21.7.2026 16:55

Endbericht: Evaluierung des Programms „Extremismus macht Schule II“

Österreich Österreichisches Institut für Internationale Politik Cengiz Günay
Endbericht bewertet das Programm Extremismusprävention macht Schule II als bundesweite Maßnahme zur Stärkung demokratischer Kompetenzen und Prävention extremistischer Haltungen. Die Evaluation zeigt hohe Nachfrage, überwiegend positive Bewertungen von Lehrkräften, AMS-Teilnehmern und Schülern sowie eine starke didaktische Qualität der Workshops, weist aber auch Umsetzungsherausforderungen wie Zeitmangel, Sprachvielfalt und Bedarf an Vor- und Nachbereitung aus. Zentrale Empfehlungen betonen verpflichtende Vorgespräche, systematische Nachbereitung, klare Abgrenzung von Prävention und Intervention, mehr niedrigschwellige Formate für heterogene Gruppen und stärkere Unterstützung der Lehrpersonen sowie Anpassungen im Entlohnungsmodell und frühzeitige Buchungsmöglichkeiten. Langfristige Effekte hängen maßgeblich von der Nachbereitung in Schule oder AMS-Kurs ab.
KI-Zusammenfassung

Das oiip evaluierte mithilfe eines Mixed-Methods-Ansatzes sowohl die angebotenen Workshops als auch das Gesamtkonzept der Extremismusprävention an Schulen zur Vorlage bei den Ministerien.

Diese Evaluierung wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung (BMB) und des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) erstellt und der Endbericht wurde im Juli 2026 durch das BMB veröffentlicht.

Laufzeit: Dezember 2024 – November 2025

Projektleitung: Cengiz Günay, Annika Scharnagl, Johannes Späth

ENDBERICHT_Evaluierung_Extremismusprävention

1. Executive Summary
Die Initiative Extremismusprävention macht Schule II wurde zwischen September 2024 und September 2025 österreichweit an Schulen und in Arbeitsmarktservice (AMS)-Kursen umgesetzt. Ab Oktober 2025 wird die Initiative unter dem Namen Starke Schule, starke Gesellschaft weitergeführt. Ziel ist die Stärkung demokratischer Kompetenzen sowie die Prävention von extremistischen Haltungen, Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren und deren Resilienz auszubauen. Mit 75 zugelassenen Organisationen und 228 Workshop-Formaten zählt die Initiative zu den größten bundesweiten Bildungsmaßnahmen im Bereich Demokratie und Prävention. Das Österreichische Institut für Internationale Politik (oiip) wurde mit der Evaluierung des Programms betraut um Qualität, Wirkung und Umsetzung systematisch zu prüfen.

Die Evaluierung zeigt ein stark nachgefragtes und gesellschaftlich hoch relevantes Programm. Insgesamt wurden 9285 Workshops von Schulen und AMS-Kurse angefragt und 5644 durchgeführt. Davon fanden 5233 in Schulen und 411 im AMS-Kontext statt. Schulen stellten 94 Prozent der Anfragen. Die buchbaren Angebote lagen mehrheitlich im Bereich Demokratie, Vielfalt und Anti-Diskriminierung während spezifischere Angebote zur Extremismusprävention einen geringeren Anteil ausmachten. Diese Verteilung war bedingt durch die Anzahl an eingereichten Workshop-Formaten in den jeweiligen Bereichen.

Für die Evaluierung wurde ein breites methodisches Design eingesetzt. Es umfasste digitale und analoge Fragebogenerhebungen, teilnehmende Beobachtungen, Kurzinterviews und zwei Fokusgruppendiskussionen. Insgesamt wurden 16687 Fragebögen ausgesendet und geöffnet, von denen 14478 abgeschlossen wurden. Hinzu kamen 20 teilnehmende Beobachtungen über alle Bundesländer verteilt und 40 Kurzinterviews mit Schüler:innen, AMS-Teilnehmer:innen und Lehrpersonen/AMS-Kursleiter:innen. Zwei digitale Fokusgruppen mit 11 Trainer:innen sowie mit 8 Lehrpersonen und AMS-Kursleiter:innen ergänzten die Datenerhebung.

Die Rückmeldungen aller Zielgruppen fallen überwiegend positiv aus. Lehrpersonen und AMS-Kursleiter:innen vergaben im Durchschnitt 4,6 von fünf möglichen Punkten für die allgemeine Zufriedenheit mit dem gebuchten Workshop. Schüler:innen bewerteten die Workshops im Schnitt mit 3,9 Punkten. AMS-Teilnehmer:innen bezeichneten die Workshops mehrheitlich als wertvoll und vergaben für die Weiterempfehlung des Angebots im Schnitt 4,3 Punkte. Die Befunde bestätigen zudem die hohe didaktische Qualität der Workshops. Trainer:innen arbeiteten mit vielfältigen und aktivierenden Methoden. Die Workshops wurden als lebensnah, professionell und altersgerecht wahrgenommen.

