Brasilien: Schnell noch heiraten aus Angst das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe zu verlieren
Eine Studie der Universitäten Tübingen, Valencia und der Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel zeigt, dass die Zahl gleichgeschlechtlicher Eheschließungen in Brasilien nach der Wahl von Jair Bolsonaro 2018 vorübergehend stark angestiegen ist, insbesondere in Städten mit hoher Bolsonaro-Unterstützung. Grund dafür seien die Befürchtung eines möglichen Rechtsverlusts sowie wirtschaftliche und rechtliche Vorteile der Heirat, wodurch Paare die Eheschließung stärker priorisierten. Der Anstieg war überwiegend bei lesbischen Paaren zu beobachten; nach dem Amtsantritt sanken die Zahlen wieder auf das Vorwahl-Niveau, blieben aber insgesamt erhöht gegenüber der Zeit vor der Wahl.
Zahl lesbischer und schwuler Trauungen stieg nach Wahl Jair Bolsonaros im Jahr 2018 zum Präsidenten vorübergehend sprunghaft an – Stärkster Anstieg vor Amtsantritt in Hochburgen Bolsonaros
Die Wahl Jair Bolsonaros, der sich wiederholt homophob geäußert hatte, im Jahr 2018 zum Präsidenten Brasiliens hat dort die Zahl gleichgeschlechtlicher Trauungen vorübergehend sprunghaft ansteigen lassen. Der Anstieg war in den Städten und Gemeinden besonders hoch, in denen zuvor besonders viele Wählerinnen und Wähler für Bolsonaro gestimmt hatten. Das zeigt eine Studie der Universitäten Tübingen und Valencia sowie der Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel, die im Journal of Population Economics erschienen ist.
„Bereits ein befürchteter Verlust von Rechten kann das Verhalten der Angehörigen von Minderheiten direkt beeinflussen – sogar dann, wenn die Furcht unbegründet ist und sich die Rechtslage wie in Brasilien gar nicht ändern kann“, sagt Mateus Maciel, einer der Autoren der Studie und Doktorand im Bereich Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Arbeitsmärkte. Für die Forschenden stellt das kein irrationales Verhalten dar, weil die Betroffenen die Kosten eines möglichen Verlusts auf ihr Recht zu heiraten höher bewerten als die Kosten einer Eheschließung. Es genüge also bereits eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine Gesetzesänderung, um die spontanen Eheschließungen auszulösen.
Daten aus knapp 5000 Städten und Gemeinden
Die Forschenden werteten die Anzahl gleichgeschlechtlicher Eheschließungen in 4905 Städten und Gemeinden Brasiliens aus. Dabei betrachteten sie den Zeitraum von 36 Monaten vor und 12 Monaten nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 7.Oktober 2018. „In dieser ersten Runde wählen die Menschen üblicherweise ihre tatsächlich bevorzugte Kandidatin oder ihren bevorzugten Kandidaten. Danach wählen die Menschen strategisch“, sagt David Zuchowski, Co-Autor der Studie. „Das Ergebnis zeigte uns also, wie groß die Unterstützung für Jair Bolsonaro in den einzelnen Orten tatsächlich war.“ Daraufhin verglichen die Forschenden, wie sich die Zahl der Eheschließungen schwuler und lesbischer Pärchen in Orten mit hoher und wie in solchen mit niedriger Zustimmung entwickelte.
September 2018, der Monat vor der Präsidentschaftswahl, diente dabei als Vergleichsmonat für die Entwicklung gleichgeschlechtlicher Eheschließungen. Deren Zahl sprang zwischen dem Wahlmonat Oktober und Bolsonaros Amtsantritt im Januar 2019 sprunghaft an. Innerhalb dieser vier Monaten wiederum erfolgte der stärkste Anstieg im Dezember, kurz vor Amtsantritt: In Orten, in denen der Stimmenanteil für Jair Bolsonaro um zehn Prozentpunkte höher lag, betrug der Anstieg gleichgeschlechtlicher Eheschließungen zum Vergleichsmonat rund 85 Prozent, entsprach also knapp einer Verdoppelung der Fallzahlen. In den 36 Monaten vor der Wahl im Oktober 2018 lag der Wert beständig auf einem niedrigeren Niveau.
Die Grafiken zeigen die monatliche Entwicklung der Zahl gleichgeschlechtlicher Hochzeiten – in Summe und unterteilt auf lesbische und schwule Paare – per 100.000 Einwohner zwischen Oktober 2015 und Oktober 2019. Die je drei horizontal verlaufenden Linien sind kategorisiert entsprechend dem Anteil der Stimmen für Bolsonaro in Städten und Gemeinden in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen. Die vertikale schwarze Linie markiert die Wahl Bolsonaros, die rote vertikale Linie seinen Amtsantritt.
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