Theatergruppe des Instituts für Germanistik bringt Esther-Drama als Medienmix auf die Bühne – Aufführung an der JLU im Rahmen eines DFG-Projekts am 20. August 2026
Wie führt man ein historisches Spiel auf, das nur in Fragmenten überliefert ist? Die Theatergruppe des Instituts für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) hat sich dieser Herausforderung gestellt. Das Publikum darf sich in diesem Sommer auf eine weitere Aufführung der spielfreudigen Gruppe freuen. Auf dem Programm steht eine außergewöhnliche Inszenierung von „Esther“ des Zürcher Humanisten Caspar Wolf. Die Gäste erwartet eine ungewöhnliche Kombination aus Stummfilm und Live-Präsentation. Das Medienexperiment ist an der JLU am 20. August 2026 um 18 Uhr im Margarete-Bieber-Saal, Ludwigstraße 35, in Gießen erstmals zu erleben.
Die Theatergruppe verbindet unter der Leitung von Prof. Dr. Cora Dietl und Karina Fischer (M.A.) eine filmische Umsetzung mit live aufgeführten Szenen. „Wir versuchen mit der Aufführung, eine möglichst große historische Nähe zum Drama herzustellen und zugleich die durch die Überlieferung entstandenen Lücken szenisch zu schließen“ erklärt die Gießener Germanistin Dietl. Anlass für die Aufführung ist ein internationaler Workshop im Rahmen des DFG-Projekts „Theatrale Aushandlungen interreligiösen oder interkonfessionellen Zusammenlebens“ vom 19. bis 21. August, bei dem deutschsprachige Esther-Dramen des 16. und 17. Jahrhunderts im Fokus stehen. Kooperationspartnerinnen sind Elisabeth Dutton, Fribourg/Schweiz, und Chanita Goodblatt, Israel. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Theologie, Jiddistik, Kunst- und Literaturgeschichte gehen unter dem Titel „Between the Carnivalesque and the Solemn. German, Dutch, English, and Yiddish reception of the book of Esther in the 16th and 17th centuries“ („Zwischen Karnevaleskem und Feierlichem. Die Rezeption des Buches Ester in Deutschland, den Niederlanden, England und im Jiddischen im 16. und 17. Jahrhundert“) der Frage nach, wie historische Dramen religiöse und gesellschaftliche Konflikte ihrer Zeit verhandeln.
In einer in Basel aufbewahrten Handschrift aus dem Jahr 1601 sind die Argumenta (gesprochene Inhaltsangaben) der fünf Akte von Caspar Wolfs „Esther“ erhalten. Der Spieltext selbst fehlt. Kein Grund für Prof. Dietl, dieses Fragment einfach zur Seite zu legen. Die Germanistin erklärt, warum sie der Stoff begeistert: „Die Argumenta sind faszinierend. Sie sind dialogisch gestaltet und stellen letztlich kleine Spieleinlagen dar. Da treffen sich Wilhelm Tell und die Eidgenossen, da sind die Heiligen Drei Könige im Gespräch mit einem Wilden Mann, da versammeln sich Apoll und die Musen. Alle Figuren unterhalten sich über einen Plot, der sehr dem von Thomas Naogeorgs lateinischer Esther-Tragödie ,Hamanus‘ aus dem Jahr 1543 gleicht.“ Dietl vermutet, dass diese beliebte Tragödie am Zürcher Gymnasium mit deutschen Argumenta aufgeführt worden sein könnte, um dem Publikum das Verständnis des lateinischen Textes zu erleichtern. Zudem sollten möglicherweise Bezüge der im antiken Persien spielenden Handlung des alttestamentlichen Buches Esther zur Schweiz im frühen 17. Jahrhundert gezogen werden. Genau wisse man das jedoch nicht.
Die Aktualisierung des Geschehens durch die Argumentsprecher zeigt prototypisch, wie der Transfer historischer Stoffe in andere Zeiten und Kulturen gelingt. „Diese Transferleistung gilt in gleicher Weise für uns heute“, ist Prof. Dietl überzeugt. Dazu hat sie ein ungewöhnliches Aufführungskonzept entwickelt. Die Theatergruppe drehte einen Stummfilm zu Naogeorgs „Hamanus“; die Zwischendialoge werden live auf die Bühne gebracht. Das Drehbuch hat Karina Fischer, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Theatrale Aushandlungen interreligiösen und interkonfessionellen Zusammenlebens“, verfasst. Die Dreharbeiten fanden auf dem Schiffenberg statt.
Die Veranstaltung wird gefördert durch die DFG und das Hessische Landestheater Marburg und erfolgt in Kooperation mit dem Literarischen Zentrum Gießen (LZG).
Eine weitere Aufführung ist im November 2026 in Braunschweig geplant im Rahmen eines gemeinsamen Doktorandinnen- und Doktorandenkolloquiums der Mediävistikprofessuren der Universitäten Bamberg, Bayreuth, Gießen, Chemnitz, Karlsruhe und Braunschweig.
Stummfilm: Prof. Dr. Cora Dietl, Karina Fischer, Philipp Holicka, Anna Jordan, Julian Kräling, Swantje Luhn, Luca Marie Merkle, Timo Miosga, Jonas Pausch, Jonas Schaum, Samira Sippel, Kim Zips, Sophie Znajda
Live-Präsentation: Prof. Dr. Cora Dietl, Karina Fischer, Luca Marie Merkle, Timo Miosga, Samira Sippel, Kim Zips, Sophie Znajda
20. August 2026, 18 Uhr, Gießen, Margarete-Bieber-Saal (Ludwigstraße 35)
14. November 2026, voraussichtlich 19 Uhr, Braunschweig, TU.
Der Eintritt ist frei.
https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/litgeschichte/veranstaltungendietl
Studieninteressierte, die sich für ein Studium der Germanistik an der JLU interessieren, können sich hier informieren:
https://www.uni-giessen.de/de/studium/studienangebot/bachelor/germanistik
https://www.uni-giessen.de/de/studium/studienangebot/master/germanistik
https://www.uni-giessen.de/de/ueber-uns/pressestelle/pm/pm114-26theaterauffuehrungesther