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        Rede von Außenminister Johann Wadephul bei der Kiel Security Conference
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        23.6.2026
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    <autor>
          | Auswärtiges Amt
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        Übersetzung der Rede aus dem Englischen.
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Das Schwarze Meer, die Ostsee und der Nordatlantik unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Lage und Eigenschaften grundlegend voneinander.

Gemeinsam sind sie jedoch ein- und derselben Bedrohung ausgesetzt: Russland.

Diese Bedrohung tritt heute nicht punktuell oder sporadisch auf.

Wie ein Graben zieht sie sich durch Europa, entlang der russischen Grenze bis hoch in den Norden.

Vom Schwarzen Meer bis hinauf in die Arktis versucht Russland, vermeintliche historische Ansprüche geltend zu machen und eine Einflusssphäre abzustecken.

Es versucht, politischen Druck aufzubauen, Angst zu verbreiten und unser Bündnis zu spalten.

Doch das wird Russland nicht gelingen.

Denn Europa und die NATO treten dieser Bedrohung geeint entgegen.

Kiel ist durch die Ostsee ein naheliegender Konfliktschauplatz.

In den letzten Jahren hat sie sich zu einem sicherheitspolitischen Brennpunkt entwickelt. Wir alle wissen: Die Ostsee ist von höchster Bedeutung für unsere kollektive Sicherheit.

Sie bildet das östliche Ende der Seeverbindungslinien der NATO, die sich durch den Nordatlantik bis hin zur Ostküste Nordamerikas erstrecken.

Russlands völkerrechtswidriger Krieg gegen die Ukraine, der im Jahr 2014 begann, hat in aller Deutlichkeit gezeigt, dass Putins Russland eine Gefahr für die Freiheit und Sicherheit in Europa und eine Bedrohung für die NATO darstellt.

Insbesondere für jene Staaten, die direkt an Russland grenzen.

Unsere baltischen Verbündeten haben viele Jahre lang vor dieser Gefahr gewarnt.

Aber in den meisten europäischen Ländern stießen diese Warnungen auf taube Ohren, bis Russland völkerrechtswidrig und mit Gewalt die Krim besetzte und den Krieg nach Europa zurückbrachte.

Als Reaktion darauf begann die NATO ab 2016, ihre Präsenz entlang der Nordostflanke anzupassen.

Weil wir verstanden haben, dass die Grenzen der baltischen Republiken zu Russland und Belarus eine Schwachstelle der NATO-Nordostflanke bildeten.

Heute würde sie niemand mehr als Schwachstelle bezeichnen.

Die Präsenz der NATO hat sich vom „Stolperdraht“ hin zu einem transatlantischen Bollwerk entwickelt.

Es ist übrigens auch eine Region, in der die europäischen NATO-Mitglieder bereits die volle Verantwortung für die Gewährleistung der eigenen Sicherheit übernehmen, mit Unterstützung starker Verbündeter von der anderen Seite des Nordatlantiks, wie Kanada.

Wenn wir heute über die transatlantischen Beziehungen sprechen, dann dürfen wir nicht vergessen, dass unsere kanadischen Verbündeten sich mit Nachdruck als Rahmennation in Lettland engagieren.

Denn wir alle haben verstanden, dass die Ostsee von zentraler Bedeutung für die Verteidigung des gesamten Bündnisses ist.

Sie dient als strategische Route im Hinblick auf Verstärkung und Nachschubversorgung.

Schweden und Finnland – die jüngsten NATO-Mitgliedstaaten – sind maßgeblich auf diese Versorgungsrouten über die Ostsee angewiesen.

Und militärisch betrachtet bildet die Ostsee den maritimen Zugang nach Mitteleuropa.

Russland ist sich dessen bewusst.

Und das ist der Grund, warum Russland die Ostsee zunehmend als Konfrontationszone betrachtet.

Wir haben Sabotageakte erlebt, Spionageaktivitäten, Störungen von GPS-Signalen, das Eindringen von Drohnen und Kampfflugzeugen in NATO-Luftraum, die Durchfuhr von Schiffen der russischen Schattenflotte und die wiederholte Präsenz russischer Forschungsschiffe in der Nähe von kritischer Infrastruktur.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass das NATO-Manöver BALTOPS, das dieses Jahr zum 55. Mal stattfindet, weiterhin als große multinationale Marineübung in der Ostsee abgehalten wird.

