Bitpanda bewirbt riskante Aktienhebel mit Prominenz
Bitpanda werbt mit Hollywood-Star Christoph Waltz für extreme Aktien- und ETF-Hebel bis zu 20x, warnt aber ausdrücklich, dass solche Hebelprodukte nichts für unerfahrene Anleger seien. Die Produkte funktionieren über Margin Trading, bei dem Anleger nur einen Bruchteil selbst investieren und den Rest leihen; Verluste können den Einsatz übersteigen. Es gibt Warnungen vor hohen Kosten durch Finanzierungsgebühren, automatische Verkäufe bei Schwellen und das Risiko eines Totalverlusts, zudem wird betont, dass Zugang und Verständnistest vor Nutzung erfolgen müssen. Kritiker betonen, dass Laien vor dem Zocken gewarnt werden sollten und Expertenrisiken bestehen.
Bitpanda wirbt mit Hollywood-Star Christoph Waltz für extreme Hebelprodukte auf Aktien und ETF. Die Produkte sind jedoch nichts für unerfahrene Anleger.
Christoph Waltz schwingt einen Dirigentenstab, darüber wirbt der Depot-Anbieter Bitpanda auf Webseiten wie bild.de für „Aktien & ETFs mit 20x Hebel“. Ein 20er Hebel bedeutet: Anleger können mit 1 000 Euro Einsatz Aktien im Wert von 20 000 Euro kaufen. Mit sogenanntem „Margin Trading“ lassen sich Gewinne vervielfachen, Verluste allerdings ebenfalls.
Tückisch: Der Verlust kann sogar höher ausfallen als das eingesetzte Geld. Mehr als 875 Aktien und ETF stehen bei Bitpanda für gehebelte Käufe zur Verfügung. Wie hoch der maximale Hebel ist, hängt vom Wertpapier ab. Bei manchen Aktien ist nur ein Hebel von 2 oder 5 möglich, bei anderen 10 oder 20. Beispielsweise gibt Bitpanda für die Allianz-Aktie, Google-Mutterkonzern Alphabet, Amazon und den Amundi MSCI World ETF derzeit einen maximalen Hebel von 20 an.
Aktien auf Kredit kaufen
Das Prinzip des Hebel-Kaufs: Anleger bringen nur einen Teil des Geldes selbst auf, den Rest leihen sie sich von Bitpanda. Bei einem Hebel von 20 reichen beispielsweise 1 000 Euro eigenes Geld aus, um Aktien oder ETF für 20 000 Euro zu kaufen. 19 000 Euro werden dem Anleger geliehen. Bitpanda betont, das sei kein Kredit, sondern ein „verzinstes Sachdarlehen“ in Form des Bitpanda-eigenen „E-Geld-Token“ EURCV. Eine juristische Feinheit, die aber für den Anleger auf das gleiche hinausläuft: Schulden bei Bitpanda. Der Anleger ist zwar Eigentümer der Aktien und ETF, aber die Anteile sind als Sicherheit verpfändet, bis der geliehene Betrag zurückgezahlt ist.
So funktioniert der Hebel
Um die Funktion der Hebel zu verstehen, gehen wir davon aus, dass der Anleger 1 000 Euro in eine Aktie mit 10-fach-Hebel investiert. Seine Gesamtinvestition beträgt damit 10 000 Euro, davon 9 000 Euro auf Kredit. Steigt der Wert der Aktie um 5 Prozent, steigt die Investition von 10 000 auf 10 500 Euro und der Gewinn beträgt dementsprechend 500 Euro, eine Rendite von 50 Prozent. Verliert die Aktie 5 Prozent an Wert, beträgt die Rendite minus 50 Prozent.
Wenn die Aktie nun insgesamt 10 Prozent an Wert verliert, beträgt der Gesamtverlust 1 000 Euro. Die Aktien werden aber vorher bei Erreichen einer Schwelle von Bitpanda automatisch verkauft, trotzdem kann laut Bitpanda der komplette Einsatz von 1 000 Euro weg sein.
Bitpanda betont, es könne Fälle geben, bei denen nicht „alle Beträge und Gebühren gedeckt“ seien. Es kann also sein, dass der Anleger noch zusätzliches Geld nachschießen muss. Bitpanda weist ausdrücklich darauf hin, dass Kunden mehr verlieren können als ihren ursprünglichen Einsatz.
Bitpanda gibt zudem für die einzelnen Aktien Liquidationsschwellen an, ab der die Wertpapiere automatisch verkauft werden können. Dann kommt es im Optimalfall nicht zum Totalverlust, aber es gibt auch keine Möglichkeit mehr, auf eine Erholung zu hoffen.
