2.11.2026 13:51

Zum Spielen gebaut

Germany Technische Universität München Unknown author
TUM-Professor Francis Kéré entwarf die Kinderoase als kindgerechten Ort zum Spielen und Zurückziehen auf einem begrenzten Grundstück an der stark befahrenen Gabelsbergerstraße. Weil ein unterirdischer Versorgungsschacht den Kellerbau verhinderte, wurde das Gebäude in die Höhe entwickelt und erhielt mit der „Himmelswiese“ einen Spielbereich im Freien auf dem Dach. Der Massivholzbau ließ sich zügig vorfertigen und errichten; passive Belüftung und Holz als nachwachsender, CO₂-bindender Baustoff greifen laut Kéré zentrale Nachhaltigkeitsthemen auf. Die von Ingeborg Pohl gestiftete Kindertagesstätte soll Kindern und Eltern zugutekommen und Architektur schaffen, die inspiriert und zum Nachdenken anregt.
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Mit der neuen Kinderoase zeigt TUM-Professor Francis Kéré, wie sich nachhaltiger Holzbau und kindgerechte Architektur mitten in der Stadt verbinden lassen. Im Interview spricht er darüber, was ihm an der neuen Kindertagesstätte besonders gefällt und was für ihn gelungene Architektur ausmacht.

Herr Kéré, die Kinderoase an der TUM steht und die Reaktionen zum Bau überschlagen sich. Nehmen Sie uns nochmal mit an den Anfang: Welche Vision hat den Entwurfsprozess getragen?

Kinder spielen. Das war der Kern der Idee. Wie kann ich innerhalb eines sehr kleinen Grundstücks, eines sehr begrenzten Raums, einen Ort für Kinder schaffen? Wie bewegen sie sich? Was brauchen sie? Kindergarten heißt Spiel- und Rückzugsmöglichkeiten, zusammen zu sein in Gruppen und für mich persönlich bedeutet es auch Erdverbundenheit. Aber auf dem Grundstück hatten wir all das nicht. Man musste daher alles nach oben stapeln. Trotzdem sollten sich die Kinder frei bewegen, sowohl drinnen als auch draußen toben können und mit Erde, Luft und Natur verbunden sein. Daher haben wir die sogenannte „Himmelswiese“ geschaffen: einen Spielraum im Freien, oben auf dem Gebäude.

Wie sehr haben die Bedingungen des Grundstücks an der dicht bebauten, stark befahrenen Gabelsbergerstraße den Entwurf bestimmt?

Ursprünglich hatten wir einen Kellerraum geplant, um mehr Platz zu schaffen. Allerdings fanden wir darunter einen Schacht, drei Meter hoch und vier Meter breit. Dort verlaufen viele Leitungen, die auch die Universität versorgen. Deshalb mussten wir viel mehr in die Höhe gehen. Ich wollte daher die vertikale Idee noch weiterspinnen und auch das Dach der Mensa in eine Spielwiese verwandeln. Ich wollte, dass auch die Studierenden, Eltern und andere nach oben gehen können. Das wäre ein Raum gewesen, der für alle offen ist. Diese fantasievolle Idee konnte leider nicht realisiert werden.

Für deutsche Verhältnisse wurde das Gebäude sehr schnell fertiggestellt. Welche Rolle spielte hierfür das Bauen mit Holz?

Das Baumaterial Holz hat vieles beschleunigt. Außerdem adressiert die Materialwahl Themen, die heute sehr wichtig geworden sind: globale Erwärmung, Materialverknappung und CO₂-Ausstoß. Gerade im Bereich des Bauens und der Architektur wird sehr viel ausgestoßen. Darauf wollen und müssen wir reagieren. Holz wächst nach und Bäume nehmen während ihres Wachstums CO₂ aus der Atmosphäre auf. In langlebigen Holzbauten bleibt der Kohlenstoff gebunden.

Die Kinderoase ist in Massivholzbauweise errichtet, in Zusammenarbeit und mit der Expertise unseres ehemaligen Professors Hermann Kaufmann. Nur der Kern besteht aus Beton, aus Sicherheitsgründen und als Fluchtweg. Nachdem die Entscheidung für Holz klar war, ging das Bauen außerdem sehr zügig, da man vorfertigen und aufbauen konnte.

Wann ist Architektur für Sie generell gelungen?

