Spielsand, Dekosand, Spielfiguren: Die Stiftung Warentest hat weitere Produkte ins Labor geschickt − und fand insgesamt in 10 von 22 krebserregendes Asbest.
Seit Monaten reißen die Nachrichten über Asbestfunde in Spiel- und Dekosand nicht ab. Auch die Stiftung Warentest hat allerhand bunte Sandprodukte auf den krebserregenden Stoff getestet. In der ersten Runde fanden sich unter 18 Produkten sechs mit Asbest. Vier weitere belastete Produkte sind nun dazu gekommen. Asbestfasern können Krebs erzeugen, wenn sie eingeatmet werden. Eine unbedenkliche Dosis gibt es nicht.
Mit Stand August 2026 liegen wissenschaftliche Versuche vor, was passiert, wenn mit asbestbelasteten Sanden gespielt oder hantiert wird. Diese Ergebnisse sind in einem Interview mit den Forschern aus Neuseeland auf test.de beschrieben. Asbestbelastete, trockene Sande setzen demnach auch giftige Fasern frei.
Die vier neuen Produkte stammen laut Etikett von der Marke Whaleco Technology Limited, der Firma hinter Temu. Die Produktnamen der Tüten mit buntem Deko-Sand lauten schlicht „Pinker Sand 200 g“ oder „Aquatic Blue Sand 100 g“.
Alle vier Produkte kauften wir bei dem Online-Händler Temu. Alle sind mit der Asbest-Art Tremolit belastet, mit einem Gewichtsanteil in der Klasse „Spuren bis weniger als ein Prozent“ (Details siehe „So haben wir nach Asbest gesucht“). Damit erhöht sich die Zahl der Asbest-Funde unter den nun 22 geprüften Sand-Artikeln auf zehn.
Temu teilt uns dazu mit, sie hätten alle vier Artikel schon vor unserer Anfrage durch bestehende Kontrollmaßnahmen identifiziert und von der Plattform entfernt. Die Produkte seien zur weiteren Untersuchung an externe Labore übergeben worden.
„Sollten die externen Tests bestätigen, dass eines dieser Produkte die geltenden Anforderungen nicht erfüllt, werden wir die betroffenen Kunden per E-Mail und In-App-Nachricht benachrichtigen und eine vollständige Rückerstattung einschließlich kostenloser Rücksendung veranlassen“, schrieb ein Temu-Sprecher der Stiftung Warentest.
Asbest entdeckte das Labor in Dekosand, Sand für Sandbilder und kinetischem Sand. Von den geprüften mit Sand gefüllten Spielfiguren war keine belastet.
Tipp: Einen schnellen Überblick, welche Produkte wir untersucht haben und ob und wie stark sie belastet waren, bietet unsere Tabelle.
Ein Teil der Produkte stammte aus Ladengeschäften, der Rest aus Online-Shops von Deutschland bis China. Den Asbestgehalt bei dieser Untersuchung hat unser Labor in Mengenklassen eingeschätzt. Unsere Funde ordnen wir in zwei dieser Klassen ein: geringe Spuren bis unter ein Prozent sowie Gehalte von einem bis fünf Prozent. Bei den meisten der belasteten Produkte lag der Asbestfasern-Anteil am Gewicht bei unter einem Prozent.
Anders beim Anbieter Heku: In dessen „Hochwertigem dunkelblauen Dekosand“ lag die Asbestart Tremolit in der Klasse eins bis fünf Prozent, die Asbestvariante Chrysotil in wechselnder Menge, je nach eingekaufter Packung − von nicht feststellbar bis zur Klasse ein bis fünf Prozent.
Auch in den folgenden fünf Sandartikeln fanden wir Fasern des Asbestminerals Tremolit, mit einem Gewichtsanteil von jeweils unter einem Prozent:
Belastete Produkte sollten Sie auf keinen Fall benutzen. Lagern Sie den Sand sicher und verschlossen. Falls die Verpackung bereits geöffnet ist, sollten Sie mit FFP2-Maske und Handschuhen arbeiten. So gehen Sie vor:
Wir fragten die Anbieter, was Kundinnen und Kunden nun tun können, wenn sie ein belastetes Produkt gekauft haben.
Die Heku GmbH, in deren Dekosand wir den höchsten Asbestgehalt fanden, teilt uns mit, dass ihr Unbedenklichkeitsbescheinigungen des Herstellers vorliegen. Trotzdem habe sie den Artikel umgehend aus dem Verkauf genommen.
Weiter schreibt die Firma: „Parallel dazu werden wir unverzüglich eigene Untersuchungen bei einem unabhängigen Prüfinstitut in Deutschland veranlassen. Sollte sich Ihr geschildertes Testergebnis bestätigen, werden wir selbstverständlich unsere Kunden informieren und entsprechende Schritte wie einen Rückruf und unkomplizierten Umtausch etc. veranlassen.“
Der über Bauhaus verkaufte pinkfarbene Deco-Farbsand wurde umgehend aus den Regalen genommen. Ebenso vorsorglich ähnliche Artikel des Herstellers. Laut dem Hersteller, der Eurosand 2.0 GmbH, stammen die Sande ausschließlich aus Steinbrüchen in Deutschland und Italien und würden auf die Asbestarten Amphibol (dazu gehört das von der Stiftung Warentest gefundene Tremolit) und Chrysotil getestet.
