27.10.2026 09:22

Nachhaltigkeit steckt an

Nemecko Technische Universität München Autor neuvedený
Im sechsmonatigen Circularity Bootcamp am TUM Campus Straubing testen Studierende, wie nachhaltiges Leben im ländlichen Raum gelingen kann und wie Gemeinschaft andere dazu anregen kann. Sie erproben unter anderem Mülltrennung, Lebensmittelverwertung, Tauschen, Ausleihen und Reparieren und teilen ihre Erfahrungen auf Social Media. Die Beteiligten betonen, dass viele nachhaltige Veränderungen sich leichter in den Alltag integrieren lassen als erwartet; künftig soll geprüft werden, ob das Bootcamp zu einem dauerhaften Lehrformat wird und sogenannte Circularity Scouts die Erkenntnisse weitergeben können.
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Im Circularity Bootcamp erproben Studierende des Campus Straubing, wie sich nachhaltiges Leben im ländlichen Raum umsetzen lässt, wie sie andere Menschen dafür begeistern können und welche Rolle Gemeinschaft dabei spielt.

Ein grantiges „Mach mal die Bahn frei!“ am Grünschnitt, ein freundliches „Tschuldigung“ am Sperrmüll und ein sanftes „Darf ich?“ bei der Stretchfolie. Es ist viel los am Dienstagmorgen auf dem Wertstoffhof in Straubing in Niederbayern. Mitten im Gewusel stehen Max, Eva, Kate und Richard. Für sechs Monate nehmen sie am Circularity Bootcamp (CiBoo) teil und erkunden, wie nachhaltigeres Leben in einer ländlich geprägten Region gelingen kann.

Warum das wichtig ist, erklärt Magnus Fröhling, Professor für Circular Economy and Sustainability Assessment am TUM Campus Straubing: „Nachhaltigkeit wird bislang häufig im Kontext großer Städte erforscht. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt jedoch in ländlichen Regionen. Deshalb müssen wir besser verstehen, wie ein nachhaltigeres Leben auch in diesen Regionen gelingen kann.“

Fröhling forscht zu der Frage, wie nachhaltige Wirtschafts- und Industriesysteme gestaltet werden müssten. Gemeinsam mit Sebastian Goerg, Professor für Economics an der TUM, hatte er deshalb die Idee für CiBoo: Studierende sollen über einen längeren Zeitraum hinweg testen, welche Herausforderungen der Alltag bereithält und was nachhaltiges Verhalten erleichtert. In thematischen Challenges sollen sie ressourcenschonende Verhaltensweisen erproben und ihre Erfahrungen auf Social Media dokumentieren.

Eine dieser Challenges steht beim Besuch auf dem Wertstoffhof an. Mitarbeiter bringen drei Wäschewannen „Gemischtes“, die die Studierenden fachgerecht sortieren und entsorgen sollen. Schnell zeigt sich, dass der Sammelbegriff „Müll“ eine Vielzahl unterschiedlichster Materialien umfasst. Rostschutzfarbe, Aluminium und Weinflaschen sind noch leicht voneinander zu unterscheiden. Doch wo kommt der Gartenzwerg hin? Beim Plastik wird es schließlich noch schwieriger. Konzentriert lesen die Bootcamp-Teilnehmenden die Unterseiten der verschiedenen Kartons und Behälter. Handelt es sich um Polyethylen, wie man es von Shampooflaschen kennt? Polypropylen, beispielsweise bei Joghurtbechern? Oder doch Polystyrol, das häufig bei Einwegbesteck oder auch CD-Hüllen genutzt wird? Je nach Material müssen die Teile in verschiedenen Behältern entsorgt werden.

Während die Gruppe noch die Codes auf den Verpackungen vergleicht, schieben sich immer wieder Straubingerinnen und Straubinger mit ihren Müllbeuteln an ihr vorbei. Für sie gehört dieser Weg zum Alltag. Anders als in vielen anderen Städten verschwinden die Wertstoffe nicht im Gelben Sack oder in der Wertstofftonne, sondern werden selbst zum Wertstoffhof gebracht und getrennt.

Aber lohnt sich dieser Aufwand überhaupt? Ist Kunststoff nicht am Ende Kunststoff? Inka Hahn, Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Magnus Fröhling, verneint: „Kunststoffe unterscheiden sich stark darin, wie gut sie recycelt und somit im Kreislauf gehalten werden können. Einige Kunststoffe lassen sich wiederholt hochwertig recyceln. Andere können nur noch für Produkte geringerer Qualität weiterverwendet werden oder landen schließlich in der Verbrennung.“

Nach einer Weile geht auch den Studierenden die Trennung flotter von der Hand. Sie sehen sogar so fachkundig aus, dass ein weiterer Besucher sie um Rat fragt. Mit weit ausgestreckten Armen hält er einen Berg Folien vor sich: „Wo gehören die hin?“ Die Gruppe weiß tatsächlich Rat und weist ihn zum richtigen Container.

