2.9.2026 12:11

Kunst an Kölner Litfaßsäulen

Deutschland Stadtbibliothek Köln Sabine Wotzlaw
KI-Zusammenfassung

Holzstich trifft auf 3D-Collage und Über-Zeichnung.

Die Arbeit "Palimpsest" der Kölner Künstlerin Karin Hochstatter ist ab sofort bis zum 26. Oktober auf den 27 Kunstsäulen im gesamten Kölner Stadtgebiet zu sehen. Sie thematisiert den Prozess der Neukombination und Transformation, fragt nach Autorschaft, Reproduktion, "Bedeutungslosigkeit" und der Aktualität historischer Bildmotive im gegenwärtigen künstlerischen und gesellschaftlichen Diskurs. Im Zentrum steht zugleich die Frage, was mit Bildern geschieht, wenn sie ihren historischen Zusammenhang verlassen, überschrieben, fragmentiert und in neue Konstellationen überführt werden. Hochstatter verbindet dafür historische Holzstiche mit Zeichnung und digitaler 3D-Collage und entwickelt daraus einen Bildraum zwischen Überlieferung und Transformation.

Ausgangspunkt sind Illustrationen des französischen Künstlers Gustave Doré aus dem 19. Jahrhundert zur "Göttlichen Komödie" von Dante Alighieri, dem Hauptwerk des italienischen Dichters aus dem 14. Jahrhundert. Das epische Gedicht von Dante Alighieri beschreibt die Reise durch die drei Reiche des Jenseits: Hölle, Fegefeuer und Paradies. Der Künstler Gustave Doré hat die dort beschriebenen Szenen, Figuren und Visionen bildlich interpretiert. Spezialisierte Holzstecher übertrugen diese anschließend in die eigentliche Drucktechnik, den Holzstich. Es haben zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere historische und gestalterische Übersetzungsprozesse stattgefunden. Hochstatter setzt diese Geschichte an Bildübersetzungen und Transformationen fort, indem sie die historischen Drucke auseinandernimmt, überlagert und zeichnerisch bearbeitet. Die ursprünglichen Motive bleiben dabei als Spuren lesbar, werden jedoch aus ihrer ikonografischen Ordnung gelöst und in neue semantische Zusammenhänge gestellt.

Der Titel "Palimpsest" – ein Begriff aus dem Griechischen – bezeichnet ein wiederbeschreibbares Schriftstück, bei dem ein älterer Text entfernt und mit neuem Text beschrieben wurde. Die ältere Schrift blieb dabei zumindest teilweise sichtbar. Für Hochstatters Arbeit wird dieses Prinzip zu einem Modell des Bildes selbst: Vergangenes wird nicht ausgelöscht, sondern bildet die Grundlage für eine neue Schichtung. Zwischen den verschiedenen Zeitebenen entsteht ein hybrider Bildraum, in dem sich historische Vorlage, künstlerischer Eingriff und gegenwärtige Wahrnehmung überlagern. Damit berührt die Arbeit grundlegende Fragen künstlerischer Produktion: Wem gehört ein Bild, wenn es aus einem bestehenden Bild hervorgeht? Was geschieht mit seiner Bedeutung durch Wiederholung, Reproduktion und Aneignung? Und welche Aktualität können historische Bildmotive gewinnen, wenn sie in einen zeitgenössischen Kontext überführt werden? Die Kunstsäule bildet für diese Arbeit einen besonderen Resonanzraum. Ihre zylindrische Oberfläche setzt das Bild in Bewegung: Was zunächst als geschlossene Komposition erscheint, verändert sich mit dem Standort der Betrachtenden. Zugleich steht die Litfaßsäule selbst für ein Prinzip der Überlagerung – für das Aufeinanderfolgen, Überschreiben und Verschwinden von Bildern im öffentlichen Raum. Hochstatters Arbeit nimmt diese Logik auf und überführt sie von der Ebene des Mediums in die Struktur des Bildes.

Karin Hochstatter arbeitet schwerpunktmäßig mit Skulptur und Installation und erweitert ihre künstlerische Praxis durch Film, Fotografie und Zeichnung. Ihre plastischen Arbeiten sind singuläre Ereignisse im Raum, welche nie ein weiteres Mal in genau der gleichen Weise reproduziert werden können. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Form und Auflösung, Ordnung und Chaos, zwischen erkennbarer Absicht und scheinbarem Zufall. Häufig entstehen skulpturale Improvisationen, in denen sich die Grenzen zwischen Bild und Abbild, Fläche und Raum, Objekt und Projektion verschieben.

Karin Hochstatter absolvierte die Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschülerin bei dem Schweizer Künstler Franz Eggenschwiler. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Lehmbruck Museum, im Bonner Kunstverein, im Kunstverein Mönchengladbach, in den Kunstmuseen Krefeld, in der Städtischen Galerie Villa Zanders und an der Basler Papiermühle und am Goethe-Institut Peking gezeigt. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Seit 1998 ist Hochstatter zudem in der Lehre tätig, unter anderem an der Kunstakademie Mainz, der Hochschule Mainz, LMU Los Angeles und der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Darüber hinaus organisiert sie kooperative Projekte, Ausstellungen und Symposien, darunter "Strichstärke_Projekte zur Zeichnung", "Aus dem Koffer" und "EWVA – Equality for Women in Visual Arts".

Weitere Informationen zur Künstlerin: www.karinhochstatter.de
Informationen zum Projekt "Kunst an Kölner Litfaßsäulen": www.stadt-koeln.de/kunstsäulen


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