Veränderung gelingt: Man muss sie nur wollen

27.8.2026 - | Deutscher Kulturrat

Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt rücken und Mutlosigkeit überwinden.

Wer in den letzten beiden Monaten die Nachrichten verfolgt hat, konnte mutlos werden. Eine schlechte Nachricht reihte sich an die nächste. In Deutschland sind über 10.000 Menschen im Juni und Juli an den Folgen der Hitze verstorben. In Frankreich, in Spanien, in Griechenland, in den Niederlanden, in Belgien und im August in der Eifel, nicht gerade eine Gegend, die für besondere Hitze bekannt ist, führen Waldbrände dazu, dass Menschen ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen. Manche verlieren ihr Hab und Gut.

Die Flüsse und Auen trocknen aus mit starken Folgen für die Flora und Fauna. Das Mittelmeer erreicht Temperaturen von über 30 Grad. Bauernverbände prognostizieren Ernteausfälle. Und als ob dies alles nicht reichen würde, ist ein Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und im Iran, um nur zwei besonders markante Kriege zu nennen, überhaupt nicht abzusehen. Viele Menschen schauen mit Sorge auf die im September anstehenden Landtagswahlen und befürchten einen massiven Rechtsruck. Darüber hinaus ist von der Bundesregierung ständig zu hören, dass die „fetten Jahre“ nun wirklich vorbei seien, sich jeder auf Einsparungen, längeres Arbeiten und anderes mehr einstellen müsse. Wer da nicht den Mut verliert, muss schon sehr stabil und widerstandsfähig sein.

Doch hilft es nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Es muss vielmehr darum gehen, Mutlosigkeit zu überwinden, um Zukunftsfähigkeit zu gewinnen.

Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit

Mitte 2023 erschien beim Deutschen Kulturrat das Buch „Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit“. In dem Buch werden die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN-Nachhaltigkeitsagenda durchdekliniert und verdeutlicht, was geschehen muss, um die Nachhaltigkeitsziele und eine lebenswerte Zukunft für alle zu erreichen. In dem Sammelband wird nachdrücklich unterstrichen, dass Nachhaltigkeit nicht ausschließlich ein ökologisches Thema, sondern, wie die 17 Nachhaltigkeitsziele eindrücklich belegen, eine gesellschaftliche Frage ist.

Der Titel „Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit“ ist programmatisch gemeint. Er unterstreicht zum einen den erforderlichen Kulturwandel in der Nachhaltigkeitsdiskussion und verdeutlicht, dass von der Kultur wichtige Impulse für Nachhaltigkeit ausgehen.

Die Nachhaltigkeitsziele 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden) und 12 (Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion) adressieren unmittelbar den Kultursektor. Es geht darum, wie Städte geplant werden, wie Städte weiterentwickelt werden müssen, wie und mit welchen Materialien gebaut wird, wie haltbar und wie reparierbar die Materialien und Gegenstände sind, die uns tagtäglich umgeben. Angefangen von Kleidung, Schuhen, Möbeln, Haushaltsgeräten und anderem mehr. Stadtplanerinnen, Architekten, Designerinnen und andere sind Expertinnen und Experten, um die Städte resilienter zu machen. Stichworte wie beispielsweise Schwammstadt, damit Regen gehalten wird, mehr Bäume in den Innenstädten, um das Mikroklima zu verbessern, Nachverdichtung, um Wohnraum zu schaffen, zeigen, dass die Vorschläge für nachhaltige Städte längst auf dem Tisch liegen. Es kommt darauf an, sie umzusetzen, um Zukunftsfähigkeit zu gewinnen.

Aber auch über die unmittelbar den Kulturbereich adressierenden Nachhaltigkeitsziele 11 und 12 hinaus leistet der Kultursektor einen wesentlichen Beitrag, um die Resilienz zu stärken. Einige Beispiele sollen dies illustrieren: Die international bekannte Band Coldplay hat nach eigenen Angaben bei ihrer aktuellen Tour den CO₂-Ausstoß im Vergleich zu früheren Tourneen um mehr als 50 Prozent reduziert. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft hat im Jahr 2024 eine strategische Ausrichtung des Verbands auf den Weg gebracht und nimmt dabei ökologische, soziale, kulturelle und ökonomische Nachhaltigkeit in den Blick. Bei der ökologischen Nachhaltigkeit steht die Reduktion der CO₂-Emissionen ganz oben auf der Agenda. In der Film- und Fernsehproduktion hat Grünes Drehen längst Einzug gehalten und ist Voraussetzung, um Filmförderung zu erhalten.