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Sustainability an der TUM

Challenges in der Nachhaltigkeits-WG

Etwas später sitzen die Studierenden in der WG-Küche. Auch Mitbewohnerin Michelle ist jetzt dabei. Schnell wird deutlich, dass es der Gruppe nicht um Perfektion geht, sondern darum, Neues auszuprobieren und andere daran teilhaben zu lassen. Sie sind auf Instagram aktiv und berichten über die Challenges, beispielsweise das Färben von Ostereiern mit Kurkuma und Rotkohl, ihre Brotback-Versuche und kleine Änderungen im Alltag wie regelmäßiges Schuheputzen, damit diese länger halten. „Menschen wollen nicht bis aufs Kleinste kontrolliert werden, aber sie informieren sich gerne auf unterhaltsame Art“, sagt Kate. „Deshalb versuchen wir mit gutem Beispiel voranzugehen, statt anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben.“

Viele der Challenges drehen sich darum, wie man als Gemeinschaft eine Aufgabe lösen kann. Bei einem Koch-Event verarbeiteten sie von der Initiative Foodsharing „gerettetes“, nicht mehr verkäufliches Obst und Gemüse zu verschiedenen Gerichten, die alle probieren können. Ein von der WG aufgestelltes Regal im Fahrradkeller des Wohnheims dient als Tauschplatz für ausrangierte Gegenstände. „Bei der Eröffnung hat sich das Regal so schnell gefüllt und wieder geleert, dass ich gar keinen Überblick darüber habe, was da alles angeboten wurde“, freut sich Kate.

Leihen, reparieren, inspirieren

Teils konnte die Gruppe bereits bestehende Angebote in Straubing nutzen. „Wir haben einen Filmabend im Wohnheim organisiert und dafür im Leihcafé einen Beamer ausgeliehen. Jetzt nutzen auch andere Bewohnerinnen und Bewohner das Leihcafé“, erzählt Eva. Die Gruppe freut sich sichtlich, dass der Impuls aufgegriffen wurde. Richard sieht darin einen sozialen Effekt: „Man orientiert sich stark an den Menschen, mit denen man viel zu tun hat.“ Auch der Besuch im Repaircafé ist ihnen in lebhafter Erinnerung geblieben: Zwei Stunden stand die Gruppe mit einem defekten Föhn zwischen überwiegend älteren Straubingerinnen und Straubingern in der Warteschlange. Den Föhn konnten sie retten: Ein Schalter war defekt.

Für Dr. Vanessa Heinrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Circular Economy and Sustainability Assessment, zeigt der große Andrang beim Repaircafé, dass Dinge oft zu schnell entsorgt werden, obwohl sie noch repariert werden könnten. „Das betrifft besonders Gegenstände, die klein genug sind, um im Hausmüll entsorgt zu werden, unter anderem auch Elektronik. In diesem Bereich gehen sehr viele Ressourcen verloren. Bei Seltenen Erden liegen die Recyclingquoten unter einem Prozent.“ Derzeit werden Smartphones in Deutschland im Durchschnitt nach zweieinhalb Jahren ersetzt. Eine durchschnittliche Nutzungsdauer von fünf bis sieben Jahren könnte die Treibhausgasemissionen in diesem Bereich um etwa die Hälfte reduzieren. Max hat deshalb Inspiration aus dem Repaircafé mitgenommen und später noch selbst einen neuen Akku in sein Smartphone eingebaut.

Und wie fällt das Fazit nach einigen Monaten des Erprobens, Ausleihens und Reparierens aus? Für Michelle ist die Antwort einfach: „Ich hatte vorher nicht viele Anknüpfungspunkte an das Thema und deshalb schon Respekt vor der Aufgabe. In meiner Heimat Mexiko ist es zum Beispiel ganz normal, beim Einkaufen Plastiktüten zu bekommen. Heute würde ich sagen: Die meisten Dinge lassen sich einfacher in den Alltag integrieren, als ich erwartet hatte.“

Auch Magnus Fröhling plädiert für weniger Scheu vor Nachhaltigkeit im Alltag: „Viele befürchten, dass Nachhaltigkeit mit Nachteilen verbunden ist. Tatsächlich lässt sich in vielen Bereichen nachhaltiger leben, ohne auf Lebensqualität zu verzichten, auch wenn manches vielleicht erst einmal eine Umstellung erfordert. In einem nächsten Schritt möchten wir deshalb erforschen, ob sich das Konzept in ein dauerhaftes Lehrformat überführen lässt und wie sich unser Ansatz auf das Wissen, die Handlungskompetenzen, die Motivation und nachhaltige Verhaltensweisen der Studierenden niederschlägt. Ausgewählte Studierende, sogenannte ‚Circularity Scouts‘, sollen dazu beitragen, die gewonnenen Erkenntnisse an ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen weiterzugeben.“

Ein Beitrag aus der vierten Ausgabe des TUM Magazins.



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