Wenn Handel nicht automatisch Frieden stiftet: Internationale Ökonomen diskutieren in Budapest die Zukunft der Weltwirtschaft

Datum12.10.2026
SubjektFernUniversität in Hagen
AutorStephan Düppe
RegionGermany
KategorieEconomy, Universities, Conferences and trade fairs

Beim 6. Workshop der Global Economic Policy Group brachten die FernUniversität und die University of Westminster internationale Forschende in Budapest zusammen.

Wie verändern geopolitische Spannungen die Weltwirtschaft? Mit dieser Frage beschäftigten sich Ende September rund 30 Forschende aus Europa und weiteren Regionen beim 6. Workshop der Global Economic Policy Group (GEPG) in Budapest. Die zweitägige Tagung wurde von der FernUniversität in Hagen gemeinsam mit der University of Westminster ausgerichtet und fand am Goethe-Institut Budapest statt. Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft und das Fernstudienzentrum Budapest der FernUniversität waren Hauptorganisatoren der Veranstaltung.

Im Mittelpunkt des Workshops standen die Folgen geopolitischer Konflikte für die internationale Wirtschaftsordnung. Diskutiert wurden insbesondere die Rolle globaler Lieferketten, Fragen der Energiesicherheit sowie die Auswirkungen einer zunehmenden geoökonomischen Fragmentierung.

Ein Netzwerk für die internationale Wirtschaftspolitik

Die GEPG ist ein internationales Forschungsnetzwerk von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen Außenhandelsökonomie und internationale Makroökonomie. Der jährliche Workshop ist das zentrale Forum für den wissenschaftlichen Austausch über aktuelle wirtschaftspolitische Herausforderungen.

Das Programm spiegelte die Breite der Forschungsthemen wider: von Handelspolitik und Handelsabkommen über „Aid for Trade“, globale Wertschöpfungsketten sowie internationale Makroökonomie und Finanzen bis hin zu Fragen der Arbeitsmobilität. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten mehrere Panels zur geoökonomischen Fragmentierung. Sie beschäftigten sich unter anderem mit Wirtschaftsdiplomatie und wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen, strategischen Abhängigkeiten, Energiesicherheit, kritischen Rohstoffen, multinationalen Unternehmen und der Widerstandsfähigkeit internationaler Produktionsnetzwerke.

Handel, Konflikt und die zwei Gesichter Montesquieus

Den Auftakt des Workshops bildete die Keynote „Geopolitical Conflict and Trade: Montesquieu Revisited“ von Prof. Dr. Wilhelm Kohler (Universität Tübingen), die auf einem gemeinsam mit Jonas Adolph und Gernot Müller verfassten Forschungspapier basiert.Im Zentrum stand die Frage, wie Handel und geopolitische Konflikte zusammenhängen. Seit Montesquieu gilt in der liberalen Tradition: Wer miteinander Handel treibt, führt weniger Krieg.

Die Autoren zeigen, dass wirtschaftliche Verflechtungen Staaten sowohl von Konflikten abhalten als auch Handlungsspielräume einschränken können. Ihr Modell beschreibt zwei mögliche Entwicklungen: einen „tugendhaften Kreislauf“ aus intensiven Handelsbeziehungen und geringem Konfliktrisiko sowie einen „Teufelskreis“ aus geringer wirtschaftlicher Verflechtung und hoher Konfliktwahrscheinlichkeit zwischen den Staaten. Montesquieus Logik, so die Botschaft, wirkt in beide Richtungen. Darüber hinaus thematisiert die Untersuchung mögliche Folgen von „De-Risking“-Strategien und wirtschaftlicher Entkopplung.

Mit Wilhelm Kohler sprach einer der renommiertesten europäischen Ökonomen für internationalen Handel, Migration und europäische Integration in Budapest. Seine Forschung wurde in führenden Fachzeitschriften veröffentlicht und prägt die wirtschaftswissenschaftliche Debatte seit Jahrzehnten.

Von Handelspolitik bis Energiesicherheit

Im weiteren Verlauf des Workshops diskutierten die Teilnehmenden zahlreiche aktuelle Forschungsarbeiten. Zu den Themen gehörten die handelspolitischen Folgen eines NATO-Beitritts, die Geopolitik der EU-China-Beziehungen, die Wirkung von „Aid for Trade“ auf Dienstleistungsexporte aus Entwicklungsländern, Rohstoffpreiseffekte des gemeinsamen EU-Außenzolls, die Folgen des Zollschocks für kleine Volkswirtschaften sowie Hafenblockaden, strategische Abhängigkeit als geopolitische Externalität und die geografische Integration globaler Wertschöpfungsketten.

Am zweiten Veranstaltungstag standen Energieversorgung und kritische Rohstoffe im Mittelpunkt. Behandelt wurden unter anderem Europas Verwundbarkeit durch russische fossile Energieträger, kritische Vorprodukte in Lieferketten, die wirtschaftlichen Kosten von Lieferunterbrechungen sowie die Reaktionen multinationaler Unternehmen auf den Brexit. Ergänzt wurde das Programm durch eine Stadtführung und gemeinsame Networking-Aktivitäten.

„Es gibt keinen besseren Ort als Ungarn, um über die zunehmende internationale Fragmentierung zu sprechen“
Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer

Budapest als Ort des wissenschaftlichen Dialogs

„Es gibt keinen besseren Ort als Ungarn, um über die zunehmende internationale Fragmentierung zu sprechen“, sagte Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer. „Über Jahre hinweg hat die ungarische Regierung unter Viktor Orbán dazu beigetragen, Europa zu spalten. Am 12. April dieses Jahres haben die Ungarinnen und Ungarn gewählt: Péter Magyars Partei Tisza hat die Wahl klar gewonnen, Orbáns 16-jährige Regierungszeit ging zu Ende. Ursula von der Leyen kommentierte das Ergebnis noch am Wahlabend mit den Worten: ,Ungarn hat Europa gewählt.‘ Mit unserem Workshop wollen wir einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Ursachen und Folgen dieser Entwicklungen besser zu verstehen. Denn die europäische Integration ist in Zeiten wachsender Rivalität zwischen den Großmächten wichtiger denn je.“

Zum Gelingen der Veranstaltung trug auch das Fernstudienzentrum Budapest der FernUniversität maßgeblich bei. Das Team vor Ort unterstützte die Organisation des Workshops mit großem Engagement und unterstrich damit die Bedeutung des internationalen Standorts für die wissenschaftliche Vernetzung der FernUniversität.


https://www.fernuni-hagen.de/universitaet/aktuelles/2026/10/am-gepg-workshop-budapest.shtml