Antisemitismus an Hochschulen: Ein neuer „Normalzustand“?
Eine bundesweite Schnellbefragung der AG Hochschulforschung der Universität Konstanz zeigt, dass israelbezogene antisemitische und tendenziell antisemitische Einstellungen unter Studierenden zwischen 2023 und 2026 von 17 auf 23 Prozent gestiegen sind; in der Gesamtbevölkerung nahmen sie von 20 auf 32 Prozent zu. Die im Mai und Juni 2026 erhobenen Daten zeigen außerdem, dass 65 Prozent der Studierenden und 49 Prozent der Bevölkerung Israels Vorgehen im Gazastreifen als Genozid bezeichnen; Boykottforderungen stiegen bei Studierenden auf 41 Prozent und in der Bevölkerung auf 36 Prozent. Die Ergebnisse beruhen auf Befragungen von rund 2.000 Studierenden und einer ähnlich großen Bevölkerungsstichprobe und sind laut Forschenden beschreibend, nicht streng repräsentativ.
Fast drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel haben israelbezogene antisemitische Einstellungen unter Studierenden in Deutschland weiter zugenommen, sie bleiben aber niedriger als in der Gesamtbevölkerung. Das zeigt die dritte Welle einer bundesweiten Schnellbefragung von WissenschaftlerInnen der AG Hochschulforschung an der Universität Konstanz. Rund 2.000 Studierende und eine gleich große Bevölkerungsstichprobe wurden befragt.
Am 7. Oktober 2026 jährt sich zum dritten Mal der Terroranschlag der Hamas auf Israel, mit dem in Deutschland eine Zunahme an antisemitischen Vorfällen einherging. Der Bundesverband RIAS (Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus) beklagt ein besorgniserregend hohes Niveau an antisemitischen Vorfällen als neuen „Normalzustand“ in Deutschland. Auch im Hochschulkontext, wo sich israelbezogener Antisemitismus vor allem im Versammlungsgeschehen (Protestcamps, Gebäudebesetzungen, Kundgebungen) äußert, haben diese Vorfälle zugenommen. Die AG Hochschulforschung an der Universität Konstanz erfasst seit 2023 Antisemitismus unter Studierenden und in der Bevölkerung. Die Ergebnisse ihrer jüngsten Befragungswelle, erschienen in der Working Paper Serie des Exzellenzclusters "The Politics of Inequality zeigen, dass fast zwei Drittel der Studierenden die israelische Kriegsführung in Gaza als Genozid betrachten. Rund 40 Prozent der Studierenden sowie der Gesamtbevölkerung fordern einen Boykott gegenüber Israel.
Zunahme des israelbezogenen Antisemitismus
Um antisemitische Ressentiments zu messen, bilden die Forschenden drei Kategorien: nicht antisemitisch (antisemitische Aussagen werden abgelehnt), tendenziell antisemitisch (zumindest einer antisemitischen Aussage wird zugestimmt) und antisemitisch (mehreren antisemitischen Aussagen wird zugestimmt). Klar israelbezogene antisemitische Einstellungen unter Studierenden blieben im Verlauf der drei Erhebungswellen in etwa gleich (2023: 8 Prozent; 2024: 7 Prozent; 2026: 8 Prozent); in der Bevölkerung haben diese kontinuierlich zugenommen und sich seit 2023 verdoppelt (2023: 8 Prozent; 2024: 10 Prozent; 2026: 16 Prozent). Betrachtet man israelbezogene antisemitische und tendenziell antisemitische Einstellungen unter Studierenden im Verlauf der drei Erhebungswellen gemeinsam, haben sie von 17 Prozent auf 23 Prozent zugenommen. In der Bevölkerung ist dieser Anstieg noch stärker (2023: 20 Prozent; 2024: 25 Prozent; 2026: 32 Prozent).
Genozidvorwurf und Boykottforderungen
„Der markanteste Einzelbefund unserer neuen Befragung ist mit Sicherheit die stark angestiegene Zustimmung unter Studierenden zu der Aussage, ‚das Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen könne als Genozid bezeichnet werden‘“, so Thomas Hinz, Leiter der AG Hochschulforschung und Principal Investigator des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. „Lag sie 2023 bei 37 Prozent, stimmen heute fast zwei Drittel dieser Aussage zu (2024: 49 Prozent; 2026: 65 Prozent). In der allgemeinen Bevölkerung liegt die Zustimmung 2026 bei 49 Prozent (2023: 28 Prozent; 2024: 36 Prozent) und damit deutlich niedriger.“
Das ändert sich auch dann nicht, wenn den Befragten die völkerrechtliche Definition des Begriffs Genozid (Absicht zur gezielten Auslöschung einer Bevölkerungsgruppe) vorgelegt wird. „Das ist ein Hinweis darauf, dass diese Bewertung nicht primär aus einem falschen Verständnis des Begriffs Genozid hervorgeht, sondern bereits stark moralisch-politisch vorgefestigt ist“, erklärt Anna Marczuk, Projektkoordinatorin der AG Hochschulforschung. Auch die Zustimmung zu verschiedenen Boykottformen – wie etwa das Aussetzen einer institutionellen Zusammenarbeit mit israelischen Hochschulen – hat sowohl unter Studierenden (von 26 Prozent im Jahr 2023 auf 41 Prozent im Jahr 2026) als auch in der Bevölkerung zugenommen (im selben Zeitraum von 25 Prozent auf 36 Prozent). Der Abstand zwischen Studierenden und der Bevölkerung ist jedoch weiter auseinandergegangen. Zu beachten ist, dass Boykottforderungen nicht zwangsläufig antisemitisch motiviert sein müssen, schildern die ForscherInnen. Entscheidend sei, ob sie sich klar auf die politischen Handlungen eines Staates beziehen oder ob antisemitische Denkmuster hineinspielen.
