Die Parlamentskorrespondenz und ihre Vorgänger – Reichsrats- und Staatskorrespondenz – sind seit 165 Jahren dafür zuständig, neutral über die Debatten und Geschehnisse im Hohen Haus zu berichten. Die Redakteurinnen und Redakteure sind bei den Verhandlungen im Parlament anwesend und fassen sie anschließend für Medien und Öffentlichkeit zusammen. Doch der 5. Oktober 1911 sollte für den Leiter der Reichsratskorrespondenz und der Parlamentsstenografen Josef Fleischner kein gewöhnlicher Arbeitstag werden.
Schüsse im Parlament
Das Abgeordnetenhaus war nach Teuerungskrawallen zu einer Sitzung zusammengekommen, als plötzlich Schüsse durch den Raum hallten. Mittendrin: Josef Fleischner von der Reichsratskorrespondenz.
Die Vorgeschichte
Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses kamen zu einer Plenarsitzung zusammen. Es war eine Sitzung, einberufen nach den Teuerungskrawallen, die im Herbst in Wien stattgefunden hatten. In den Jahren davor waren die Preise für Lebensmittel stark angestiegen. Als es nach einer Massenkundgebung in Wien am 17. September zu Ausschreitungen kam, setzte die Infanterie Bajonette und Schusswaffen gegen die Menschenmenge ein. Vier Menschen starben. Gegen die Demonstrationsteilnehmenden wurden von der Justiz strenge Strafen verhängt. In Reaktion wurde für den 5. Oktober eine Sitzung des Abgeordnetenhauses einberufen, erneut von Tumulten begleitet. Im Saal anwesend war Josef Fleischner.
Die Sitzung begann um 11 Uhr. Abgeordnete mehrerer Parteien forderten eine Debatte über die Teuerung. Erster Redner war Viktor Adler (Klub der deutschen Sozialdemokraten). Er forderte die Regierung zum Handeln gegen die Teuerung auf und kritisierte sie scharf für das Vorgehen gegen die Demonstrierenden. Als Adler es als "Wunder" bezeichnete, dass die Waffen im ganzen Reich nicht losbrechen, fielen plötzlich Schüsse von der Besuchergalerie.
Attentat auf den Justizminister
Die Schüsse galten Justizminister Viktor von Hochenburger. Abgefeuert wurden sie von Nikolaus Njegus, einem 24-jährigen Tischlergesellen aus Dalmatien. Er gab später an, das spöttische Lächeln des Ministers während Adlers Rede habe ihn zum Schießen veranlasst. Njegus schoss vier Mal in Richtung Ministerbank, ein fünfter Schuss versagte.
Die Berichte der Reichsratskorrespondenz sind leider nicht mehr erhalten. Die damaligen Medien haben das Ereignis aber detailliert dargestellt. So liest man im Neuen Wiener Journal am 6. Oktober 1911 etwa, dass "alle vier Schüsse die Holzwand getroffen hatten". Die Wiener Zeitung erwähnte auch Josef Fleischner von der Reichsratskorrespondenz. Ein Abgeordneter habe Fleischner, "der von seinem Platz aufgestanden und zu ihnen geeilt war" zwei Projektile gezeigt. Fleischner hob diese auf und trug sie in die Präsidialkanzlei.
Auch der Attentäter, der noch auf der Galerie festgenommen worden war, wurde in die Präsidialkanzlei geführt. Bei seinem Verhör gab er an, Sozialdemokrat zu sein. Er habe "Hoch der Sozialismus" gerufen, bevor er die Schüsse mit der Absicht abgegeben habe, den Justizminister zu töten.
Sitzung unterbrochen
Im Stenographischen Protokoll ist der Vorfall nüchtern abgebildet. "Von der zweiten Galerie werden mehrere Schüsse in den Sitzungssaal abgefeuert. – Große Erregung im ganzen Hause", ist dort in Klammern vermerkt. Die Sitzung wurde anschließend zweimal unterbrochen. Um 14.50 Uhr wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen und Viktor Adler durfte seine Rede fortführen.
Von den anderen Fraktionen kamen aber laute "Schluss"-Rufe. Im Stenographischen Protokoll ist "andauernder Lärm" vermerkt. In den Zeitungen liest man, dass die Sozialdemokraten als Schuldige an dem Attentat gesehen wurden. "Mordbube", "Mörder", "Bluthunde" sei dem Redner und den Sozialdemokraten zugerufen worden, berichtete die Illustrierte Kronen Zeitung am 6. Oktober 1911. Die Sitzung dauerte nun nicht mehr lang. Sie endete um 16.20 Uhr, nachdem der Präsident die Verhandlungen abgebrochen hatte.
Der Schütze wurde Anfang Dezember 1911 wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren schweren Kerkers verurteilt. Vier Jahre später starb er in Haft an Tuberkulose.
https://www.parlament.gv.at/aktuelles/news/Schuesse-im-Parlament