Verwirrende Beispielrechnungen
Ärgerlich: Bitpanda stellt auf ihrer Webseite „Margin Trading auf Aktien: So nutzt du den Hebel auf Wertpapiere“ verschiedene Beispielszenarien vor, in denen wir den Fall „Totalverlust“ nicht nachvollziehen konnten. Bitpanda hat uns gegenüber eingeräumt, dass die Rechnung fehlerhaft ist und korrigiert werden soll. Außerdem handele es sich nicht um „eine Beschreibung der konkreten Funktionsweise des über unsere Plattform zugänglichen Margin-Tradings“. Die Überschrift lässt jedoch anderes vermuten.
Verluste sind wahrscheinlich
Es gibt ähnliche Produkte – etwa sogenannte Turbo-Zertifikate – mit denen man ebenfalls mit Hebel auf bestimmte Basiswerte setzen kann. Eine Studie der Finanzaufsicht Bafin zu Turbo-Zertifikaten hat ergeben, dass im betrachteten Zeitraum von 2019 bis 2023 drei von vier Anlegern Verluste mit Turbo-Zertifikaten gemacht haben – im Durchschnitt fast 6 400 Euro pro Person. Die Vermarktung und der Vertrieb der Turbo-Zertifikate an Kleinanleger wurde daraufhin stark eingeschränkt. Differenzkontrakte (CFD) mit Hebelwirkung und Nachschusspflicht dürfen schon länger an private Anleger gar nicht mehr verkauft werden. Ökonomisch und vom Risiko her sind diese Produkte ähnlich wie das Angebot von Bitpanda.
Bitpanda betont jedoch, dass ihre Produkte sich „technisch und rechtlich“ von den Bafin-beschränkten Produkten „grundlegend“ unterscheiden würden. Auch die Bafin antwortet auf Nachfrage, dass „solches Angebot grundsätzlich nicht in den Anwendungsbereich der CFD-Allgemeinverfügung“ fällt. Grundsätzlich würde die Bafin aber fortlaufend prüfen, ob bei Finanzinstrumenten „erhebliche Bedenken für den Anlegerschutz vorliegen und der Erlass einer Produktinterventionsmaßnahme erforderlich ist“.
Bitpanda erklärt uns auf Nachfrage, dass die Produkte zwar beworben würden, der Zugang zu dem Produkt aber bewusst kontrolliert ausgestaltet sei. So müssten Anleger vor der ersten Nutzung des Margin Trading einen verpflichtenden Wissenstest absolvieren.
Kosten können schnell hoch werden
Solche Produkte sind nur für kurzzeitige Spekulationen geeignet, nicht zum längeren Anlegen. Das spiegelt sich auch in der Kostenstruktur wieder. Der Kauf selbst ist laut Bitpanda gebührenfrei. Beim Verkauf fällt derzeit eine Gebühr von 1 Euro an. Deutlich stärker ins Gewicht fallen bei längerer Haltedauer die Finanzierungskosten. Bitpanda nennt derzeit eine tägliche Finanzierungsgebühr von 0,18 Prozent – das fällt bei normalen ETF im Jahr an. Die Finanzierungsgebühren sinken, je länger man das Geld leiht. Nach Tag 60 nehmen sie ab. Die Gebühr wird in Teilbeträgen alle vier Stunden berechnet.
Die Finanzierungskosten betreffen das geliehene Kapital und nicht nur das eigene Geld. Bei einem hohen Hebel sind die Kosten deshalb im Verhältnis zum eingesetzten Eigenkapital erheblich. 0,18 Prozent von 9 000 Euro Kredit bedeuten 16,20 Euro Kosten pro Tag – fast 500 Euro nach einem Monat.
Vorsicht: Nicht für Laien geeignet
Hebelprodukte können für sehr erfahrene Anleger ein Instrument sein, um kurzfristig auf Kursbewegungen zu setzen. Das kann aber auch furchtbar schief gehen. Wir finden es daher unpassend, solche komplexen Instrumente mit populären Stars auf einer Boulevard-Webseite zu bewerben. Bitpanda äußert sich uns gegenüber dazu: „Wir nehmen die Bedenken hinsichtlich des Werbeumfelds ernst und stellen sicher, dass diese Kommunikation den regulatorischen Vorgaben entspricht.“
Die Stiftung Warentest findet: Laien sollten nicht zum Zocken verleitet werden. Bei großem Hebel können schon kleine Kursverluste große Teile des eingesetzten Kapitals vernichten, bis zu dem Punkt, wo alles verzockt ist. Eine solcher Kauf muss ständig im Blick behalten werden und sollte nicht langfristig laufen gelassen werden. Hinzu kommen hohe laufende Finanzierungskosten und das Risiko, im Extremfall mehr als den ursprünglichen Einsatz zu verlieren.