Studierende berichten deutlich häufiger als die Bevölkerung, Antisemitismus selbst beobachtet zu haben, und nennen dabei insbesondere das Internet / Soziale Medien (54 Prozent) sowie Proteste und Demonstrationen gegen Israel (51 Prozent). Deutlich weniger nahmen explizit Antisemitismus an ihrer eigenen Hochschule wahr (11 Prozent). „Das bedeutet also nicht, dass die beobachteten Vorfälle überwiegend an Hochschulen stattfinden. Vielmehr hängt es mit der Lebensweise von Studierenden und ihrem sozialen Umfeld zusammen: Sie nutzen häufiger soziale Medien, nehmen eher an Protesten teil“, interpretiert Frank Multrus, wissenschaftlicher Mitarbeiter der AG Hochschulforschung.
Schlussfolgerungen
Die Studie benennt einige Schlussfolgerungen für die antisemitismuskritische Bildungsarbeit:
- Mehr als Wissensvermittlung: Die völkerrechtliche Definition von Genozid änderte die Urteile der Studierenden nicht. Bildungsformate müssen daher auch die zugrunde liegenden Deutungsrahmen thematisieren, etwa durch Perspektivübernahme, biografisches Lernen und die Reflexion der eigenen Urteilsbildung
- Informelle Räume erreichen: Nur 11 Prozent nennen die Hochschule als Ort antisemitischer Vorfälle, aber 54 Prozent das Internet und 51 Prozent Demonstrationen. Gefragt sind Peer-to-Peer-Formate, Schulungen für Studierendenvertretungen und eine aktive Auseinandersetzung mit studentischen Social-Media-Kanälen.
- Postkoloniale und aktivistische Deutungsrahmen diskutieren, nicht meiden: Legitime Fragen zum politischen Handeln des Staates Israel sind von antisemitischen Denkmustern zu trennen.
- Universalistisch argumentieren: Eine rein auf die NS-Geschichte gestützte Begründung des Existenzrechts Israels verliert bei hohen Antisemitismuswerten am stärksten an Zustimmung. Ergänzend sollten Bildungsangebote das Existenzrecht über das Selbstbestimmungsrecht der Völker begründen.
- Verstetigung: Angesichts des „Normalzustands“ auf hohem Niveau und steigender Zustimmung zu Boykottforderungen und Genozid-Vorwurf braucht es verstetigte statt anlassbezogene Bildungsarbeit.
- rennschärfe trainieren: Kritik am militärischen Vorgehen Israels ist weit verbreitet und nicht per se antisemitisch. Lehrende müssen befähigt werden, die Grenze zu antisemitischer Zuschreibung im konkreten Gespräch zu erkennen.
Methodik
Mit der ersten Befragung kurz nach dem Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023, der Wiederholung der Befragung 2024 und der neuesten Erhebung im Mai und Juni 2026 zeichnet die Studie damit die bislang längste verfügbare Zeitreihe zur Entwicklung von Antisemitismus an Hochschulen in Deutschland. Ihre Stärke liegt vor allem in der Aktualität und Reaktionsgeschwindigkeit. Die AutorInnen betonen jedoch, dass die Ergebnisse als beschreibend und nicht als streng repräsentativ zu betrachten sind, da es sich nicht um ein Zufallssample aus der Gesamtheit aller Studierenden bzw. der Bevölkerung handelt. Zudem erlaubt das Panel keinen Vergleich der Einstellungsänderungen derselben Personen, sondern nur im Vergleich der Gruppen insgesamt.
Faktenübersicht
- Originalpublikation: Hinz, T., Marczuk, A., Multrus, F. (2026). Einblicke in den neuen „Normalzustand“ – israelbezogener Antisemitismus an deutschen Hochschulen. Working Paper Series Nr. 52. Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“, Universität Konstanz.
- Die Befragung wurde von der AG Hochschulforschung an der Universität Konstanz durchgeführt und finanziert. Die ersten beiden Befragungen fanden im Auftrag des BMFTR (früher BMBF) statt.
- AutorInnen:
1. Thomas Hinz ist Professor für empirische Sozialforschung und Principal Investigator am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz.
2. Anna Marczuk ist promovierte Soziologin und Projektkoordinatorin der AG Hochschulforschung an der Universität Konstanz.
3. Frank Multrus ist promovierter Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der AG Hochschulforschung. - Der Exzellenzcluster „The Politics of Inequality” an der Universität Konstanz erforscht aus interdisziplinärer Perspektive die politischen Ursachen und Folgen von Ungleichheit. Die Forschung widmet sich einigen der drängendsten Themen unserer Zeit: Zugang zu und Verteilung von (ökonomischen) Ressourcen, der weltweite Aufstieg von PopulistInnen, Klimawandel und ungerecht verteilte Bildungschancen.
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