Architektur ist dann gelungen, sobald eine Funktion gesichert wird und ein Raum einen bestimmten Zweck richtig erfüllt.

Architektur kann auch als geglückt betrachtet werden, wenn ein Gebäude inspiriert. Und ich wollte, dass dieses Gebäude besonders für Kinder eine Art Inspiration ist. Aber Architektur gelingt auch, wenn sie die Menschen, die nur daran vorbeigehen, ein bisschen zum Nachdenken anregt und Frische bringt, ein Gespräch oder eine Debatte auslöst und nicht einfach nur neutral dasteht.

Darüber hinaus kann Architektur heutzutage nur dann als gelungen angesehen werden, wenn sie aktuelle, relevante Themen aufgreift. Ein Beispiel dafür ist die passive Belüftung: Der Kern der Kinderoase ist im Grunde ein Kamin. Er zieht die Luft nach oben, das Gebäude atmet. Dadurch findet eine natürliche Luftzirkulation statt, was wichtig ist – gerade an der stark befahrenen Gabelsbergerstraße mit hohem Schadstoffausstoß. Ein Thema, das für mich auch noch bedeutsam ist, ist die Infrastruktur als solche. Direkt neben der Universität einen Ort zu schaffen, an dem Eltern ihre Kinder gut versorgt wissen. Vielleicht ist das auch eine Form sozialer Nachhaltigkeit.

Das Spielerische nicht zu vergessen. Warum ist die Rutsche Ihr persönliches Highlight in der Kinderoase?

Die älteren Kinder rutschen hinunter, die jüngeren sehen zu. Sie sehen die Begeisterung der anderen und werden motiviert. Die, die nur zuschauen, denken: Das will ich auch machen! Die Rutsche schafft eine altersübergreifende Verbindung. Man wird animiert, es den anderen gleichzutun. Auch das ist Pädagogik.

Wie fühlt es sich an, gerade auch in den vielen Presseberichten zum Bau, immer wieder als ‚Stararchitekt‘ bezeichnet zu werden?

Vor Jahren, als ich aus Interesse Artikel über Gebäude anderer gelesen habe, habe ich immer wieder gesehen, dass Leute so genannt wurden. Für mich war das eine Kategorie, zu der ich nicht wirklich gehöre. Jetzt ist es so, dass Menschen mir mit meinem bescheidenen Erfolg vielleicht ein Lob aussprechen wollen – wenn das überhaupt Lob ist. Ich frage mich dabei vorsichtig: Bin ich das? Reden sie tatsächlich über mich? Aber ich nehme es nicht ernst, weil ich weiß, wer ich bin. Ich versuche, meine Sachen so auszudrücken, dass ich niemandem schade oder niemanden geringschätze, nur weil ich mit einem Bau mehr Sichtbarkeit erreicht habe als andere oder in einem bestimmten Thema positiv aufgefallen bin.

Gerade in der Architektur bewegen wir uns in einer interdisziplinären Arbeitsweise. Alleine tut man nichts. Alles ist ein Gemeinschaftswerk. Deshalb verwende ich immer diese afrikanische Redewendung: Eine Hand allein kann kein Mehl schöpfen.

Die Kinderoase wäre ohne das Engagement der Stifterin Ingeborg Pohl nicht möglich gewesen. Braucht es mehr philanthropisches Engagement für Bildungs- und Sozialbauten?

Ja, der Staat kann nicht alles stemmen. Wenn der Staat etwas macht, dann geschieht das innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen. Es ist nicht einfach, so ein Gebäude hinzustellen. Man braucht Menschen, die sich engagieren.

Ingeborg Pohl wollte unbedingt etwas für die Universitätsgemeinschaft der TUM tun. Der ehemalige Präsident Wolfgang A. Herrmann hat uns vor Jahren zusammengebracht. Wir konnten von Anfang an offen miteinander sprechen und haben eine gemeinsame Grundvision für das Projekt entwickelt. Sie hatte eine sehr klare Vorstellung davon, was sie wollte. Für mich war es das Wichtigste, dass dieser Ort überhaupt entsteht und Kinder wie Eltern davon profitieren. Und durch ihr Einwirken ist das Gebäude vielleicht sogar mehr geworden, als wir uns ursprünglich erhofft hatten.

Ein Artikel aus der vierten Ausgabe des TUM Magazins.



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