4.11.2026 09:53

Zwilling gegen Chamäleon

Deutschland Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Autor nicht angegeben
Das Forschungsprojekt EndoKI entwickelt KI-gestützte digitale Zwillinge, um Endometriose schneller zu diagnostizieren und Behandlungen besser zu planen. Für rund 300 Probandinnen werden Ultraschall-, Elastografie- und MRT-Daten zusammengeführt und später durch Daten aus Bauchspiegelungen und Histopathologie ergänzt; trainierte KI-Modelle sollen helfen, unnötige Operationen zu vermeiden. Das Bayerische Gesundheitsministerium fördert das Projekt mit drei Millionen Euro. Der Projektabschluss ist voraussichtlich 2028 geplant.
KI-Zusammenfassung

Von Frauen für Frauen: Mit KI ­gestützten digitalen Zwillingen will das Projekt EndoKI dafür sorgen, dass Endometriose schneller erkannt und besser behandelt wird.

Vier Forscherinnen beim gemeinsamen Mittagessen: Prof. Dr. Franziska Mathis-Ullrich, Dr. Sina Martin, Prof. Dr. Jana Hutter und Prof. Dr. Katharina Breininger. Damals forschten alle vier noch an der FAU, mittlerweile arbeiten Hutter und Breininger an der Uni Hannover beziehungsweise Würzburg. „Wir wollten uns gegenseitig kennenlernen und wissen, woran die anderen arbeiten“, erinnert sich Mathis-Ullrich. Irgendwann kommt das Gespräch auf ein Thema, mit dem sich Sina Martin schon länger beschäftigt: Endometriose.

Bei dieser chronischen Erkrankung wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter und verursacht starke Krämpfe und Schmerzen, insbesondere während der Menstruation. Schätzungsweise jede zehnte bis fünfzehnte Frau im gebärfähigen Alter leidet daran. „Die Forschung ist in Bezug auf Frauengesundheit oft noch rückständig, gleichzeitig ist der Leidensdruck riesig“, sagt Martin. Kurz darauf erscheint eine passende Förderausschreibung vom Bayerischen Gesundheitsministerium. Für die Wissenschaftlerinnen ist klar: jetzt oder nie. Aus dem Gespräch beim Mittagessen wird das Forschungsprojekt EndoKI.

Ein digitaler Zwilling für jede Patientin

„Der volkswirtschaftliche Schaden von Endometriose ist ähnlich hoch wie bei Diabetes, trotzdem kennt kaum jemand die Krankheit, und der Diagnoseweg ist lang“, sagt Mathis-Ullrich. Das liegt auch daran, dass Endometriose als Chamäleon-Krankheit gilt: Weil sich die Symptome von Frau zu Frau unterscheiden und zudem schwer von „normalen“ Regelschmerzen abgrenzen lassen, vergehen im Schnitt sieben bis zehn Jahre bis zu einer Diagnose. Manchmal sind mehrere Operationen nötig, um alle Gewebeherde zu entfernen. Genau dort setzt das Projekt EndoKI an.

Im Zentrum steht die Idee eines digitalen Zwillings für jede von den rund 300 Probandinnen: Ultraschall-, Ultraschallelastografie- sowie MRT-Daten werden zusammengeführt und später um Daten aus Bauchspiegelung und Histopathologie ergänzt. Ziel ist es, mehr Informationen und Daten zu haben, bevor eine Frau auf dem OP-Tisch liegt. „Wir hoffen, dass wir die Diagnostik so verbessern können, dass weniger operiert werden muss“, erklärt Mathis-Ullrich. Mit den erhobenen Daten sollen KI-Modelle trainiert werden, die in der Diagnostik und bei der optimalen Planung der OPs unterstützen können. EndoKI liegt an der Schnittstelle mehrerer Disziplinen und Universitäten. Besonders ist: Alle Initiatoren sind Frauen. Ein bewusstes „Frauen für Frauen“-Prinzip, wie Mathis-Ullrich es beschreibt. „Mit den Kolleginnen konnten wir ganz viel Expertise und Motivation in das Projekt bringen.“ Neben Mathis-Ullrich und Martin forschen Katharina Breininger, Dr. Stefanie Burghaus, Koordinatorin des Endometriosezentrums am Uniklinikum, und Prof. Dr. Julia Schnabel von der Technischen Universität München mit. Assoziiert sind zudem die ehemalige FAU-Forscherin Jana Hutter und die Endometriose-Vereinigung Deutschland.

Mittlerweile ist auch ein Mann mit an Bord: Prof. Dr. Matthias May, Radiologe am Uniklinikum Erlangen. Erstmals in Berührung mit Endometriose kam Mathis-Ullrich auf einer Konferenz in London. Eine Gynäkologin aus Rennes hielt dort einen Vortrag über robotisch unterstützte Operationen bei Endometriose. Bis dahin hatte Mathis-Ullrich noch nie von dieser Krankheit gehört. „Das war mein Aha-Moment“, sagt sie.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Das Bayerische Gesundheitsministerium fördert das Projekt mit drei Millionen Euro, ein Zeichen dafür, dass Frauengesundheit als Forschungsfeld ernster genommen wird. „Es war schon eine Achterbahnfahrt, weil es ein konkurrierendes Projekt gab“, sagt Medizintechnikerin Sina Martin. „Bis zur finalen Zusage haben wir gezittert“, ergänzt Mathis-Ullrich.

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Endometriose ist schwer zu diagnostizieren: Franziska Mathis-Ullrich und Sina Martin wollen das ändern. (Bild: FAU/Giulia Iannicelli)

Ungewöhnlich für ein technisches Forschungsprojekt: Mit Prof. Dr. Maria Rentetzi sind auch die Gender Studies Teil des Konsortiums. Qualitative Interviews werden mit den Betroffenen und den Forschenden geführt, denn ein Team mit so einer großen weiblichen Beteiligung ist sehr selten. sehr selten. Außerdem gibt es eine sogenannte Gender Health Gap, zum Beispiel, weil es noch keine Datensätze gibt, die erst im Rahmen von EndoKI erstellt werden. „Daran kann man sehen, wie ganzheitlich unser Projekt angelegt ist“, sagt Sina Martin.

Der Kreis schließt sich sogar international: Mit den Kolleginnen und Kollegen aus Rennes richtet EndoKI inzwischen jährlich einen Workshop zu Frauengesundheit auf einer der wichtigsten Konferenzen für medizinische Bildgebung aus. Zum Projektende, voraussichtlich 2028, ist zudem eine Veranstaltung für die Öffentlichkeit geplant: ein Hackathon für Studierende sowie eine Konferenz mit Betroffenen, Medizinerinnen und Forschenden.

Lea Kiehlmeier



https://www.fau.de/2026/11/news/forschung/medizintechnik/zwilling-gegen-chamaeleon
Autor
Unternehmen / Organisation
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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