Kluge Stadtplanung entscheidet über unsere Zukunft

7.7.2026 - | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

FAU-Kulturgeograph PD Dr. Klaus Geiselhart erklärt, warum Verwaltungen vernetzter und experimentierfreudiger werden müssen.

Wie können wir in unseren Städten nachhaltiger und gesünder leben und wohnen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Kulturgeograph PD Dr. Klaus Geiselhart von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Er sagt: Nachhaltige städtische Wohnräume erfordern kluge Stadtplanung. Wie diese gelingen kann, beschreibt er im Interview. 

Warum stoßen Stadtplanerinnen und Stadtplaner in ihrer täglichen Arbeit immer wieder an Grenzen – und was hat das mit den Strukturen und Routinen in den Verwaltungen zu tun?

Die Aufgabe der Stadtplanung gleicht einer Quadratur des Kreises. Gemäß Paragraph 1 des Baugesetzbuchs (BauGB) soll sie eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung zum Wohl der Allgemeinheit sichern. Dazu zählen nicht nur die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung, sondern ebenso soziale Belange und eine menschenwürdige Umwelt. Die Stadtplanung hat Klimaschutz und Klimaanpassung zu fördern und zugleich die baukulturelle Qualität sowie das Orts- und Landschaftsbild zu bewahren. Hier müssen viele Ansprüche integriert werden, etwa wenn Hitzeschutz Versickerung und Wasserrückhaltung verlangt, was Aufgabe der Wasserwirtschaftsamts ist, aber auch möglichst viel Vegetation, wofür wiederum das Grünflächenmanagement zuständig ist. Beides steht meist in Konflikt mit den Flächenansprüchen der Verkehrsplanung. Häufig fehlen Richtlinien und Strukturen wie diese Ansprüche zukunftsgerecht priorisiert werden können.

Sie sprechen davon, Stadtverwaltungen „neu zu denken“. Was heißt das konkret – und wie kann man sich so einen Wandel im Verwaltungsalltag vorstellen?

Zu den Aufgaben der Stadtplanung gehören auch die Beteiligung der Öffentlichkeit und die Beteiligung von Politikerinnen und Politikern, damit diese die Komplexität konkreter Planungsvorhaben verstehen und zukunftsrelevante Entscheidungen informiert treffen können. Es gilt also vielfältigen externen Anforderungen gerecht zu werden und wie vorhin schon angesprochen die Planungsaktivitäten unterschiedlicher Dienststellen zu einem stimmigen Ganzen zu integrieren. Es geht nun darum, diese integrierende Schnittstellenfunktion der Stadtplanung präsenter und zur Grundlage der jeweiligen lokalen Planungskultur zu machen. Sie kann nur dann zum grundlegenden Selbstverständnis der Stadtplanenden werden, wenn sie auch in Öffentlichkeit und Politik sowie verwaltungsintern in dieser Rolle gesehen, akzeptiert und unterstützt werden.

Die leitenden Strategiedokumente fordern auch eine mutige konsequente Planung im Sinne der Nachhaltigkeit, etwa die Neue Leipzig Charta.

PD Dr. Klaus Geiselhart

In Ihrem Projekt geht es auch um Experimentier- und Möglichkeitsräume. Wie können Verwaltungen mutiger werden, ohne gleich Chaos zu riskieren?

Es besteht kein Anlass, Chaos zu befürchten: Stadtplanende sind in der Regel hoch qualifiziert. Die leitenden Strategiedokumente fordern auch eine mutige konsequente Planung im Sinne der Nachhaltigkeit, etwa die Neue Leipzig Charta. Innovative Planung braucht aber auch die Bereitschaft weiterer Akteure, insbesondere den langfristigen politischen Rückhalt für entsprechende Projekte und Interventionen. Stadtplanende brauchen eine entschiedene Haltung um Privatleuten sowie Investorinnen und Investoren die Einhaltung zahlreicher gemeinwohlorientierter Auflagen – etwa zum Baumschutz oder zu Versiegelungsgrenzen – abzuverlangen. Zentral wäre dabei auch eine Haftungsfreistellung, die garantiert, dass Stadtplanende nicht persönlich für etwaige entstehende reale oder auch nur „gefühlte“ Schäden haften.

Nachhaltigkeit betrifft viele Bereiche gleichzeitig. Warum ist vernetztes Arbeiten in der Verwaltung so wichtig – und was läuft heute noch zu oft nebeneinander her?

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Gesundheitsversorgung. Diese wird in Erlangen beispielsweise vom Gesundheitsamt des Landkreises Erlangen-Höchstadt koordiniert. Am Beispiel des Hitzeschutzes wird besonders deutlich, dass viele Maßnahmen der Stadtplanung hochgradig gesundheitsrelevant sind. Eine systematische Verzahnung von Gesundheitsfragen mit Klimaschutz und Klimaanpassung könnte Synergien erzeugen. Für Maßnahmen der Stadtplanung, etwa Entsiegelung, Baumerhalt und -neupflanzung, Qualifizierung von Grünraum und Gewässer, Verschattung etc., oder auch für die Einrichtung von Trinkwasserbrunnen, kühlender Aufenthaltsorte oder beschatteter Haltestellen und Schulhöfe könnten dann vielleicht auch Gelder aus der Gesundheitsförderung akquiriert werden. Dies ist insbesondere interessant, weil Klimaschutz und -anpassung keine Pflichtaufgaben der Städte sind, im Falle knapper Kassen also zuerst gekürzt werden.

Am Ende ist ein Orientierungspapier entstanden. Wem soll es helfen, und was sollen Leserinnen und Leser daraus ganz praktisch für ihre eigene Arbeit mitnehmen können?

Aufbauend auf Erfahrungen von Stadtplanenden aus der Region, zeigen wir organisationale Innovationen auf, die sich an kommunale Verwaltungsakteure richten. Darüber hinaus sprechen wir politische Vertretungen auf kommunaler und Landesebene an, um auf die Verbesserung verwaltungsbezogener Rahmenbedingungen hinzuwirken. Zuletzt adressieren wir die interessierte Öffentlichkeit, um ein besseres Verständnis der Situation von Stadtplanenden und deren zentralen Rolle in der sozial-ökologischen Transformation zu erreichen. Uns geht es darum, sowohl Herausforderungen in der Verwaltungspraxis als auch konkrete Lösungsansätze und gelungene Erfolgsbeispiele sichtbar zu machen; diese wiederum können Eingang in die Arbeit anderer Städte finden und dort positive Wandelimpulse stimulieren.

Weitere Informationen:

Das Orientierungspapier stellt die Forschungsgruppe um PD Dr. Klaus Geiselhart am Freitag, 17. Juli, 9.30 bis 12.30 Uhr, in der Aula des Baumeisterhauses, Bauhof 9, Nürnberg vor. Mehr Informationen zur Veranstaltung: https://www.geographie.nat.fau.de/integriert-handeln-nachhaltig-planen/

https://www.fau.de/2026/07/news/forschung/kluge-stadtplanung-entscheidet-ueber-unsere-zukunft