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        Jenseits der Knappheit: die globale Polykrise und Ernährungssicherheit
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    <datum>
        14.8.2026
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    <autor>
        Sheryl Hendriks | Welthungerhilfe
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        Genug zu produzieren reicht nicht mehr. Je komplexer die Systeme, desto gefährdeter der Zugang zu erschwinglicher und gesunder Nahrung. Die Politik muss sich anpassen.
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Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

ENGLISH VERSION

Der jüngste Stand der Ernährungsunsicherheit in der Welt (SOFI 2026) lenkt auffällig die Aufmerksamkeit von Lebensmittelknappheit hin zur Frage des Zugangs zu Lebensmitteln, ihrer Erschwinglichkeit und zu dem, was Systeme leisten können. Der Schwerpunkt des SOFI auf Kosten einer gesunden Ernährung – und damit auf Ineffizienzen in Wertschöpfungsketten, Logistik, Verarbeitung und Bezahlbarkeit – deutet darauf hin, dass sich die Debatten über Ernährungssicherheit zunehmend über die Produktion hinaus hin zu komplexen Agrar- und Nahrungsmittelsystemen bewegen. Komplexität und Unsicherheit prägen die Zukunft der Ernährungssicherheit.

Die entscheidende Herausforderung der Ernährungssicherheit in der aktuellen globalen Polykrise ist nicht nur die Produktion von ausreichender Nahrung. Es geht um die Steuerung von zunehmend komplexen Systemen, durch die unterschiedliche Risiken ausgehend von Lebensmitteln, Finanzen, Energie, Informationen und Geopolitik interagieren. Das zentrale Merkmal der aktuellen Polykrise ist nicht die Häufigkeit der Schocks, obwohl dies eine Tatsache ist, sondern die zunehmende Tendenz, dass unzusammenhängende Schockwellen ähnliche Wirkungen auf Ernährungssicherheit nach sich ziehen. Die aktuelle geopolitische Dynamik offenbart die komplexe Natur der Ernährungssicherheit selbst.

Der SOFI 2026-Bericht dokumentiert einen überraschenden Dreijahrestrend im Abbau der Zahl hungriger Menschen weltweit, wobei die Zahlen jedoch in Afrika etwas höher sind als im Vorjahr. Zugleich sind angesichts zahlreicher jüngerer und aktueller Krisen sowie der Vielzahl von Ländern mit Konflikten, begleitet von extremen und häufigeren Wetterereignissen, erhebliche Störungen im Handel mit Lebensmitteln, Futtermitteln und Treibstoff zu beobachten. Was weithin als Krise der Lebenshaltungskosten und als eine Ära anhaltender Inflation der Lebensmittelpreise dargestellt wird, wird allerdings weniger durch einen globalen Mangel an Lebensmittelverfügbarkeit verursacht, sondern vielmehr durch mangelnden Zugang zu Lebensmitteln. Die größten Zukunftsrisiken lauern zugleich in den Unsicherheiten von Konflikten (hinsichtlich Intensität, Umfang und Dauer) sowie in den schnell wachsenden Bevölkerungen in bestimmten Gebieten.

In jüngerer Zeit war zu beobachten, dass selbst eine kleine Störung in einem vernetzten System unverhältnismäßig große Auswirkungen auf die Erschwinglichkeit von Nahrung haben kann, und dass diese sich weltweit erstrecken. Die COVID-19-Pandemie zeigte, dass selbst die entlegensten ländlichen Gebiete anfällig sind für Störungen der Lebensmittelsysteme. Da unsere Abhängigkeit vom globalen Handel weiter wächst, nicht allein für Lebensmittel, sondern auch für die Komponenten, die jede Stufe der Wertschöpfungskette stützen – von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln bis zu Computerchips in den Triebwerken der Verteilung –, können Störungen, egal wo im globalen Handelssystem, weitreichende Folgen haben.

In einem Artikel von 2022 legen meine Co-Autoren und ich dar, wie Klimawandel, COVID-19 und Konflikte (die drei Cs) mit fünf Vermittlern ("fünf Fs") interagieren, von denen Ernährungssysteme abhängen: die Geopolitik unserer globalen Ernährungs-, Düngemittel-, Finanz-, Futter- und Kraftstoffsysteme (food, fertilizer, finance, fodder and fuel). Wir wiesen darauf hin: "Unser globales Lebensmittelversorgungssystem ist fragil und anfällig für die Auswirkungen jedes einzelnen Treibers oder Vermittlers. Allerdings können alle miteinander interagieren und die nachgelagerten Auswirkungen auf Menschen, ihre Gesundheit und Ernährung verstärken. ... In einem Teufelskreis zehrt Unterernährung an der Fähigkeit, Nahrung zu produzieren, und mangelnde Verfügbarkeit von Nahrung kann zu Konflikten führen (und umgekehrt), während der Klimawandel und seine Umweltschäden beides verursachen können." 

