Wenn Angst medizinische Versorgung verhindert
Bonner Stufenkonzept wird mit Deutschen Preis für Patientensicherheit ausgezeichnet .
Bonn, 14. September 2026 – Eine Impfung dauert oft nur wenige Sekunden. Doch für manche Kinder und Jugendliche wird schon der Anblick einer Spritze zu einer unüberwindbaren Hürde. Blutentnahmen, Impfungen oder notwendige Untersuchungen scheitern – mitunter immer wieder. Medizinische Versorgung, die eigentlich Routine ist, wird dadurch unmöglich. Für diese Kinder und Jugendlichen hat ein Team der Kinderanästhesiologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) das Bonner Stufenkonzept entwickelt. Es ermöglicht notwendige medizinische Maßnahmen, ohne die Betroffenen festzuhalten, zu überreden oder ihre Angst zu übergehen. Am 17. September wird das Projekt in Berlin mit dem dritten Platz beim Deutschen Preis für Patientensicherheit 2026 ausgezeichnet.
Die Preisverleihung findet am Welttag der Patientensicherheit statt. Das Bonner Konzept macht eine häufig übersehene Seite von Patientensicherheit sichtbar: Eine medizinische Maßnahme kann nur schützen, wenn sie überhaupt stattfinden kann. Patientensicherheit beginnt deshalb bereits beim Zugang zur notwendigen Versorgung.
Entwickelt wurde das Stufenkonzept von Prof. Dr. Ehrenfried Schindler, Leiter der Sektion Kinderanästhesiologie am UKB, und Sven Korejtko, Fachpflegekraft im Eltern-Kind-Zentrum des UKB. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche mit einer ausgeprägten Blut-, Spritzen- und Verletzungsphobie, bei denen notwendige medizinische Maßnahmen bereits mehrfach gescheitert sind.
„Wenn Angst dazu führt, dass Impfungen, Blutkontrollen oder wichtige diagnostische Untersuchungen unterbleiben, wird sie selbst zu einem Risiko für die Patientensicherheit“, sagt Prof. Schindler. „Unser Ziel ist es, die notwendige Versorgung zu ermöglichen und den Kindern dabei Sicherheit und Kontrolle zurückzugeben.“
Die Folgen können weit über eine versäumte Impfung hinausgehen. Wenn notwendige Blutentnahmen, diagnostische Untersuchungen oder regelmäßige Kontrollen aufgrund der Angst nicht stattfinden können, werden mitunter auch Diagnosen und Behandlungen erschwert oder verzögert.
Vertrauen vor Behandlung
Das Konzept beginnt mit einem ausführlichen Vorgespräch. Das Team klärt, wovor das Kind konkret Angst hat, erklärt den geplanten Ablauf und macht es mit den Räumen und medizinischen Materialien vertraut. Am Behandlungstag werden Wartezeiten und überraschende Situationen möglichst vermieden. Abhängig von der Stärke der Angst kommen ein betäubendes Pflaster, angstlösende Medikamente oder eine kurze Sedierung unter kinderanästhesiologischer Überwachung zum Einsatz.
Der wichtigste Grundsatz lautet: Es geschieht nichts gegen den Willen des Kindes. Die Eltern können dabeibleiben, und die Kinder werden so weit wie möglich in jeden Schritt einbezogen. Damit unterscheidet sich der Ansatz bewusst von Situationen, in denen Betroffene festgehalten oder zu einer Behandlung gedrängt werden.
Für die Behandlung von Shanghai nach Bonn
Wie groß der Bedarf ist, zeigt die Geschichte einer Familie, die derzeit in Shanghai lebt. Für ihren 13-jährigen Sohn Philip* standen wichtige Impfungen aus – darunter eine Tollwutimpfung, die der Familie für das Leben in Shanghai besonders wichtig war. Mehrere Versuche waren zuvor an seiner ausgeprägten Spritzenangst gescheitert.
Nachdem die Familie vor Ort keine passende Hilfe gefunden hatte, stieß sie über ChatGPT auf das Bonner Stufenkonzept und reiste für die Impfungen nach Bonn. „Beim ersten Gespräch hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, dass unser Problem wirklich verstanden und ernst genommen wird“, berichtet seine Mutter Stefanie*.
Ihr Sohn lernte zunächst das Team, die Räume und den Ablauf kennen. Anschließend konnten die Impfungen an zwei Terminen unter kurzer Sedierung durchgeführt werden.
Auch Familien aus der Region suchen nach mehreren gescheiterten Behandlungsversuchen Hilfe am UKB. Mio aus Meckenheim hatte nach einer belastenden Erfahrung bei einer Blutentnahme so große Angst entwickelt, dass eine weitere medizinisch notwendige Blutentnahme und eine Impfung nicht mehr möglich waren.
Am UKB wurden ihm und seiner Mutter Maike zunächst alle Schritte erklärt. „Man hat sich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt“, erzählt sie. „Ich war einfach nur erleichtert, dass das möglich ist.“ Anschließend konnten sowohl die Blutentnahme als auch die Impfung durchgeführt werden.
50 von 52 Kindern erfolgreich versorgt
Von Februar 2022 bis September 2025 wurden 52 Kinder und Jugendliche nach dem Bonner Stufenkonzept behandelt. Alle hatten zuvor mindestens drei erfolglose oder abgebrochene Behandlungsversuche erlebt. Bei 50 von ihnen konnte die erforderliche medizinische Maßnahme erfolgreich durchgeführt werden.
Das Angebot ist nicht als dauerhafte Lösung oder als Ersatz für die Behandlung einer Phobie gedacht. Es schafft zunächst eine sichere Brücke zu medizinisch notwendigen Maßnahmen. Langfristiges Ziel bleibt, dass die Kinder und Jugendlichen Behandlungen später möglichst ohne Sedierung bewältigen können.
Der Deutsche Preis für Patientensicherheit wird vom Aktionsbündnis Patientensicherheit vergeben. Die Auszeichnung findet am 17. September im Rahmen einer Veranstaltung zum Welttag der Patientensicherheit in Berlin statt.
Weitere Informationen und Terminvergabe
Sekretariat der Sektion Kinderanästhesiologie
E-Mail: [email protected]
Telefon: 0228 287-37595
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