Pressemitteilung: Neue Analyse zeigt Folgen der ETS-Reform
Europas wirksamstem Klimaschutz-Schwert droht Abstumpfung.
Berlin, 2.11.2026: Der aktuelle Reformentwurf zum europäischen Emissionshandel ETS1 ist mit dem Klimaziel von 90 Prozent Emissionsminderung für 2040 nicht vereinbar. Das zeigt eine neue Berechnung des Öko-Instituts im Auftrag des WWF Deutschland. Der Kommissionsvorschlag bläst den ETS unnötig auf und würde den Minderungsdruck auf andere Sektoren übertragen, die aktuell noch in die sogenannte Lastenteilung fallen, z.B. Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft. Im ETS hingegen würden künftig zehn Prozent mehr Zertifikate zugelassen als notwendig, was zu niedrigeren CO2-Preisen führen kann und so den Transformationsanreiz in der Industrie hemmt. Ebenso kritisch sind die unsichere Verfügbarkeit und Qualität von internationalen Gutschriften sowie die ungewisse Möglichkeit umfangreicher und dauerhafter CO2-Entnahmen.
„Die Kommission spielt lieber Roulette beim Klimaschutz, anstatt feste Leitplanken für eine zukunftsfähige Industrie in Europa zu setzen. Dem Reformentwurf fehlt das Preissignal für umfangreichen Klimaschutz, dass die dringende Modernisierung der europäischen Industrie anreizt. Gefüllt wird diese Leerstelle mit komplizierten Rechentricks und ausschweifenden Flexibilitäten“, sagt Lisa Okken, Industrieexpertin beim WWF Deutschland. „Unterm Strich stünde so: Der ETS stumpft als Europas schärfstes Klimainstrument ab, die Emissionen bleiben zu lange zu hoch, den Frontrunnern wird die Wirtschaftlichkeit ihrer klimafreundlichen Anlagen genommen und die Industrie gerät ins Gestern.“
Im Kommissionsvorschlag ist vorgesehen, zusätzliche Emissionen zur bestehenden Obergrenze im ETS zuzulassen. Diese sollen über permanente CO2-Entnahmen ausgeglichen werden, deren Verfügbarkeit aktuell noch gar nicht in ausreichendem Maße gegeben ist. Zudem gehen aktuelle Prognosen davon aus, dass der Preis für die CO2-Entnahme mittelfristig höher sein wird als der Auktionserlös im ETS – somit bleibt die Finanzierung von permanenten CO2-Entnahmen ungewiss. Ein „lose-lose“ für Emissionsminderungen und permanente CO2-Entnahmen zugleich.
Auch die Kosten für internationale CO2-Zertifikate aus ausländischen Projekten sind bisher nicht abzusehen. Basierend auf Erfahrungen aus der Vergangenheit stehen sie aufgrund dubioser Herkunft, Unklarheit in Bezug auf ihre tatsächliche Klimaschutzleistung und doppelter Anrechnung der Minderung im Ausland und der EU weiterhin in der Kritik und können sogar Betrug unterliegen. Europa sollte auf Minderung vor Ort setzen, anstatt sich andernorts freikaufen zu wollen.
Der Vorschlag gefährdet zudem die Zielerreichung im Bereich der Landnutzung, -änderung und Forstwirtschaft (LULUCF), da er zusätzliche Anreize für energetische Biomassenutzung setzt, ohne diese an ausreichende Nachhaltigkeitskriterien zu binden.
Das Europäische Parlament ist nun gefragt, sich mit einem ambitionierten Gegenvorschlag für die anstehenden Trilogverhandlungen mit der Europäischen Kommission und dem Europäischen Rat für einen starken Emissionshandel zu positionieren und sich für eine ambitionierte Ausgestaltung des Instruments einzusetzen.
Der WWF fordert, keine weiteren Emissionen im ETS zuzulassen und den linearen Reduktionsfaktor von 2031 bis 2035 auf 4,4 Prozent und ab 2036 auf 2,7 Prozent zu setzen. So würde das CO2-Preissignal gewahrt. Auf CO2-Entnahmen darf die EU nicht setzen, um mehr Spielraum im ETS zu schaffen – stattdessen muss sie die Entnahme-Infrastruktur unabhängig vom ETS hochziehen und darf damit den LULUCF-Sektor nicht schädigen. Die kostenlose Zuteilung sollte an Bedingungen für den nachhaltigen Wandel der Unternehmen geknüpft und so schnell wie möglich ganz abgeschafft werden.
Die Einnahmen aus dem ETS sollten zur Hälfte an den Energie- und Industriesektor fließen für die dort nötige Transformation, die andere Hälfte in Klimaschutzinvestitionen und den gerechten Übergang für Beschäftigte und Standorte.
https://www.wwf.de/2026/november/pressemitteilung-neue-analyse-zeigt-folgen-der-ets-reform
Lea Vranicar
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