4.11.2026 09:32

Was niemals verloren war

Nemecko Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Autor neuvedený
Während der NS-Zeit wurde zahlreichen Forschenden aus ideologischen und politischen Gründen der Doktortitel entzogen; an der FAU sind bislang 129 solche Fälle eindeutig belegt. Die Universität betont, dass die Entzüge gegen rechtsstaatliche Grundsätze verstießen und die Doktortitel daher weiterhin gültig sind. Bei einer Rehabilitierung im Rahmen der Promoviertenfeier wurden die Betroffenen sichtbar gewürdigt; die FAU veröffentlicht ihre Namen auf ihrer Website, wobei die Liste wegen der Quellenlage nicht vollständig sein muss.
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In der NS-Zeit wurde aus ideologischen Gründen vielen ihr Doktortitel entzogen. Ein Unrecht von Anfang an.

Sein konzentrierter Blick ruht auf den hellen und dunklen Quadraten des Bretts vor ihm. Bedächtig zieht er an seiner Zigarre, dann bewegt er seinen König auf Position c2. Es ist der finale Zug, der ihn 1894 zum ersten deutschen Schachweltmeister macht. Bevor Emanuel Lasker 1900 in Erlangen mit seiner Dissertation „Über Reihen auf der Convergenzgrenze“ promovierte, lebte er ein außergewöhnliches Leben als erfolgreicher Schachspieler. Da der Traum einer akademischen Karriere in den USA sich nicht wie erhofft erfüllte, blieb er dem Spiel der Könige länger treu als geplant. Und dann entzogen die Nazis ihm 1939 im Zuge seiner Ausbürgerung den Doktortitel.

Diese Aberkennung der wissenschaftlichen Leistung, der Ausschluss aus der akademischen Gemeinschaft: Es ist ein Schicksal, das Lasker nicht alleine trug. Im Deutschland von 1933 bis 1945 wurde zahlreichen Forschenden der Doktortitel abgesprochen, weil sie zum Beispiel jüdisch waren oder sich gegen das nationalsozialistische Regime gewandt hatten.

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Mit dieser Bekanntmachung vom 1. Februar 1939 erklärte der damalige Rektor der FAU, Herman Wintz, den Entzug des Doktortitels von Emanuel Lasker. (Bild: Universitätsarchiv der FAU)

Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit

An der FAU selbst konnten bisher aufgrund der verfügbaren Unterlagen insgesamt 129 eindeutig ideologisch und politisch begründete De-Promotionen durch die Nationalsozialisten festgestellt werden: zum Beispiel Elisabeth Hölzl, auch Else genannt. Sie schrieb ihre Dissertation über „Die Gemeindefinanzen der Stadt Fürth in Bayern von 1808–1913“ und wirkte nach ihrer Promotion von 1919 bis 1922 als eines der ersten weiblichen Mitglieder im Stadtrat von Fürth.

Oder der Mediziner Nathan Wolf, der 1914 in Erlangen promovierte. Für seinen tapferen Einsatz im Ersten Weltkrieg erhielt er noch das Eiserne Kreuz. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs entzog man ihm die Staatsbürgerschaft und den Doktortitel.

Oder der Jurist Emil Thalmann, der bis November 1938 als Rechtsanwalt in Nürnberg tätig war. Nach seiner Emigration in die Niederlande wurde ihm 1940 der Doktortitel abgesprochen. Er starb vier Jahre später im Konzentrationslager Ausschwitz.

„Diese Entzüge von Doktorgraden aus ideologischen Gründen verstießen gegen elementare Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit“, erklärt Universitätsarchivar Dr. Clemens Wachter. „Jene De-Promotionen sind daher nach unserer freiheitlich-demokratischen Rechtsauffassung von Anfang an nichtig und die erworbenen Titel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach wie vor gültig.“ Wachter ist Teil der Arbeitsgruppe „Erinnerungskultur“ an der FAU, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Rehabilitation dieser Forschenden noch besser sichtbar zu machen.

Ein Akt der Sichtbarmachung

„Die diesjährige Rehabilitierung im Rahmen der Promoviertenfeier war eine Betonung der Nichtigkeit dieser Doktorgradentzüge und stellt einen bedeutsamen Akt der Sichtbarmachung dieser Unrechtsakte für die Gesellschaft und die Welt der Wissenschaft dar. Seither werden diese Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsstaats auf der Homepage der FAU namentlich gewürdigt, wobei diese Auflistung aufgrund der Quellenlage nicht als abschließend gelten kann“, so Wachter. Er fügt hinzu: „Die Universität hat diese Einmischung in akademische Angelegenheiten wie dem Promotionsrecht seinerzeit ohne Gegenwehr hingenommen.“

Auch für die Nachfahren der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sei die Rehabilitation ein wichtiges Zeichen. Ruth Budd, die Tochter von Lilli Bechmann-Rahn, erinnerte sich in ihrem Grußwort zur Stiftung des „Lilli-Bechmann-Rahn-Preises“ daran, wie die Ausbürgerung und der Entzug des Doktortitels auf ihre Mutter nachwirkten: „[Es ist] traurig, dass die Umstände ihrer Emigration […] sie völlig verändert haben. Sie sprach nie über ihre Erfahrungen als […] Geisteswissenschaftlerin, nicht über ihre Arbeit an der Universität oder ihre Doktorarbeit […]. Diese Bereiche ihres Lebens haben die Nazis abgetötet.“

Jennifer Utley



https://www.fau.de/2026/11/news/universitaet/magazin/magazin-2026/vielfalt-2026/was-niemals-verloren-war
Autor
Spoločnosť / Organizácia
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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