21.8.2026 14:36

Moralisch verwerfliche Geschäfte?

Německo WZB – Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung Autor neuveden
Die Studie von Kübler und Erkut zeigt, dass moralische Ablehnung kommerzieller Transaktionen stark von zwei Faktoren abhängt: den schweren Folgen für die schwächere Partei und davon, ob diese tatsächlich eine Wahlmöglichkeit hat. In Laborversuchen erhöht erst die Kombination aus hohen negativen Folgen und fehlender Wahlfreiheit die Ablehnung signifikant; einzelne Faktoren reichen nicht aus. Auf realen Märkten bewerten Deutsche Nierenverkauf als ethisch inakzeptabel, kommerzielle Leihmutterschaft hingegen als ethisch akzeptabel. Die Perspektive beeinflusst das Urteil: Beobachter stimmen eher der schwächeren Seite zu, während Angebotende offener bleiben; nur wenn die schwächere Partei wirklich Nein sagen kann, sinkt der moralische Widerstand in allen Gruppen.
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Die Causa um Jens Spahn hat die Debatte über kommerzielle Leihmutterschaften neu entfacht. Wie der Organhandel oder riskante Jobs ist auch die Leihmutterschaft moralisch hoch umstritten. Viele lehnen solche Geschäfte ab – selbst wenn alle Beteiligten davon profitieren. Doch warum? Die WZB-Forscherinnen Dorothea Kübler und Hande Erkut untersuchten in zwei Studien, was eine Transaktion moralisch inakzeptabel macht. Und ob wir anders urteilen, wenn wir selbst beteiligt sind.

 

Wann wir „Nein“ sagen  

Zwei Faktoren entscheiden über die moralische Ablehnung: Erstens die Schwere der Folgen für die schwächere Partei (etwa Gesundheitsrisiken beim Nierenverkauf). Zweitens die echte Wahlmöglichkeit: Kann die Person die Transaktion ablehnen, oder zwingen sie Armut und Not dazu? 

Um diese Faktoren zu trennen, entwickelten die Forschenden ein Laborexperiment. Allen Teilnehmern wurde mitgeteilt, dass sie am Ende des Experiments für 10 Minuten einen unangenehm hohen und lauten Ton über ihren Kopfhörer anhören müssen. Eine Person konnte nun aber einer anderen Geld anbieten, damit diese ihre 10 Minuten übernimmt, also 20 Minuten lang den Ton anhört. Zur Kontrolle wurde das Experiment auch mit 10 Minuten Wartezeit (ohne unangenehmen Ton) durchgeführt. Zudem wurde variiert, ob die Person das angebotene Geld annahm, weil sie wollte, oder ob sie faktisch keine Wahl hatte. 

Die Ergebnisse zeigen: Erst die Kombination aus schweren Folgen (dem unangenehmen Ton) und fehlender Wahlmöglichkeit führt zu moralischer Ablehnung. Keiner der beiden Faktoren allein reicht aus, damit die meisten Menschen eine Transaktion ablehnten.  

Danach übertrugen die Forschenden ihre Analyse auf reale Märkte. Teilnehmende aus Deutschland bewerteten den Nierenverkauf und die kommerzielle Leihmutterschaft. Die Ergebnisse beim Nierenverkauf bestätigten die Labordaten. In der Befragung unterschieden die Teilnehmenden klar zwischen den beiden kontroversen Märkten: Während Nierenverkäufe im Allgemeinen als ethisch inakzeptabel angesehen wurden, wurde kommerzielle Leihmutterschaft im Durchschnitt als ethisch akzeptabel bewertet.  

Die Teilnehmenden glaubten zudem, dass andere Menschen die beiden kontroversen Märkte negativer beurteilen würden als sie selbst. Die meisten unterschätzen also, wie tolerant andere gegenüber solchen kontroversen Märkten tatsächlich sind. 

Die Perspektive zählt  

In einer zweiten Studie prüften Erkut und Kübler, ob die eigene Rolle das moralische Urteil verändert. Mit demselben experimentellen Aufbau verglichen sie die Sichtweisen von neutralen Beobachtern, den Anbietern (der privilegierten Seite) und den Empfängern (der verletzlichen Seite). 

Das Ergebnis: Beobachter urteilen ähnlich wie die schwächere Partei. Wer hingegen das Angebot macht, ist deutlich aufgeschlossener gegenüber dem Geschäft. Nur wenn die schwächere Partei ein echtes Recht hat, „Nein“ zu sagen, schwindet der moralische Widerstand in allen drei Gruppen. 

Die Logik hinter der Moral  

Moralische Ablehnung ist keine bloße Bauchreaktion. Sie setzt ein, wenn schwere Folgen auf eine fehlende Wahlmöglichkeit treffen. Für die Politik bedeutet das: Wenn man sicherstellt, dass Schwächere wirklich nein sagen können, nimmt die Ablehnung von kontroversen Märkten ab. 

21.8., MP


https://www.wzb.eu/de/news/moralisch-verwerfliche-geschaefte

Autor
Společnost / Organizace
WZB – Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
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