27.10.2026 12:07

Einsam unter vielen: Jugend ohne Geselligkeit?

Österreich Diakonie Österreich Autor nicht angegeben
KI-Zusammenfassung

Einsamkeit wird oft mit dem Alter verbunden. Was weniger bekannt ist: auch Jugendliche sind zunehmend von Einsamkeit betroffen.

Einsamkeit gilt als Phänomen unserer Zeit und als Begleiterscheinung unserer individualistischen, digitalisierten Welt. Oft wird Einsamkeit mit dem Alter verbunden: Menschen, die allein leben, Familien, die weit entfernt sind, Krankheit oder eingeschränkte Mobilität. Bei Jugendlichen sieht das Bild auf den ersten Eindruck anders aus. Sie sind in der Schule, treffen Freund:innen, schreiben Nachrichten und sind über soziale Medien miteinander “connectet”. Doch Nähe lässt sich nicht zählen. Man kann in einem vollen Raum unter vielen Menschen sitzen und sich trotzdem fragen, ob überhaupt jemand bemerken würde, wenn man plötzlich nicht mehr da wäre. Man kann lachen, posten und Nachrichten bekommen und gleichzeitig den Eindruck haben, dass niemand weiß, wie es einem wirklich geht.

Genau darin liegt die Tücke von Einsamkeit bei Jugendlichen: Nach außen ist sie schwer zu erkennen. Ein Jugendlicher kann Hunderte Menschen in sozialen Netzwerken kennen und sich trotzdem nicht verbunden fühlen. Denn wir leben in einer Welt, in der es so leicht ist, in Kontakt zu kommen und gleichzeitig schwer, sich wirklich nahe zu fühlen.

Was die Pandemie verändert hat

Ein tiefer Einschnitt war die Covid-19-Pandemie Vor allem für Kinder und Jugendliche brachen innerhalb kurzer Zeit viele selbstverständliche Begegnungen weg (die einen wichtigen Faktor für die psychische Gesundheit spielen): Schule, Freundschaften, Sport, gemeinsame Erlebnisse und körperliche Nähe. Stattdessen Homeschooling, Online-Spiele, Chatrooms und Zoomtreffen. Viele Jugendliche verbrachten diese Zeit zu Hause, häufig allein im eigenen Zimmer, nur via Bildschirm mit der Welt vebunden. Die digitalen Medien können zwar Kontakt ermöglichen und aufrechterhalten, aber sie können persönliche Begegnung niemals ersetzen. Jugendliche verlernen mit der Zeit also, wie man aufeinander reagiert, Körpersprache liest, zuhört, sich streitet und wieder versöhnt, tröstet oder einfach miteinander schweigt.

Rückzug dank technischem Fortschritt

Wir sind ständig verbunden, aber immer seltener miteinander. Alle schauen denselben Film, spielen dasselbe Spiel oder verfolgen denselben Trend und doch sitzt jede/r für sich allein vor dem eigenen Bildschirm. Auch der kürzlich erschienene Film Toy Story 5 greift die Konkurrenz zwischen klassischem Spielen und digitaler Unterhaltung auf. Spielzeuge müssen sich gegen Konsolen, Tablets und Smartphones behaupten. Jeder der Kinder hat, weiß wie dieser Kampf im echten Leben ausgeht.

Ein Like kann keine Umarmung ersetzen

Was bedeutet dieser technische Fortschritt für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Ein Like kann zwar Aufmerksamkeit schenken. Eine Nachricht kann Nähe vortäuschen. Ein Emoji kann Trost ausdrücken. Aber ein Like ersetzt keine Umarmung. Junge Menschen brauchen Orte, an denen sie einfach zusammen sein können, ohne Leistungsdruck, ohne Publikum und ohne dem Gefühl, ständig etwas darstellen zu müssen.

Die unsichtbare Seite der Einsamkeit

Einsamkeit bedeutet nicht, keine Menschen um sich zu haben. Entscheidend ist: wieviel Beziehung wünsche ich mir und wieviel hab ich tatsächlich? Je größer diese Lücke, umso schwieriger. Gerade Jugendliche verstecken diese Diskrepanz häufig, denn wer möchte denn schon zugeben, einsam zu sein? Niemand spricht gerne darüber, denn das Gefühl ist mit großer Charme verbunden. Obendrein ist die Jugend ohnehin eine schwierige Zeit voller Veränderungen. Freundschaften werden wichtiger, die eigene Persönlichkeit entwickelt sich und gleichzeitig wächst der Druck, dazu zu gehören. Man will akzeptiert werden und das Gefühl haben: hier bin ich richtig, hier muss ich mich nicht verstellen. Doch wenn das Gefühl der Zugehörigkeit fehlt, beginnen Jugendliche oft, sich selbst zu hinterfragen: Bin ich zu langweilig? Nicht schön genug? Zu anders? Dabei kann sich jeder mal einsam fühlen, auch diejenigen, die nach außen selbstbewusst und glücklich wirken.

Wenn Einsamkeit krank machen kann

Starke und anhaltende Einsamkeit steht mit geringerer Lebenszufriedenheit und psychischen Belastungen in Zusammenhang. Beschrieben werden unter anderem Depressionen, Schlafprobleme, Nervosität und psychosomatische Beschwerden. Auch körperliche Gesundheitsprobleme können ein Resultat von Einsamkeit sein. Die Verantwortung dafür kann deshalb nicht allein beim einzelnen Jugendlichen liegen. Einsamkeit ist keine Schwäche und kein persönliches Versagen. Sie zeigt vielmehr, wie wichtig Nähe, Vertrauen und echte Verbindung für uns sind.

