedingten Todesursachen: Lebermetastasen.

Neue Strategie: Lockstoff ausschalten

Dietrich leitet die Arbeitsgruppe „Molekulare Mechanismen der Krebsentstehung und Therapieresistenz bei Leberkrebs und Lebermetastasierung“ und ist Oberarzt an der Medizini-schen Klinik 1 des Uniklinikums Erlangen sowie Professor für Biochemie und Molekulare Pathobiologie am Institut für Biochemie der FAU. Mit im Team ist Biochemikerin und Molekularmedizinerin Dr. Laura Wormser. „Wir erforschen, warum Krebszellen häufig die Leber als Ziel für neue Absiedlungen wählen“, sagt Wormser. Über ihre Master- und Doktorarbeit hinweg entwickelte sich ein Forschungsprojekt, das mehrfach ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem renommierten Preis der Deutschen Leberstiftung und dem Publication Award des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung.

Das aktuell etablierte Vorgehen ist, Krebszellen direkt zu bekämpfen. Doch genau das führt häufig zu Resistenzen: Die Tumorzellen finden neue Wege und wachsen weiter. Dietrichs Team konnte erstmals nachweisen, dass gesunde Leberzellen ein Eiweißmolekül gezielt rund um Metastasen bilden und den bösartigen Tumorzellen dadurch helfen, sich anzusiedeln und zu größeren Tumoren auszuwachsen. Für diese Entdeckung wurde Peter Dietrich unter anderem die Silbermedaille der Walter-Siegenthaler-Gesellschaft für Fortschritte in der Inneren Medizin verliehen. Die Entdeckung war für die Forschenden zudem der Heureka-Moment, aus dem sich eine neue therapeutische Idee entwickelte. „Nicht Tumorzellen sind unser Ziel, sondern das gesunde Gewebe, in das sie sich einnisten“, beschreibt Dietrich das Prinzip. Die Forschenden wollen nicht länger die Krebszelle angreifen, sondern mithilfe von RNA-Interferenz – ein Mechanismus, der die Aktivität bestimmter Gene sehr selektiv und hochgradig wirksam bremst – den Lockstoff ausschalten, der die Krebszellen überhaupt erst in die Leber führt.

Aus der Arbeitsgruppe startete Dietrich zusammen mit Dr. Wormser und weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Projekt „iLivE“, um die Entwicklung mehrerer Medikamente voranzutreiben. SINPY®, so der Name des Wirkstoffs des aktuell fortgeschrittensten Kandidaten, soll per Spritze verabreicht werden. Erst kürzlich hat das Team dafür den m4 Award erhalten, einen Gründungspreis des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie.

Archäologe oder Astronaut? Mediziner!

Aktuell werden Daten gesammelt, mit denen das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte prüfen wird, ob SINPY® zur Prüfung in klinischen Studien zugelassen werden kann. Das Gründungsteam ist optimistisch. „Wenn wir verhindern, dass Tumorzellen überhaupt ein neues Nest finden, wäre das ein echter Paradigmenwechsel“, sagt Dietrich.

Dass er einmal Arzt werden und zugleich in die Krebsforschung gehen würde, ahnte Dietrich als Kind nicht. Damals wollte er am liebsten Archäologe oder Astronaut werden. Später spielte er Eishockey, unter anderem für den EV Landshut und die Bayernauswahl, und wurde für die U16-Eishockey-Nationalmannschaft nominiert. Schließlich fand er im Medizinstudium die Möglichkeit, seinen Entdecker – geist weiter auszuleben. Heute behandelt er in der einen Minute Menschen mit Lebererkrankungen, in der nächsten sucht er im Labor nach potenziellen Therapieansätzen gegen eben diese Krankheiten: „Als Arzt Menschen unmittelbar helfen zu dürfen und als Wissenschaftler gleichzeitig neue Mechanismen erforschen zu können, erfüllt mich mit Dankbarkeit“, so Dietrich.

Sebastian Schroth



https://www.fau.de/2026/11/news/universitaet/magazin/magazin-2026/wenn-der-lockruf-verstummt
Autor
Spoločnosť / Organizácia
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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