BALTOPS steht unter Führung der 6. US-Flotte.

Später dürfen wir noch deren Kommandeur, Vizeadmiral Anderson, zu einer unserer Podiums-Diskussionen begrüßen.

In einer Zeit, in der es viele Debatten um die Zukunft der NATO gibt, ist es immer sinnvoll, einen Blick auf die Einsatzrealität zu werfen.

Und was wir hier in Kiel direkt vor uns sehen, ist klar.

Während einige schon voreilig verlauten ließen, die transatlantische Zusammenarbeit würde schwächer werden oder stünde sogar kurz vor ihrem Ende, führt die 6. US-Flotte diese Übung konsequent seit 55 Jahren durch.

Unser Bündnispartner USA erwartet von den europäischen Ländern, für ihre eigene Sicherheit einzustehen.

Und das ist auch richtig so.

Aber richtig ist auch: Dieser Gedanke kam nicht erst unter der derzeitigen US-Regierung auf.

Schon lange vorher haben die Vereinigten Staaten darauf gedrängt, dass Europa die Themen Abschreckung und Verteidigung ernst nehmen muss.

Wir wollten das nicht hören.

Inzwischen haben sich die Zeiten drastisch verändert.

Heute investieren die meisten europäischen Länder nachhaltig in ihre Streitkräfte.

Mit Blick auf die Bundeswehr muss ich zugeben, dass wir noch nicht da sind, wo wir hinwollen.

Aber wir werden Tag für Tag stärker.

In den letzten beiden Wochen hat die Deutsche Marine mit den Seestreitkräften vierzehn anderer Nationen das BALTOPS-Manöver durchgeführt.

Gerade in Zeiten wie diesen sendet BALTOPS eine kraftvolle Botschaft an diejenigen, die das transatlantische Band gern geschwächt oder gekappt sähen.

Russland ist einer dieser Staaten.

Aber offensichtlich hat sich Putin verkalkuliert.

Heute sieht sich Russland in der Ostseeregion und auch darüber hinaus weit stärkeren NATO-Kräften gegenüber als noch vor ein paar Jahren.

Dies ist das Ergebnis zunehmender Investitionen in unsere Streitkräfte.

In der gesamten NATO müssen diese Investitionen noch weiter in Richtung des vereinbarten Zielwerts von fünf Prozent aufwachsen.

Es ist ja ganz einfach: Die NATO sorgt für Europas Sicherheit.

Deshalb ist das 5%-Ziel in Europas Sicherheitsinteresse.

Indem wir in die NATO investieren, investieren wir auch in Europa.

Und Deutschland engagiert sich hierbei in der Spitzengruppe.

Aber hier in Kiel, mit all den eindrucksvollen Marineschiffen im Hafen, drängt sich noch eine andere Erkenntnis auf.

Unsere Kapazitäten weiter aufzubauen und unsere Verteidigungsbereitschaft zu stärken, ist eine der drängendsten, aber auch schwierigsten Herausforderungen, vor denen unsere Streitkräfte heute allesamt stehen.

Mehr Geld in unsere Sicherheit zu investieren, ist eine unbestreitbare Notwendigkeit – aber genauso wichtig ist es, Haushaltsmittel in echte militärische Fähigkeiten zu transformieren.

Erst dann werden aus unseren Worten auch Taten.

Ein Land, das uns Tag für Tag zeigt, wie man das macht, ist die Ukraine.

Heldenhaft verteidigt sich die Ukraine im modernsten konventionellen Krieg unserer Zeit.

Hier zeigt sich bereits, wie Kriege in der Zukunft geführt werden.

Und während sich die meisten Beobachter auf den Kampf an Land konzentrieren, wird Russland auch im maritimen Bereich erfolgreich abgewehrt.

Die Ukraine hat Russlands vermeintliche Seeüberlegenheit im Schwarzen Meer durch Innovation, moderne Technologie und einen unbeugsamen Kampfeswillen gebrochen.

Als Russland 2014 völkerrechtswidrig die Krim besetzte und annektierte, begründete Putin das zum Teil damit, dass anderenfalls „die NATO-Flotte in Sewastopol, der Stadt russischen militärischen Ruhmes, anlegen würde“.