Fachverbände haben an der Erarbeitung der Standards mitgewirkt, um die erforderliche Praxisnähe zu gewährleisten. Im Deutschen Museumsbund wurde im Frühjahr dieses Jahres der Arbeitskreis Nachhaltigkeit gegründet. Er sammelt und bündelt die Aktivitäten der Museen für eine nachhaltige Museumspraxis, fördert den interdisziplinären Austausch innerhalb der Museumslandschaft und darüber hinaus mit anderen Organisationen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Dabei geht es darum, die Nachhaltigkeitsziele in ihrer Komplexität in den Blick zu nehmen, also ökologische, ökonomische und soziale Aspekte. Der Bundesverband Soziokultur hat im Dialog mit den lokalen soziokulturellen Zentren Praxisbeispiele für ökologische Nachhaltigkeit erstellt. Sie illustrieren, was vor Ort bereits umgesetzt wird und welche Potenziale noch bestehen.

Diese wenigen Beispiele machen exemplarisch deutlich: Der Nachhaltigkeitsdiskurs ist im Kulturbereich präsent, er wird engagiert geführt und die unterschiedlichen Dimensionen der UN-Nachhaltigkeitsagenda werden in den Blick genommen. Es wird deutlich, dass ökonomischer Erfolg auf Dauer nur mit einer ökologischen, sozialen und kulturellen Ausrichtung gelingen kann. Vor allem wird anschaulich, dass anspruchsvolle Kunst, spannende Konzerte, berührende Filme, packende Ausstellungen, inspirierende Veranstaltungen und Nachhaltigkeit sich nicht widersprechen. Ganz im Gegenteil, neue Perspektiven werden möglich.

Umso ärgerlicher ist es, dass bei der Neubesetzung des Rates für nachhaltige Entwicklung im Januar dieses Jahres leider erneut die Chance vertan wurde, Expertise aus dem Kulturbereich in das Gremium zu berufen. Von den 15 berufenen Ratsmitgliedern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Landwirtschaft und Umwelt- und Naturschutz ist niemand mit einer ausgewiesenen Kulturexpertise, der die oben genannten Aspekte gebündelt in das Gremium einbringen könnte. Gerade Kunst und Kultur ermöglichen, Menschen unmittelbar zu erreichen und Reflexionen anzuregen.

Leider endete auch die Projektförderung der Green Culture Anlaufstelle durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im August dieses Jahres. Bereits Monika Grütters hatte als Kulturstaatsministerin unter dem Namen „Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien“ im Jahr 2020 eine Beratungsstelle auf den Weg gebracht, die in der Green Culture Anlaufstelle aufging. Ein wichtiges Ziel der Beratungsstelle war neben der Einzelberatung von Kulturinstitutionen aufzuzeigen, dass Nachhaltigkeit eben nicht in erster Linie mit Verzicht und Einschränkungen einhergeht, sondern neue Chancen für Zusammenarbeit eröffnet und vor allem Spaß macht.

Der Hitzesommer 2026 zeigt, welcher ökologische und vor allem welcher wirtschaftliche Schaden entsteht, wenn dem Klimawandel nicht entschieden entgegengetreten wird. Um das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte 1,5-Grad-Ziel, also den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau, zu erreichen, müssen jetzt Maßnahmen ergriffen werden. Deutschland ist innovativ. Es darf nicht auf das Gestern gesetzt, sondern muss in die Zukunft investiert werden. Dies stärkt den Standort Deutschland und macht ihn widerstandsfähiger. Der Kulturbereich zeigt, wie es gehen kann.

Resilienz stärken und Mutlosigkeit entgegentreten

Viele Entwicklungen können einen verzagen lassen. Umso wichtiger ist es jetzt, das Gelingende nach vorne zu stellen, die Resilienz zu stärken und damit die UN-Nachhaltigkeitsagenda mit Leben zu füllen. Die UN-Nachhaltigkeitsagenda hat das Jahr 2030 als Zielmarke. Konkret bedeutet dies, dass in den nächsten vier Jahren Gas gegeben werden muss, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Trotz Wirtschaftskrise und mangelndem Wachstum nimmt nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Deutschland Platz 3 der führenden Industrienationen ein. In vielen Zukunftstechnologien, so z. B. bei den erneuerbaren Energien, hat Deutschland international eine Spitzenstellung. Hieraus kann Mut zur Veränderung geschöpft werden. Die Innovationskraft ist vorhanden, sie muss in praktisches Handeln umgesetzt werden. Vor allem muss handlungsleitend sein, dass Versäumnisse jetzt einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Die Hitze dieses Sommers führt dazu, dass Hauptwasserstraßen nicht mehr schiffbar sind. Ein Gütertransport auf der Straße ist viel zu teuer, abgesehen davon, dass gar nicht so viele Lastwagen und Fahrer verfügbar sind. Die Aufhebung von Sonntagsfahrtverboten für Lastwagen ist daher reine Symbolpolitik. Erforderlich wäre, die Nachhaltigkeit in das Zentrum des politischen Handelns zu rücken und Taten auf den Weg zu bringen.

Der Kulturbereich macht es an vielen Stellen und Orten vor: Die Veränderung kann gelingen. Viele kleine Schritte tragen dazu bei, die Nachhaltigkeitsagenda bekannt zu machen und vor allem sie umzusetzen. Diese Schritte machen Mut, dass Veränderung gelingt; man muss sie nur wollen.

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