Wir kamen zu dem Schluss: "In Zukunft könnte die Geopolitik der Nahrungsmittelproduktion, -beschaffung und -versorgung den Druck auf den globalen Süden verstärken, was sich potenziell negativ auf die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung und die Ernährungssicherheit auswirken könnte." Obwohl die Vorhersage, dass Geopolitik in Zukunft eine bedeutendere Rolle spielen würde, sich als zutreffend erweist, unterschätzten wir die geografische Reichweite dieser geopolitischen Herausforderungen.

Zudem hat sich der Klimawandel von einer zukünftigen Bedrohung zur gegenwärtigen Realität entwickelt. Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Stürme beeinträchtigen zunehmend die landwirtschaftliche Produktivität, Infrastruktur, Arbeitsproduktivität und Lebensmittelverteilungssysteme. Die Frage ist nicht mehr, ob der Klimawandel die Ernährungssicherheit beeinflusst, sondern wie sich Gesellschaften schnell genug anpassen, um mit dem Tempo der Auswirkungen Schritt zu halten.

Konflikte bleiben einer der stärksten Prädiktoren für akute Ernährungsunsicherheit. Jüngste Nahrungsmittelkrisen in Dschibuti, Gaza, Haiti, Sudan, Südsudan und anderswo zeigen, wie Gewalt die Produktion verhindert, Lebensgrundlagen zerstört, Bevölkerungen vertreibt und humanitären Zugang behindert. Globale Bewertungen identifizieren weiterhin Konflikte als Haupttreiber akuten Hungers.Globale Bewertungen identifizieren weiterhin Konflikte als Haupttreiber akuten Hungers.

COVID-19 mag aus den Schlagzeilen verschwunden sein, aber die Nachwirkungen der Pandemie halten an. Sie offenbarte Verwundbarkeiten in den Lieferketten, schwächte die öffentlichen Finanzen, erhöhte Schuldenlasten und verringerte die Widerstandsfähigkeit armer Haushalte. Viele dieser Verwundbarkeiten haben sich in Wirtschafts- und Regierungssystemen verfestigt. Die daraus gewonnenen Lektionen sind zwar nicht vergessen und nagen in unserem Hinterkopf. Doch erinnern uns neue Wellen von Maul- und Klauenseuche, Vogelgrippe, Schweinegrippe oder Hantavirus daran, wie schnell sich Pandemien ausbreiten können und wie schlecht vorbereitet immer noch sind, obwohl COVID-19 uns viel über die Komplexität unserer miteinander verbundenen Lebensmittel- und Gesundheitssysteme gelehrt hat.

Ernährungssicherheit entwickelt sich als Verständnis der zentralen Bedeutung von Nahrung und Nährstoffen für unser Überleben und unsere Menschenwürde beständig weiter. Mit jeder neuen globalen Krise wird die Definition verfeinert, geschärft und erweitert, und ebenso unser Verständnis der damit verbundenen Komplexität: was es heißt sicherzustellen, dass alle Menschen jederzeit Zugang zu sicheren und nahrhaften Lebensmitteln haben, um ihren Ernährungsbedarf und -präferenzen für ein aktives und gesundes Leben zu decken.

Jede politische Entscheidung birgt Chancen, Bedrohungen und Kompromisse, die Ernährungs- und Nährstoffsicherheit für Gemeinschaften direkt und indirekt über verschiedene Kanäle beeinflussen können. Das haben wir mit COVID-19-Maßnahmen festgestellt. Wenn wir das 'C' für COVID in den ersten drei Cs durch Komplexität ersetzen, integrieren wir im Zuge der Vernetzung der Systeme die aus der Pandemie gewonnenen Erkenntnisse über unbeabsichtigte Folgen politischer Entscheidungen. So haben z.B. Ausgangssperren Bedürftigen den Zugang zu Ausgabepunkten für Nahrungsmittelhilfe versperrt. Die drei Cs werden dann (siehe Abbildung 1):


Klimawandel – verursacht physische Schocks.
Konflikt – verursacht Störung und Fragmentierung.
Komplexität – erzeugt Verstärkung und unbeabsichtigte Folgen.

Nach der römischen Ernährungserklärung von 2014 verlagerte sich der Fokus der Ernährungsunsicherheit und schloss in einer umfassenderen Definition auch Fettleibigkeit und Übergewicht als Folgen von Fehlernährung und unsicheren Ernährungsverhältnissen ein. Diese Aufmerksamkeit hat wachsendes Interesse an ernährungsbedingten Krankheiten und am Einfluss von Lebensmittelumgebungen auf Kaufverhalten und Nährstoffzufuhr geweckt. Ernährungsumgebungen sind die Orte, in denen Menschen Lebensmittel kaufen, und wo frische, gesunde Lebensmittel verfügbar sind – im Vergleich zu ungesunden Fast-Food-Lokalen. Der Anstieg von Fettleibigkeit und Übergewicht beschränkt sich nicht auf wohlhabendere Länder, wie im Global Nutrition Report 2026 gezeigt wird. Fettleibigkeit und Unterernährung treten in bestimmten Regionen im selben Haushalt auf und tatsächlich auch individuell: mit Fettleibigkeit, die mit Mikronährstoffmängeln verbunden ist.