Gleichzeitig zeigt die Evaluierung klare Herausforderungen. Einige Workshops waren thematisch zu breit angelegt, wodurch Überforderung entstand. Heterogene oder sprachlich diverse Gruppen führten zusätzlich zu Belastungen für Trainer:innen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine systematische Vor- und Nachbereitung durch Lehrpersonen, insbesondere verpflichtende Vorgespräche mit der Trainer:in eine zentrale Bedingung für eine gelingende Einbettung in den Unterrichtskontext darstellt. In der Praxis steht dies jedoch oft im Spannungsverhältnis zu den ohnehin engen Zeitressourcen an Schulen, in denen bereits die Durchführung des Workshops schwer zu organisieren ist. Besonders förderlich für Offenheit und Dynamik im Workshop erwies sich zudem die unterstützende und interessierte Präsenz der Lehrperson.

Deutlich sichtbar wurde auch, dass das Programm faktisch sowohl primär- als auch sekundärpräventiv genutzt wird. In 14 Prozent der Fälle gaben Trainer:innen konkrete Vorfälle als Anlass der Buchung an. Damit übernimmt das Programm Funktionen, die über seinen ursprünglichen Auftrag hinausgehen. Daraus lässt sich ableiten, dass Trainer:innen zusätzliche Unterstützung im professionellen Umgang mit herausfordernden Gruppendynamiken benötigen etwa durch praxisnahe Fortbildungen oder klarere Leitfäden für Interventionen in provokativen oder diskriminierenden Situationen.

Die nachhaltige Wirkung der Workshops entfaltet sich vor allem kurzfristig und zeigt sich unter anderem in verbessertem Klassenklima und erhöhter Reflexionsbereitschaft. Langfristige Effekte hängen hingegen stark von der Nachbereitung in der Schule oder im AMS-Kurs ab. Zwar gaben 83 Prozent der Lehrpersonen und AMS-Kursleiter:innen an, den Workshop nachzubesprechen, diese Nachbesprechungen finden jedoch meist informell und ohne systematische Struktur statt. Zwar werden gelegentlich Plakate oder Fact Sheets genutzt, doch wünschen sich Lehrpersonen mehr didaktisch aufbereitete Materialien der Anbieter:innen, um Inhalte langfristig zu vertiefen. Einzelne Organisationen bieten bereits wiederkehrende Formate an, die nach einigen Monaten/im nächsten Schuljahr erneut ansetzen. Ein Ansatz, der als besonders wirksam gilt, weil er Lernprozesse stabilisiert und erneute Reflexion ermöglicht.

Auf Basis der Ergebnisse lassen sich folgende strategische Empfehlungen ableiten:
– Vorgespräche zwischen Lehrpersonen und Trainer:innen sollten verpflichtend sein, da sie Passung und Wirksamkeit erhöhen.
– Vor- und Nachbereitung des Workshops im Schul- oder AMS-Kontext ist essentiell.
– Es braucht eine klare Abgrenzung zwischen Prävention und Intervention. Schulen und AMS-Kurse benötigen finanzielle Mittel für professionelle Konfliktintervention, um das präventive Programm nicht weiter zur Krisenbewältigung zweckzuentfremden.
– Mehr niedrigschwellige Formate für heterogene Gruppen (z. B. spezielle Angebote für AMS-Maßnahmen) sowie modulare Workshopreihen würden die nachhaltige Wirkung deutlich stärken.
– Lehrpersonen sollten gezielt durch Fortbildungen zu politischer Bildung, Medienkompetenz und Konfliktmanagement gestärkt werden.
– Das Entlohnungsmodell sollte angepasst und zusätzliche Anreize für Anbieter:innen außerhalb der Hauptstadt geschaffen werden, um das spärliche Angebot in den Bundesländern zu erhöhen.
– Buchungen sollten bereits für das folgende Schuljahr möglich sein, um Workshops frühzeitig im Schulrhythmus zu verankern.
– Trainer:innen benötigen stärkere Unterstützung im Umgang mit herausfordernden Gruppendynamiken durch praxisnahe Fortbildungen und klarere Interventionsleitfäden.

In der Gesamtschau zeigt die Evaluierung ein Programm mit hoher gesellschaftlicher Relevanz, das breite Anerkennung erhält und pädagogisch wertvolle Impulse setzt. Um die langfristige Wirksamkeit zu sichern, bedarf es jedoch Anpassungen, wie einer stärkeren Verankerung im Unterricht durch die Integration in das Unterrichtsfach Demokratiebildung oder der Festlegung von verpflichtenden Unterrichtseinheiten für externe Workshopangebote sowie einer eindeutigen Positionierung der Initiative im (primär-)präventiven Kontext.

https://www.oiip.ac.at/news/endbericht-evaluierung-des-programms-extremismus-macht-schule-ii