Wer ist besonders gefährdet?

Einsamkeit trifft nicht alle Jugendliche gleich. Laut einer aktuellen österreichischen Studie berichten Mädchen und genderdiverse Schüler häufiger von Einsamkeit. Auch Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren sind stärker betroffen als jüngere. Weitere Zusammenhänge zeigen sich unter anderem bei queerorientierten Jugendlichen, Jugendlichen mit Migrationshintergrund und jungen Menschen mit psychischen Belastungen. Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und Einsamkeitsgefühlen: Je mehr Zeit Jugendliche täglich am Smartphone verbringen, desto häufiger wird auch von Einsamkeit berichtet. Das bedeutet nicht, dass das Smartphone die Ursache ist. Es zeigt vielmehr, dass die Art unserer digitalen Nutzung mit unserem sozialen Erleben zusammenhängen kann.

Zwei Best Practice-Beispiele

GemEinsam – Miteinander gegen Einsamkeit

Das Projekt „GemEinsam“ der Diakonie setzt auf Begegnung. Unter dem Motto “Begegnung macht gesund!” startet GemEinsam Initiativen, damit Menschen ins Gespräch kommen. Sei es beim Kekse backen, im Café bei Brettspielen, bei Diskussionsrunden oder bei gemeinsamen Exkursionen. Niederschwellig, im Grätzel und offen für alle. Das Projekt baut auf dem früheren „Plaudertischerl“ auf, das öffentliche Orte zum Reden, Lachen und Teilen schuf. Die Angebote werden im Wiener Gemeindebezirk Simmering, vor allem in Kaiserebersdorf, umgesetzt. Auch speziell für Jugendliche wurden von GemEinsam in Kooperation mit Schulen und Jugendzentren Projekte initiiert, die dem Gesellschaftsphänomen Einsamkeit entgegenwirken. Zum Beispiel in Kooperation mit dem Gymnasium Geringergasse im 11. Bezirk wurde ein Kunstprojekt gemacht: Die Schüler*innen haben Leinwände zum Thema "Einsamkeit" gestaltet und mündete in eine kleine Ausstellung. Mit ihren Arbeiten haben die Schüler*innen auf die verschiedenen Aspekte von Einsamkeit hingewiesen, die sich auch in den unterschiedlichen Kunstwerken widerspiegeln. Einerseits die Instrumentalisierung von Einsamkeit in autoritären politischen Systemen, aber auch die ganz persönliche Einsamkeit, die krank macht und unsichtbar macht.

Auf der Jugendgesundheitskonferenz wurde zudem eine Umfrage gestartet und man ließ die jungen Leute über Wege aus der Jugendeinsamkeit abstimmen. “Mein Rezept gegen Einsamkeit”. Die häufigsten Inputs waren: Musik hören, mit seiner Mama sprechen, Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Social Media kam bezeichnenderweise so gut wie gar nicht vor.

Erlebnisschule Mödling: Gemeinschaft als Haltung

In der Erlebnisschule Mödling der Diakonie Bildung ist Einsamkeit nicht als einzelnes Projekt organisiert. Sie ist Teil des gesamten Schulkonzepts. Gemeinschaft soll im Alltag entstehen und aktiv gestaltet werden. Gemeinsame Schullandwochen, Projektwochen, Wanderungen, Radtouren, Stadtbesuche, Schulübernachtungen, Feiern und Familienwochenenden schaffen Gelegenheiten, Beziehungen zu erleben und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Besonders aufmerksam schaut die Schule auf Kinder, die nicht gut in die Gemeinschaft finden. Zieht sich ein Kind zurück oder möchte es nicht mehr in die Schule kommen, wird aktiv Kontakt aufgenommen. Auch scheinbar kleine Situationen, etwa wenn ein Kind nicht zu einer gemeinsamen Aktion eingeladen wird, werden ernst genommen. Dahinter können Ausgrenzung, Unsicherheit oder Konflikte stehen. Die Schule versucht nicht, jede Schwierigkeit für die Kinder zu lösen. Stattdessen begleitet sie die Kinder dabei, Beziehungen wahrzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Der Grundgedanke lautet: Jedes Kind soll sich zugehörig und zu Hause fühlen. Gemeinschaft ist hier keine zusätzliche Aufgabe, sondern eine gemeinsame Verantwortung.

Menschen brauchen Menschen

Unsere Welt bietet heute mehr Möglichkeiten zur Verbindung als je zuvor. Smartphones, soziale Netzwerke, Gaming und künstliche Intelligenz können Menschen zusammenbringen. Und trotzdem bleibt das Grundbedürfnis bestehen, das älter ist als jede Technologie: unsere Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Wir brauchen Menschen, mit denen wir lachen können. Menschen, mit denen wir uns streiten und wieder versöhnen. Menschen, die merken, wenn wir stiller sind als sonst. Menschen, die nicht nur unsere Bilder sehen, sondern uns selbst.

Vielleicht können wir Einsamkeit nicht vollständig aus der Welt schaffen. Aber wir können aufmerksam sein dafür und dafür sorgen, dass sich weniger Menschen mit ihr allein gelassen fühlen. Wir alle wollen gesehen, verstanden und angenommen werden. Kein Jugendlicher sollte sich in einer Welt voller Verbindungen unsichtbar fühlen. Und vielleicht sollten wir öfter die Frage stellen: “Wie geht es dir wirklich?”


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