4.11.2026 09:32

Lernen auf Augenhöhe

Deutschland Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Autor nicht angegeben
Das Projekt „Inklusive Bildung Bayern“ der FAU und der Access GmbH qualifiziert seit zweieinhalb Jahren erstmals in Bayern fünf Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zu Bildungsfachkräften. Sie vermitteln Studierenden ihre persönlichen Erfahrungen und gestalten Lehrveranstaltungen zu Inklusion mit, damit das Thema dauerhaft in die bayerische Hochschullehre integriert wird. Die dreijährige Qualifizierung soll den angehenden Bildungsfachkräften zudem den Weg zu festen Arbeitsplätzen an Hochschulen eröffnen.
KI-Zusammenfassung

Warum brauchen wir mehr Inklusion in der Lehre? Das wissen die angehenden Bildungsfachkräfte aus dem Projekt „Inklusive Bildung Bayern“ aus eigener Erfahrung – und geben ihr Know­how gerne weiter.

Die roten Karten auf dem Tisch vor Peter Kutzi sind deutlich in der Überzahl. Sie stehen für all das, was in seiner Schulzeit schlecht gelaufen ist, und das war jede Menge. Denn der 28-Jährige hat kognitive Einschränkungen – eine angeborene Herzerkrankung sowie eine Lern- und Entwicklungsverzögerung –, die jedoch beide erst spät diagnostiziert worden sind. „Bis dahin galt ich schlicht als schwieriges Kind und musste dauernd die Schule wechseln“, erinnert sich Kutzi und legt etliche weiße Karten auf den Tisch, die seine vielen Stationen aufzeigen: von der schulvorbereitenden Einrichtung und einer privaten Schule zur Lernförderung über staatliche Volksschulen bis hin zum Förderzentrum für motorische Entwicklung. „Da habe ich schließlich meinen Hauptschulabschluss gemacht“, sagt der 28-Jährige stolz und zückt seine erste grüne Karte. Die macht klar, dass etwas gut läuft in seinem Leben, was meistens dann der Fall ist, wenn er so lernen kann, wie es ihm liegt. „Der Kochunterricht hat mir zum Beispiel wirklich Spaß gemacht, denn ich konnte spielerisch lernen“, erzählt er mit einem Lächeln im Gesicht. Und dann spricht er über seine aktuelle Situation und seine Wünsche für die Zukunft – und hat plötzlich eine leuchtend grüne Karte mit einem großen Smiley in der Hand. Die steht für seine Qualifizierung zur Bildungsfachkraft, die er gerade im Projekt „Inklusive Bildung Bayern“ (IBB) macht.

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Auf farbigen Karten hat Marvin Volt, ebenfalls angehende Bildungsfachkraft, seine Lebensstationen notiert. (Bild: FAU/Giulia Iannicelli)

Vielfalt bereichert

Vor zweieinhalb Jahren brachten die FAU und die „Access – Inklusion im Arbeitsleben gemeinnützige GmbH“ das Pilotprojekt „Inklusive Bildung Bayern“ gemeinsam auf den Weg. Seitdem werden zum ersten Mal in Bayern fünf Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zu sogenannten Bildungsfachkräften qualifiziert – und die FAU nimmt damit eine Vorreiterrolle im Freistaat ein. „Wir vertreten die Überzeugung, dass Vielfalt unsere Gesellschaft bereichert, und engagieren uns für die gleichberechtigte Teil habe von Menschen mit Behinderungen“, erklärte Prof. Dr. Andreas Hirsch beim Start des Projekts. Als Vizepräsident People ist er unter anderem zuständig für Gleichstellung und Diversität und damit auch für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 in Deutschland gilt. Artikel 24 verpflichtet die Vertragsstaaten, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten, vom Kindergarten bis zur Universität. Doch wie kann dieses Ziel in der Lehre erreicht werden? „Wenn wir unsere Berührungsängste abbauen und miteinander reden statt übereinander“, sagt Projektleiterin Claudia Drechsel und nennt das „Lernen auf Augenhöhe“. Das funktioniert, davon ist sie überzeugt, und geht mit IBB mit gutem Beispiel voran. „Wir betrachten Menschen mit Behinderungen nicht als Zielgruppe von Bildungsangeboten, sondern als Expertinnen und Experten in Sachen Inklusion. Wir müssen ihnen nur zuhören, wenn sie von ihren persönlichen Erfahrungen und Wünschen erzählen.“ So wie das Peter Kutzi tut, wenn er seinen Bildungsweg heute mit Studierenden der Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftspädagogik teilt. Die Viertsemestler setzen sich im Modul Aus- und Weiterbildung mit dem Thema Inklusion auseinander, hatten bisher aber – bis auf wenige Ausnahmen – selbst noch nie Kontakt mit einem Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. „In unserem Projekt lernen sie die angehenden Bildungsfachkräfte persönlich kennen und schätzen. Das schafft kein Lehrbuch“, ist sich Drechsel sicher.

Ziel: Inklusion in die bayerische Hochschullehre implementieren

Damit der Austausch gelingt, setzen sich die angehenden Bildungsfachkräfte in ihrer dreijährigen Qualifizierung intensiv mit Wissen über Bildung und Teilhabe, Präsentation und Methoden der Bildungsarbeit auseinander. Sie lernen, wie sie ihre Erfahrungen professionell aufbereiten und Lehrveranstaltungen aktiv mitgestalten können – und wie sie zu sichtbaren Akteurinnen und Akteuren im Wissenschaftsbetrieb werden. Ziel ist es, das Thema Inklusion dauerhaft in die bayerische Hochschullehre zu implementieren. „Und natürlich streben wir an, dass unsere Bildungsfachkräfte am Ende ihrer Qualifizierung einen festen Arbeitsplatz an einer Hochschule bekommen“, sagt die Projektleiterin – und freut sich über die grüne Karte, die Peter Kutzi dafür sofort zückt.

Elke Zapf



https://www.fau.de/2026/11/news/lernen-auf-augenhoehe
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Unternehmen / Organisation
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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