31.7.2026 09:47

Schön. Wissenschaftlich. Ausgezeichnet.

Deutschland Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Annette Gilbert
KI-Zusammenfassung

Publikation von FAU-Forscherin erhält Schönheitspreis.

Kann ein wissenschaftliches Buch schön sein? Ganz klar – das zeigt die „Library of Artistic Print on Demand“ von Annette Gilbert und Andreas Bülhoff. Der 720 Seiten dicke Katalog wurde gerade von der Stiftung Buchkunst zu einem der 25 „schönsten deutschen Bücher 2026“ gekürt. Über diese Auszeichnung in der Kategorie „Wissenschaftliche Bücher, Fachbücher, Lehrbücher“ freut sich Prof. Dr. Annette Gilbert von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Die außerplanmäßige Professorin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur mit systematischem Schwerpunkt erklärt, worum es in dem Buch geht und was es so besonders macht.

Frau Gilbert, die Stiftung Buchkunst hat Ihr Buch „Library of Artistic Print on Demand“ als eines der „schönsten deutschen Bücher 2026“ ausgezeichnet. Worum geht es in dem Buch?

In der „Library of Artistic Print on Demand“ beschäftigen wir uns mit einem Produktionsverfahren, das die Welt der Bücher revolutioniert hat: Print on Demand, kurz PoD. Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Digitaldruck immer besser geworden und seit etwa 2005 gibt es Online-Plattformen wie BoD, Kindle Direct Publishing, Blurb oder Lulu, über die praktisch jeder mit wenigen Klicks ein Buch erstellen und es weltweit veröffentlichen kann. Ganz ohne Verlag und ohne Budget. Gedruckt wird erst auf Nachfrage, also wenn tatsächlich eine Bestellung eingeht. Das wurde zunächst als Demokratisierung der Buchproduktion gefeiert, und entsprechend viel kam damals auf den Markt. Auch viele Künstler und Künstlerinnen haben diese neue Form des Selbstverlegens begeistert genutzt, die vieles möglich machte, was vorher undenkbar war – zum Beispiel einen Ausdruck der gesamten Wikipedia in 7.473 Bänden in Michael Mandibergs „Print Wikipedia“. Doch natürlich haben auch die PoD-Plattformen eigene Interessen und Regeln und schaffen neue Abhängigkeiten. Auch die Qualität der Bücher und der Service der Plattformen ließen oft zu wünschen übrig, ich spreche daher gern von „schlecht gemachten Büchern“. Das kritisieren inzwischen immer mehr Künstlerinnen und Künstler, die PoD nutzen, und reflektieren das in ihren Werken. Unser Buch stellt diese Bewegung vor, dafür haben wir 244 einschlägige künstlerische Publikationen ausgewählt.

Wie haben Sie die 244 Werke gefunden, die Sie in der „Library of Artistic Print on Demand“ vorstellen?

Das Buch basiert auf einem Forschungsprojekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Hier haben wir uns drei Jahre lang intensiv mit „subversiven Publikationspraktiken“ im „postdigitalen Zeitalter“ beschäftigt, wo Print on Demand eines der spannendsten zeitgenössischen Phänomene ist. Also wollten wir dieses Feld möglichst breit kartieren. Dafür trugen wir weltweit Projekte zusammen und gründeten eine Sammlung. Die gedruckten Exemplare werden heute in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt, die Sammlung ist aber auch online über unser Webarchiv apod.li verfügbar – und unser Katalog trägt nun alles systematisch zusammen, stellt die 244 Arbeiten vor und ordnet das gesamte Phänomen historisch ein.

Ihr Buch wurde in der Kategorie „Wissenschaftliche Bücher, Fachbücher, Lehrbücher“ ausgezeichnet – ein Bereich, der nicht unbedingt für aufwendige Gestaltung bekannt ist. Was macht die Gestaltung Ihres Buches in Ihren Augen besonders?

Die Jury der Stiftung Buchkunst lobt an unserem Katalog ausdrücklich, dass es ein schönes Objekt geworden ist, das man gern in der Hand hält – und dass die Gestaltung einem Konzept folgt, das mit den Inhalten Hand in Hand geht. Genau diese beiden Aspekte waren uns besonders wichtig. Wir haben mit dem Verlag auch sehr lange nach dem richtigen Papier gesucht. Es sollte besonders leicht sein, damit man trotz der 720 Seiten keinen schweren „Ziegelstein“ in den Händen hält. Das auffällige Gelb bildet ein leuchtendes, einladendes Entree. Im Innenteil sind alle Kapitelaufmacher und die Titel der 244 Publikationen in großen gelben Lettern gehalten, die gut lesbar über den bibliographischen Angaben zu schweben scheinen. Das andere zentrale Gestaltungselement ist eine Art Tabellenraster, das sich durch das ganze Buch zieht und die Text- und Informationsfülle bändigt. Jedes Projekt wird nach demselben Schema vorgestellt: bibliographische Metadaten, Thema, Methode, Schlagwort, Beschreibung. Den Jury-Mitgliedern hat genau dieses strenge Raster gefallen, weil es trotz allem verspielt bleibt und viel Freiheit erlaubt, innerhalb dieser Struktur mit unterschiedlichen Materialien umzugehen. Unser Dank dafür geht an Lyosha Kritsouk, der das Buch gestaltet hat.

