Unternehmensgeschichte als Geschlechtergeschichte
Daniela Rüther hat die Geschichte der Verkäuferinnen im Lebensmitteleinzelhandel aufgearbeitet und als anekdotenreiches Buch veröffentlicht.
Mit dem Aufkommen des Filialhandels um den Beginn des 20. Jahrhunderts herum wuchs die Zahl der angestellten Verkäuferinnen. Dr. Daniela Rüther hat in einem Projekt am Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum ihre Geschichte recherchiert: Wie waren die Arbeitsbedingungen? Was prägte ihr Leben, was ihr öffentliches Ansehen? Unter anderem konnte sie dafür auf Archivmaterial der Lebensmittelketten Kaisers und Tengelmann zurückgreifen. Ihre Erkenntnisse hat sie im Buch „Verkäuferinnen. Die Geschichte der Frauen hinter der Ladentheke“ im Dietz-Verlag veröffentlicht.
Die zentrale Bedeutung der Verkäuferinnen
Während in aktuellen Debatten gefragt wird, ob durch die technologische Entwicklung Verkäuferinnen bald verschwunden sein werden, zeigt die von Daniela Rüther veröffentlichte Studie „Verkäuferinnen. Die Geschichte der Frauen hinter der Ladentheke“ auf, welche zentrale Rolle sie für die Durchsetzung der Großfilialbetriebe im Lebensmitteleinzelhandel historisch besaßen. Eine Schlüsselbedeutung kam dem Verkauf über die Theke zu, der bis zur Einführung der Selbstbedienung in den 1950er- und 1960er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland üblich war. Inwieweit die Konsument*innen vor dem Verkaufstisch Waren abnahmen, hing entscheidend von der Kompetenz der dahinterstehenden Verkäuferin ab.
Selbstbedienung führte nicht zum Personalabbau
Bislang führte die historische Forschung die Durchsetzung der heute vorherrschenden Großfilialbetriebe vor allem auf ihre ökonomische Effizienz zurück. Auch mit der Einführung der Selbstbedienung verlor das Personal jedoch nicht an Bedeutung, so eines der Forschungsergebnisse, die auf der Auswertung von Unternehmensakten der Firmen Tengelmann und Kaiser’s sowie bislang nicht herangezogener zeitgenössischer Dokumente beruhen.
„Das Projekt zeigt, dass es sich lohnt, Unternehmensgeschichte als Geschlechtergeschichte zu betreiben“, so Prof. Dr. Maren Lorenz vom Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. An ihrem Lehrstuhl war das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Forschungsprojekt angesiedelt. „Die innovativen Ergebnisse der Studie sind ein Beleg dafür, dass die Kategorie Geschlecht in unterschiedlichen Bereichen zu anschlussfähigen Forschungsimpulsen führen kann, wie hier unter anderem in den Bereichen Körpergeschichte, Geschichte des Alters und in der historischen Sozialpolitikforschung“.
Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft über drei Jahre mit rund 300.000 Euro geförderte Projekt „Die andere Seite der Ladentheke. Verkäuferinnen in den Großbetrieben des Lebensmitteleinzelhandels in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts“ wurde geleitet von Daniela Rüther. Die an der Ruhr-Universität Bochum ausgebildete Historikerin ist im Forschungsfeld der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, insbesondere des Einzelhandels, und der Ernährungspolitik im zwanzigsten Jahrhundert ebenso ausgewiesen wie in der Frauen- und Geschlechtergeschichte.