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        Die Matua: Sounds und Rituale stärken Zugehörigkeit über Grenzen hinweg
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        9.7.2026
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        Carola Lorea | Universität Tübingen
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        Studie der Universität Tübingen über eine religiöse Gemeinschaft, die trotz Vertreibung und Migration näher zusammenrückt – Protestbewegung gegen Kastensystem am Golf von Bengalen
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„Die Matua sind sozial stark benachteiligt und wurden im Laufe ihrer Geschichte in schwer zugängliche Gebiete abgedrängt“, sagt Carola Lorea. Lange seien die Matua von Politik und Forschung übersehen worden. „Aber sie sind mittlerweile sehr gut organisiert und können mit ihren Stimmen die Ergebnisse von Wahlen beeinflussen.“ Deshalb beginne die Politik, die Matua zu umwerben. „Wer sie verstehen will, muss ihre Musik und Religion verstehen“, so Lorea. „Wir können durch die Matua auch etwas über Zusammengehörigkeit allgemein lernen, in Zeiten von Streamingdiensten und sozialen Medien: Wir sind, was wir hören.“ Ihres Wissens ist ihr Buch die erste englischsprachige Monografie über die Matua.

Religion und Kultur der Matua
Der Glaube der Matua entstand als Reformbewegung des Hinduismus während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Region des heutigen Bangladesch. Die Matua verehren Harichand Thakur (1812–1878) als ihren Gründer. In seinen Lehren betonte er die Gleichheit aller Menschen und wandte sich gegen die Diskriminierung durch das Kastensystem. Die Anhänger stammen größtenteils aus der Namashudra Gemeinschaft, einer einst marginalisierten „niedrigen“ Kaste. Im Kastensystem gehören Menschen von Geburt an einer bestimmten Kaste an, die ihren sozialen Status und die Berufe bestimmt, die sie ausüben können. Heiraten sind nur innerhalb einer Kaste möglich. Die Namashudra-Gemeinschaft lebte meist als landlose Bauern und Fischer abgedrängt in unwirtliche Gegenden, im Fluss-Delta am Golf von Bengalen, in Sümpfen und Gebieten mit häufigen Überschwemmungen.

Im Zentrum der religiösen Praxis der Matua stehen Gesänge, die von Trommeln, Zimbeln und einfachen Saiteninstrumenten begleitet werden, außerdem ein heiliger Tanz, der in einen erhöhten Bewusstseinszustand führen soll. Die Lieder werden über Stunden wiederholt und variiert. So entstehen eine laute, euphorische Stimmung und eine gemeinsame Geschichte der eigenen Identität. Die Menschen legen teils Hunderte Kilometer zu den Versammlungsorten zurück. Eine zentrale Rolle für den Zusammenhalt spielen Priester-Sänger, die über große Distanzen reisen und als Guru, Heiler, Performer und Aktivisten auftreten.

Die soziale Bewegung
1947 wurden Pakistan und Ost-Bengalen, das spätere Bangladesch, von Indien abgespalten. Die neuen Grenzen und von der Politik geschürten Konflikte zwischen Hindus und Muslimen führten zu einer der größten Massenmigrationen in der Menschheitsgeschichte. 1971 fielen Pakistan und Bangladesch endgültig auseinander. Viele Matua zogen aus dem überwiegend muslimischen Bangladesch ins indische West-Bengalen, viele blieben in Bangladesch, wo heute noch zehn Millionen leben. Ein weiteres wichtiges Siedlungsgebiet sind die Andamanen und Nikobaren, ein Archipel im Indischen Ozean aus 200 Inseln, die über 1.400 Kilometer östlich des indischen Festlands liegen. So haben sich viele Staatsgrenzen und natürliche Barrieren zwischen Teile der Matua-Gemeinschaft geschoben.

In West-Bengalen, einem der bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaaten, gehören die Matua zu den „Scheduled Castes“, den „benachteiligten Gruppen“. Lange war die Staatsbürgerschaft vieler Matua nicht geklärt und ist es bis heute nicht. Sie haben sich gegen soziale und politische Diskriminierung gut organisiert, demonstrieren und lobbyieren für ihre Rechte. Die Anführer der Bewegung sind häufig die reisenden Priester-Sänger, die politischen Versammlungen finden an den religiösen Versammlungsorten statt.

Sogar der indische Premierminister Narendra Modi reiste Anfang 2019, 2021 und 2026 zu den beiden zentralen Heiligtümern der Matua in West-Bengalen und in Bangladesch.

Das Forschungsprojekt
Carola Lorea hat insgesamt zehn Jahre lang in West-Bengalen gelebt und ihre Recherchen in Indien, Bangladesch und auf den Andamanen unter einfachen Bedingungen gemacht, teils ohne Strom und fließend Wasser. Sie nahm in dieser Zeit viele der Lieder und Geschichten auf, wohnte den religiösen Treffen und Protesten bei. Ihre Methode bezeichnet sie als „Ethnografie des Klangs“.

https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/die-matua-sounds-und-rituale-staerken-zugehoerigkeit-ueber-grenzen-hinweg


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