In der „Library of Artistic Print on Demand“ beschreiben Sie PoD-Bücher als „analog-digitale Hybride“. Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Die strenge Unterscheidung zwischen analog und digital macht im postdigitalen Zeitalter und erst recht bei Print on Demand wenig Sinn. Denn das PoD-Buch ist eine echte Mischung aus beidem: es wird als digitale Datei angelegt, über Digitaldruck produziert, und am Ende kommt ein analoges Buch heraus. Deshalb sprechen wir von „analog-digitalen Hybriden“. Dieses Zusammenspiel von analog und digital ermöglicht künstlerische Konzepte, die vorher nicht denkbar waren – und genau nach solchen Werken haben wir gezielt gesucht. Nach Arbeiten, die das Druckverfahren und das PoD-Plattformangebot nicht einfach nur nutzen, sondern es medial und künstlerisch durchdenken. Ein Künstler, Jasper Otto Eisenecker, hat sich zum Beispiel intensiv mit den Nutzungsbedingungen einer Plattform beschäftigt – und sie mit seinem „Camouflaged Book“ ausgetrickst. Sein Buch transportiert bewusst Inhalte, die eine Plattform nicht akzeptieren würde, aber sie sind so gut versteckt, dass die Plattform es nicht merkt: nur jeder zweite Buchstabe wird gedruckt, die ausgelassenen Buchstaben stehen auf der Rückseite, so dass sich der vollständige Text lässt sich erst lesen lässt, wenn man die Seite gegen das Licht hält. Für den automatisierten Prüfalgorithmus der Plattform ergibt das PDF hingegen reinen Nonsens.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von künstlerischen Interventionen in den „Plattformkapitalismus“. Was meinen Sie damit?

Viele Künstler und Künstlerinnen setzen sich in ihren Werken kritisch damit auseinander, dass Print on Demand Freiheit verspricht, aber neue Abhängigkeiten schafft. Denn natürlich arbeiten auch Plattformen nach dem ökonomischen Prinzip, folgen ihrer eigenen Geschäftslogik, geben Preisstrukturen vor, entwickeln Distributionsmechanismen, machen Vorgaben zum Layout, prüfen Inhalte mit Algorithmen, löschen Bücher und Konten. Unser Beispiel eben zeigt, wie sich ein Algorithmus künstlerisch unterwandern lässt. Eine andere Arbeit in unserem Buch, Jean Kellers „Black Book“, ist ein Versuch, das ökonomische Prinzip der Plattform gegen sich selbst zu wenden: Die Publikation besteht komplett aus schwarzen Seiten, weil Druckfarbe am meisten kostet, in der Preiskalkulation der Plattformen aber nicht auftaucht. Ähnlich funktioniert Holly Melgards „Black Friday“, das während der typischen Rabattaktionen gekauft werden soll, um so der Plattform das größtmögliche Minusgeschäft zu bescheren. Beide Werke machen deutlich, dass man die vollmundigen Versprechen der Plattformen durchaus kritisch hinterfragen sollte. Allerdings zahlen die Künstlerinnen und Künstler dafür auch einen Preis: von den 244 Werken, die wir in unserer Library vorstellen, ist mindestens ein Drittel heute nicht mehr erhältlich. Bei manchen hat die Plattform aus fadenscheinigen Gründen einfach den Account gelöscht – es gibt keine Möglichkeit zum Widerspruch –, bei anderen ist das Buch nicht mehr lieferbar, weil die Plattform das Format oder Papier geändert hat.

Ihr Buch versammelt auch rund 25 Essays internationaler Autorinnen und Autoren. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Stimmen zusammengestellt?

Es handelt sich nach wie vor um ein Nischenthema, und uns war wichtig, die verstreuten Positionen dazu an einem Ort zusammenzubringen. Die Beitragenden sind entsprechend vielfältig: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler, aber auch Lehrende, die Print on Demand in der Hochschule nutzen, damit Studierende ihre Arbeiten direkt öffentlich zugänglich machen können. Insgesamt ist die Auswahl der Beiträge also genauso vielfältig wie die von uns versammelten Werke selbst.

Sie haben Ihr Buch bei Spector Books veröffentlicht. Wo ordnen Sie diesen Verlag ein, und wie hat die Zusammenarbeit das Projekt geprägt?

Spector Books ist international sehr angesehen und bekannt für seine künstlerisch ambitionierten und konzeptuell durchdachten Bücher – der Verlag selbst wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gutenberg-Preis. Auch bei „den schönsten deutschen Büchern“ ist er im Wettbewerb regelmäßig mit mehreren Titeln erfolgreich. Mir ist zudem die Verortung am Schnittpunkt von Kunst, Theorie, Design und Gesellschaft und die klare politische Haltung des Verlags sehr wichtig, aber auch das ständige Nachdenken über das, was ein Buch ist und kann: Jede Publikation wird bei ihnen zu einem Ort der Begegnung und der produktiven Auseinandersetzung, denn sie entsteht, so haben sie das selbst einmal formuliert, vor dem Hintergrund des bereits Produzierten, ist eine Arbeit am Jetzt und eine Nachricht, die in eine unbekannte Zukunft geschickt wird. Das passt zu meinem eigenen Zugang.

Sie erforschen seit Jahren experimentelle Schreib- und Publikationsformen. Wie hat sich Ihr Blick auf das Buch als Medium durch dieses Projekt verändert – und woran arbeiten Sie aktuell?

Mein aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich wieder mit marginalisierten, subversiven Formen des Publizierens, dieses Mal geht es um Raubdrucke aus der Zeit um 1968, die damals in der Bundesrepublik weit verbreitet waren. Mich interessiert, wie es dazu kam, welche Motive dahinterstanden, welche Netzwerke sich herausbildeten und wie sich das juristisch und ethisch einordnen lässt.

https://www.fau.de/2026/07/news/forschung/schoen-wissenschaftlich-ausgezeichnet

Autor
Kontaktperson
Annette Gilbert
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Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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