Die Sprache der Zahlen lesen

23.6.2026 - | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

FAU-Professorin Andrea Bréard erhält renommierten ERC Advanced Grant für Forschung zu Statistik in Chinas Krisenzeiten.

Wenn Professorin Dr. Andrea Bréard über China, Mathematik und Statistik spricht, geht es nie nur um Zahlen. Die Vizepräsidentin der FAU verbindet in ihrer Forschung Sinologie und Mathematik auf einzigartige Weise. Dafür erhält die Inhaberin des Lehrstuhls für Sinologie mit dem Schwerpunkt Geistes- und Kulturgeschichte Chinas nun den renommierten mit 2,5 Millionen Euro dotierten ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats. Mit ihrem Projekt „C-STICS“ untersucht sie in den kommenden fünf Jahren den wechselseitigen Einfluss von Statistik und Krisen in Autokratien am Beispiel Chinas.

An diese E-Mail wird sich Andrea Bréard wohl noch lange Zeit erinnern. Während eines Online-Meetings mit einer FAU-Kollegin ploppt diese in ihrem Posteingang auf: Neue Nachricht im Portal des Europäischen Forschungsrats (ERC). Wenige Klicks später ist klar: Die FAU-Professorin erhält einen der renommierten ERC Advanced Grants, die zu den bedeutendsten Förderungen für Spitzenforschung in Europa gehören.

Für die Inhaberin des Lehrstuhls für Sinologie mit dem Schwerpunkt Geistes- und Kulturgeschichte Chinas und FAU-Vizepräsidentin ist die Auszeichnung weit mehr als nur ein weiterer Forschungserfolg. Sie bedeutet für die Mathematikerin und Sinologin vor allem eines: die Möglichkeit, ein Forschungsprojekt verwirklichen zu können, das sie seit mehr als 20 Jahren gedanklich begleitet. Ursprünglich beschäftigte sie sich insbesondere mit der Mathematikgeschichte Chinas.

C-STICS: Rolle von Statistik in Krisenzeiten

Die Verbindung zur Statistik entsteht während ihrer Zeit in der Wirtschaft, die sie zeitweise in China und Taiwan verbringt. „Mich hat ungemein fasziniert, wie dort mit Zahlen umgegangen wird und wie über Statistiken kommuniziert wird“, sagt sie. Das Thema lässt Andrea Bréard nicht mehr los. Für ihre Habilitation beginnt sie zu erforschen, wie Statistik als Disziplin in China überhaupt entstanden ist. „Zur Geschichte der Mathematik in China arbeiten viele Menschen. Aber Statistik? Das hat praktisch niemand gemacht. Ich musste bei null anfangen.“ Heute gilt Andrea Bréard als eine der Pionier/-innen auf diesem Gebiet.

Ihr ungewöhnliches wissenschaftliches Interesse prägt auch das neue Forschungsprojekt „Chinese Statistics in Crisis“, kurz: C-STICS. Andrea Bréard untersucht darin die Rolle von Statistik in Krisenzeiten und fragt, wie autokratische Systeme mit Zahlen arbeiten, durch Zahlen regieren und wie Statistiken selbst Krisen sichtbar machen oder sogar hervorbringen können.

Wechselwirkung zwischen Politik und mathematischen Methoden

Im Zentrum von C-STICS steht die Beobachtung, dass Krisenzeiten Statistik verändern. Regierungen brauchen Zahlen, um Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig entstehen in Krisen oft neue Methoden und neue Formen der Kommunikation über Daten. „Das haben wir alle während der Corona-Pandemie erlebt“, sagt Andrea Bréard. „Plötzlich haben Menschen täglich auf Dashboards geschaut, Inzidenzen verfolgt und politische Entscheidungen anhand von Zahlen diskutiert.“

Auch Autokratien seien in Krisen auf Statistik angewiesen. „Natürlich gibt es dort viel stärker kontrollierte Kommunikationskanäle“, erklärt sie. „Aber auch dort spielen Zahlen eine enorme Rolle, um Krisen zu verstehen und zu steuern.“ Besonders interessiert die FAU-Wissenschaftlerin dabei die Wechselwirkung zwischen Politik und mathematischen Methoden. „Es heißt oft, Mathematik sei rein objektiv und unabhängig“, sagt sie. „Aber die Geschichte zeigt sehr deutlich, wie stark politische Systeme Einfluss auf mathematische Methoden nehmen können.“

Zur Geschichte der Mathematik in China arbeiten viele Menschen. Aber Statistik? Das hat praktisch niemand gemacht. Ich musste bei null anfangen.

Prof. Dr. Andrea Bréard

Blick geht auch über den Tellerrand

Im Projekt blickt sie dafür auf Chinas „langes 20. Jahrhundert“ – von der Republikzeit über die frühe kommunistische Ära bis zur Gegenwart unter Xi Jinping. Untersucht werden dabei vier große Themenfelder: Demografie, Gesundheit und soziale Kontrolle, Wirtschaft sowie Klima und Krisenkommunikation. Dafür baut Andrea Bréard an der FAU ein Team aus Sinolog/-innen und Datenwissenschaftler/-innen auf.

Gemeinsam in einem größeren Forschungsnetzwerk soll der Blick auch über den Tellerrand gehen. „Wir möchten einen theoretischen Rahmen entwickeln, der generell genutzt werden kann, um zu untersuchen, wie Statistik in Autokratien funktioniert, genutzt und eingesetzt wird“, unterstreicht Andrea Bréard.

Chinesische Statistikdaten analysieren, hinterfragen und sichtbar machen

Geplant ist unter anderem ein öffentlich zugängliches „China Data Observatory“-Portal, das chinesische Statistikdaten analysiert, kritisch hinterfragt und sichtbar machen soll. Eines ist ihr dabei besonders wichtig: „Wir wollen weg von der pauschalen Aussage, chinesische Zahlen seien ohnehin alle manipuliert. Uns interessiert vielmehr, wie diese Zahlen entstehen. Wir wollen Anhaltspunkte liefern, wie man chinesische Zahlen besser interpretieren und einordnen kann.“

Dass sie dieses ambitionierte Vorhaben nun an der FAU verwirklichen kann, ist eng mit ihrer bisherigen wissenschaftlichen Laufbahn verbunden. Andrea Bréard kam mit einer Alexander von Humboldt-Professur, dem höchstdotierten internationalen Forschungspreis Deutschlands, aus Paris nach Erlangen. Mit dem ERC Advanced Grant knüpft ihre Forschung nun unmittelbar an ihre Arbeit an. Oder, wie Andrea Bréard selbst sagt: „Jetzt kann ich mich endlich vertieft mit all den interdisziplinären Fragen beschäftigen, die mich bereits seit Jahrzehnten umtreiben und die FAU bietet hierfür hervorragende Strukturen.“

https://www.fau.de/2026/06/news/forschung/die-sprache-der-zahlen-lesen