Ein Blick in die Geschichte hilft, heutige Konflikte und Gesellschaftsverhältnisse besser zu verstehen. In einer Zeit, in der Debatten um Geschlechtergerechtigkeit, sexuelle Vielfalt und Rollenbilder polarisieren, gewinnt die Expertise der Frauen- und Geschlechtergeschichte an Aktualität und Relevanz. Auf Einladung des Arbeitskreises Historische Frauen- und Geschlechterforschung und des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZG) der Universität Bielefeld diskutieren 350 Teilnehmende vom 9. bis 11. September neue Forschungsergebnisse.
Der Kongress steht unter dem Titel „Frauen- und Geschlechtergeschichte in Zeiten der Anfechtung von Demokratie, Diversität und Verantwortung“. Er widmet sich gleichermaßen der Entwicklung des Fachs und aktuellen Forschungstrends. Auch geht er der Frage nach, welche Rolle die Geschichtswissenschaft und hier besonders die Frauen- und Geschlechtergeschichte für den Erhalt demokratischer Gesellschaften übernehmen kann und muss.
Auf dem Programm des Kongresses stehen insgesamt 42 Sektionen mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen, ein World-Café und ein Festakt zur Kongresseröffnung. Unter den Teilnehmenden sind Forschende aller Epochen, sowie aus angrenzenden Disziplinen wie Soziologie, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaften und Gender Studies. Die Geschlechtergeschichte präsentiert sich in ihrer ganzen Vielfalt, inklusive der noch jungen Ansätze der Queeren Geschichte und Trans*-Geschichte.
Das Programm umfasst zahlreiche Themen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Drei Beispiele:
Die Grußworte zur Eröffnung am Mittwochabend halten Professorin Dr. Angelika Epple, Rektorin der Universität Bielefeld, Professorin Dr. Antje Flüchter, Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, und Professorin Dr. Diana Lengersdorf, Sprecherin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZG).
Im Anschluss diskutieren die Historikerinnen Dr. Anna Dobrowolska (Basel), Professorin Dr. Kirsten Heinsohn (Hamburg), Professorin Dr. Martina Kessel (Bielefeld) und Professorin Dr. Katie Sutton (Canberra) über Geschlechtergeschichte und Demokratie. Der Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung (AKHFG) verleiht im Anschluss seinen Dissertationspreis an Maria Bühner (Leipzig).
„Die aktuellen Auseinandersetzungen um Geschlecht sind keine Randdebatten, sondern treffen den Kern unserer gesellschaftlichen Ordnung“, sagt Professorin Dr. Diana Lengersdorf, Soziologin und Sprecherin des IZG. „Als einer der ältesten Standorte der Geschlechterforschung ist es für uns selbstverständlich, diesen Dialog in Bielefeld fächerübergreifend und mit wissenschaftlicher Distanz zu führen. Gerade die Beschäftigung mit historischen Perspektiven spielt in Bielefeld seit den 1980er Jahren und bis heute eine wichtige Rolle. Hier wurde 1989 die erste Professur für Geschlechtergeschichte eingerichtet.“
„Einen internationalen Kongress dieser Größe hat es im Fach seit Jahrzehnten in Deutschland nicht gegeben“, sagt Dr. Christina Benninghaus, Historikerin am IZG und AKHFG-Vorstandsmitglied, die die Konferenz hauptverantwortlich organisiert hat. „Ein kritischer Blick in die Vergangenheit schärft unser Bewusstsein dafür, wie fragil demokratische Errungenschaften sind. Gerade der Umgang mit Geschlechterfragen und Minderheiten erwies sich in der Geschichte immer wieder als zentraler Seismograf für den Zustand einer Demokratie.“
Unterstützt wird der Kongress von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem strategischen Fokusbereich „Contestations of Gender and Democracy“ (ConGeD, deutscher Titel: Anfechtungen von Geschlecht und Demokratie) der Universität Bielefeld und der Abteilung für Geschichtswissenschaft.
https://aktuell.uni-bielefeld.de/2026/09/08/internationaler-kongress-zur-geschlechtergeschichte