Jede Iteration der Definition von Ernährungssicherheit wurde von Lehren aus der Geschichte geprägt. Im Denken zur Ernährungssicherheit differenzieren sich drei unterschiedliche Epochen:


Die Knappheitsära – können wir genug Nahrung produzieren?
Die Ära des Zugangs – können Menschen genug Nahrung bekommen?
Die Polykrisenära – können Gesellschaften trotz kaskadenhafter und wechselwirkender Schocks weiter Zugang zu gesunder Ernährung erlangen?

Obwohl derzeit zahlreiche Krisen koexistieren, türmen sie sich nicht zwangsläufig zum Treiber von Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung auf. Eine Polykrise ist nicht unbedingt die Ansammlung von Krisen (z.B. der Iran-Krieg und die Straße von Hormus, der Ukrainekrieg, COVID, Zölle im Welthandel, Dürren, KI usw.). Was wir beobachten, ist die Verstärkung und Verbreitung von Krisen durch vernetzte Systeme. Probleme der Ernährungsunsicherheit entstehen nicht immer durch Knappheit, sondern durch das Zusammenspiel von Komplexität, Unsicherheit und menschlichen Reaktionen darauf. Plötzlich werden Ernährungsunsicherheit, Energieunsicherheit, nationale Unsicherheit, Lieferkettenunsicherheit, Wasserunsicherheit und Cyberunsicherheit im selben Raum diskutiert.

Wir leben in einem Zustand systemischer Unsicherheit, in dem Klimawandel, Konflikte und Komplexität ständig durch die übertragenden Systeme Lebensmittel, Düngemittel, Finanzen, Futter und Brennstoff miteinander interagieren. Die Frage ist nicht mehr, ob ein weiterer Schock auftreten wird, sondern wie diese Systeme reagieren werden, wenn die Wellen eintreffen und sich fortsetzen.

Komplexität führt zu einer Verstärkung (amplification) von Störungen im Ernährungssystem. Zum Beispiel führt ein Klimaschock zu Marktbedenken, die vorsorgliche Handelsmaßnahmen auslösen. Diese Maßnahmen führen zu Unsicherheit bei Investoren und erhöhten Transportkosten, die letztlich Verbraucherpreise in die Höhe treiben. Die Auswirkungen auf die Ernährungsweise können letztlich größer sein als von der ersten Schockwelle selbst erwartet. Da Verbraucher im Allgemeinen preissensibel sind, kann sich das Kaufverhalten ändern, was zu Marktverschiebungen bei verschiedensten Produkten führt und direkt den Status der Ernährungssicherheit einzelner Personen beeinflusst. Halten höhere Preise an, können sich auch die Konsummuster ändern – zum Guten wie zum Schlechten.

Die Herausforderung besteht also nicht einfach darin, genügend Lebensmittel zu produzieren, sondern darin, die wachsende Komplexität der Systeme zu bewältigen, die gesunde Lebensmittel zugänglich, erschwinglich und verlässlich machen. Wenn es nicht mehr darum geht, ob ein weiterer Schock eintreten wird, sondern wie Lebensmittelsysteme darauf reagieren werden, dann müssen politische Reaktionen entsprechend angepasst werden. So sollten Regierungen ausreichende Lebensmittelvorräte gewährleisten, um Störungen durch Klimawandel, Konflikte oder Pandemien abzufedern. Auch über die Lagerung von Reserven hinaus müssen Sicherheitsstrategien diversifiziert werden auf ein breiteres Spektrum an Maßnahmen, darunter den Abbau von Abhängigkeiten in Lieferketten, Initiativen zur Klimaanpassung, verbesserte Beobachtung von Lebensmittelsystemen und Investitionen in widerstandsfähige landwirtschaftliche Infrastruktur. Sie müssen Schocks aus mehreren Quellen vorhersehen, Unsicherheiten verringern, Stabilität stärken und langfristige Resilienz aufbauen.

Sheryl L. Hendriks ist Expertin für Ernährungssicherheit und die Steuerung von Ernährungssystemen. Sie ist Gastprofessorin an der Universität Pretoria und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Abdul Latif Jameel Water and Food Systems Lab des Massachusetts Institute of Technology.

https://www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/agrar-ernaehrungspolitik/die-polykrise-und-der-zugang-zu-gesunder-nahrung


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