Können Popsongs beim Vokabellernen helfen? Und welche Rolle spielt dabei das Ohrwurm-Phänomen? Diesen Fragen ging Dr. Antonio Vivone in seiner Doktorarbeit an der Universität Paderborn in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Theater, Medien Hannover (HMTMH) und der University of Toronto nach. Vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ist er dafür mit dem Studierendenpreis für Soziale Innovationen (StiPS) ausgezeichnet worden. Damit würdigt Bundesministerin Dorothee Bär Innovationen, die einen echten gesellschaftlichen Wandel bewirken.
„Als Schüler musste ich englische Vokabellisten auswendig lernen und begann intuitiv, diese Wörter in die Tonleitern einzubauen, die ich seit meinem vierten Lebensjahr – unter Anleitung meiner Mutter, einer Klavierprofessorin – täglich übte. Überraschenderweise entstanden dabei Ohrwürmer, durch die ich die Vokabeln unbewusst erwarb“, erklärt Dr. Vivone die Idee zu seiner Forschungsarbeit. In zwei Studien mit über 250 Sechstklässler*innen zeigte sich, dass das Singen von Popsongs das Behalten englischer Vokabeln nachhaltiger unterstützte als herkömmliches Lernen. Viele der gesungenen Wörter und Wortverbindungen blieben als „Ohrwürmer“ im Gedächtnis und wurden unwillkürlich mental wiederholt, was ihre langfristige Festigung begünstigte.
„Der überraschendste Befund war jedoch, dass Lernende, die sangen, einen deutlichen Anstieg ihres subjektiven Wohlbefindens empfanden. Ein Ausmaß, das in der Bildungsforschung selten beobachtet wird“, berichtet Dr. Vivone. Gleichzeitig lernten diejenigen Schüler*innen, denen es besser ging, auch mehr. Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass Musik den Unterricht nicht bloß angenehmer macht, sondern aktiv die psychologischen Bedingungen schafft, unter denen Lernen möglich wird. Zwei Drittel der Lernenden in der Musikgruppe berichteten außerdem, während der Studie Ohrwürmer gehabt zu haben – sie wiederholten Liedtexte unwillkürlich außerhalb des Klassenzimmers. In der Folge erzielten die Lernenden mit Ohrwürmern außerdem größere Vokabelzuwächse als jene ohne, was auf einen Mechanismus hindeutet, der in einem Schulkontext bislang nie empirisch nachgewiesen wurde: Lieder unterrichten weiter, auch nachdem die Unterrichtsstunde längst beendet ist.
„Die Ergebnisse meiner Dissertation verändern grundlegend, wie ich Unterricht denke und gestalte. Eine gute Stunde ist nicht nur eine, in der Inhalte effizient vermittelt werden, sondern eine, in der die emotionalen und kognitiven Bedingungen für nachhaltiges Lernen aktiv geschaffen werden. Ich wähle Lieder also nicht nur nach ihrem lexikalischen Gehalt, sondern nach ihrer Fähigkeit, als Ohrwürmer zu wirken, aus“, resümiert Dr. Vivone. Als Doktorväter haben Prof. Dr. Dominik Rumlich vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Paderborn, Prof. Dr. Andreas Lehmann-Wermser vom Institut für musikpädagogische Forschung der HMTMH und Prof. Dr. Roger Mantie vom Institut für Kunst, Kultur und Medien der University of Toronto die Arbeit betreut.
Als zukunftsweisendes Modell, das Lernprozesse an die Anforderungen von morgen anpasst, hat das Dissertationsprojekt im Themenbereich „Bildung & Arbeit“ des StiPS überzeugt und den dritten Platz belegt. In seinem Postdoc-Projekt an der University of Toronto und Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover setzt Dr. Vivone seine Forschung unter der Begleitung von Prof. Dr. Mark Schmuckler und Prof. Dr. med. André Lee nun vertiefend fort. In einer länderübergreifenden Studie vergleicht er kanadische (Englisch als Muttersprache) und deutsche (Englisch als Fremdsprache) Lernende. Einen Fokus legt er dabei auf die Neurophysiologie: Mithilfe verschiedener Messungen der Hirnaktivität sollen neuronale Signaturen identifiziert werden, die dem beobachteten Lerneffekt in Korrelation mit dem Ohrwurm-Phänomen zugrunde liegen könnten.