Die NATO hatte nie ein solches Interesse an Sewastopol.

Als Konsequenz seiner eigenen Handlungen hat Putin dann mitansehen müssen, wie ukrainische Drohnen wiederholt den Hafen von Sewastopol trafen, wie die „Moskwa“ versenkt und die russische Schwarzmeerflotte erheblich dezimiert wurde und ihre operative Bewegungsfreiheit verloren hat.

Heute ist der Großteil dieser Flotte aufgrund der ukrainischen Seekriegsführung nicht mehr in Sewastopol, sondern in Noworossijsk stationiert.

Statt die Seeherrschaft im Schwarzen Meer auszuüben, hat Putin Russlands maritime Einflussmöglichkeiten dort in weiten Teilen verspielt.

Vom Ruhm der russischen Flotte ist nichts geblieben.

Aber aus russischer Sicht ist etwas noch Wesentlicheres geschehen.

Das Schwarze Meer ist wieder auf die strategische Landkarte westlicher Länder zurückgekehrt.

Im vergangenen Jahr hat die Europäische Union erstmals eine Strategie für eine stabile und sichere Schwarzmeerregion verabschiedet.

Dies ist ein erster wichtiger Schritt, um das Schwarze Meer wieder ins Zentrum des strategischen Denkens Europas zu rücken.

Wir alle haben nun die Aufgabe, in dieser Weise strategisch umzudenken.

Das Schwarze Meer ist von größter Bedeutung – heute, aber auch mit Blick auf die Zukunft.

Denn jede künftige Friedensvereinbarung für die Ukraine muss auch die maritime Dimension des Krieges miteinbeziehen.

Und auch das schwierige und fragile Gleichgewicht zwischen allen Schwarzmeer-Anrainerstaaten.

Im Augenblick ist es allerdings ein umkämpfter Kriegsschauplatz.

Der Ukraine ist es gelungen, einen Korridor für die lebenswichtige Wirtschaftsverbindung des Landes zu den globalen Märkten offenzuhalten.

Auf diesem Weg kann sie die Getreideexporte aufrechterhalten, die für die globale Ernährungssicherheit von grundlegender Bedeutung sind.

Dies unterstreicht auch die verschiedenen geopolitischen Rollen, die die Ukraine heute ausfüllt.

Wir unterstützen die Ukraine finanziell und durch Militärhilfe.

Gerade auch im maritimen Bereich liefern wir den ukrainischen Seestreitkräften Material und Know-how – und werden dies auch weiterhin tun.

Ich danke der Deutschen Marine für ihre enormen Anstrengungen in dieser Hinsicht.

Aber durch ihre eigene herausragende militärische Kompetenz hat sich die Ukraine von einem bloßen Empfänger von Sicherheitsleistungen zu einem Akteur entwickelt, der selbst Sicherheit gewährleistet und ein starker strategischer Partner ist.

Unsere jüngsten bilateralen Regierungskonsultationen in Berlin im April haben dies unterstrichen.

Wir haben unsere Zusammenarbeit zu einer strategischen Partnerschaft zwischen Deutschland und der Ukraine ausgeweitet.

Deutschland ist als ein führendes Land in Europa der Ukraine verpflichtet.

Das es liegt auch in unserem nationalen Interesse.

Das ukrainische Know-How ist zum Maßstab für die Streitkräfte und Rüstungsindustrien in aller Welt geworden.

Meine Damen und Herren,

wenn wir uns fragen, wie wir die Ostseeregion verteidigen sollen, müssen wir die Schwarzmeerregion in den Blick nehmen.

Wir müssen den Nordatlantik und unsere strategischen Versorgungswege in den Blick nehmen.

Wir müssen die Arktis und die wachsenden Herausforderungen im hohen Norden in den Blick nehmen, wo Russlands nukleare U-Boote NATO-Interessen bedrohen.

Und wo auch China seine Präsenz und seinen Einfluss verstärkt.

Im Moment gibt es wahrlich keinen Mangel an geostrategischen Konflikten.

Glücklicherweise sind Vertreter von jedem der Schauplätze, die ich gerade genannt habe, heute hier vertreten.

Lassen Sie uns nun gemeinsam die richtigen Schlussfolgerungen ziehen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/kiel-security-conference-2775540


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