Auch Bauhaus hat ein Prüflabor mit Untersuchungen der Ware beauftragt. Mit einem Schreiben vom 8. April 2026 nennt Bauhaus das Ergebnis: „Die Untersuchung der Probe mittels Rasterelektronenmikroskop wurde durch ein akkreditiertes Unterauftragslabor durchgeführt. Entsprechend wurde ein Vergleichsprodukt aus der von Ihnen angegebenen Charge gemäß der VDI-Richtlinie 3866, Blatt 5:2017–06 geprüft und es konnten keine Asbestfasern nachgewiesen werden.“
Eine Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse trotz gleicher Prüfmethode wäre, dass die Sand-Grundstoffe aus Steinbrüchen stammen. Die Gesteine dort müssen nicht homogen in ihrer Zusammensetzung sein, die Asbestkonzentration kann also variieren – siehe Absatz „Sandkastensand ist nicht betroffen“.
Idee Creativmarkt hat den Verkauf seines Deko-Sandes ebenfalls gestoppt. Kunden können den Sand in einer der Idee-Filialen zurück geben und erhalten den Kaufpreis erstattet.
Thalia verkaufte den Artikel „Sablimage Sandbilder Minitiere“ der Marke Sentosphère, in dem wir ebenfalls Asbest fanden. Die Firma hat nun diesen sowie alle weiteren Artikel der Serie aus dem Online-Shop entfernt. Laut Thalia wurden diese Sandbilder nicht in den Buchhandlungen verkauft. Thalia wolle „auf die Kundinnen und Kunden zugehen, die das Produkt online bei uns erworben haben, und ihnen einen Umtausch bzw. eine Rückerstattung anbieten“, so eine Sprecherin des Unternehmens.
Die Firma Carletto teilte uns mit, dass sie der deutsche Vertreiber des Sablimage von Sentosphère sei. Wir erhielten eine Stellungnahme, dass laut eigenen Tests keine unmittelbare Gefahr für Konsumentinnen oder Konsumenten besteht. Eine EU-weite einheitliche, wissenschaftlich fundierte Regelung gebe es nicht und könne einige Monate in Anspruch nehmen. „Bis dahin nehmen wir bei Bedarf unsere Produkte mit Kreativsand aus dem Markt zurück“, so Carletto.
Der eigentliche Anbieter, Sentosphère aus Frankreich, schreibt uns am 2. April, dass seine Spielzeuge die europäische Chemikalienverordnung REACH einhalten. Denn diese erlaube ausnahmsweise das zufällige Vorhandensein von „Spuren“ unerwünschter Stoffe, unter der strengen Bedingung, dass diese unter 0,1 % bleiben. Trotzdem „hat unser Unternehmen alle unsere ausländischen Vertriebspartner und unsere französischen Kunden gebeten, das gesamte Sablimage-Sortiment vorsorglich aus dem Verkauf zu nehmen.“ Die Frage eines Umtausches stelle sich jedoch nicht, da aus Sicht von Sentosphère die Vorschriften eingehalten seien.
Der Online-Händler Shein teilte auf Anfrage mit, dass er Produkte zurückgezogen hat, die „ein potenzielles Sicherheitsrisiko“ darstellen. Zusätzlich verbietet Shein auf seiner Plattform alle Spielzeugprodukte mit „zugänglichem“ Sand. Artikel, in denen Sand sicher verschlossen ist, können weiterhin angeboten werden. Dann müsse der jeweilige Anbieter aber auf Asbest testen und eine „Standard-Sicherheits-Dokumentation“ beifügen.
Im vergangenen Oktober prüften wir 162 über die Online-Plattformen Shein und Temu gekaufte Artikel wie etwa Schmuck oder Elektronik. Ein Viertel beurteilten wir als gefährlich, insgesamt 110 davon erfüllten nicht die Sicherheitsanforderungen der Europäischen Union.
Der Moses Verlag hat den von uns untersuchten Magischen Space Sand in allen vier Farbvarianten für die Auslieferung an den Handel und weitere Vertriebskanäle sperren lassen. Die von Moses veranlassten eigenen Untersuchungen stellten bisher keine Asbestbelastung fest, weitere Tests sind veranlasst.
Bei zwölf weiteren Proben zeigte das Elektronen-Mikroskop keine Fasern. Darunter fanden sich ebenfalls bunte Deko-Sande, Sandbilder und knet- und dehnbare Action-Spielfiguren. Außerdem künstlich feucht gehaltene Sande, teils „kinetischer“ beziehungsweise „magischer“ Sand genannt.
Asbestfasern können Krebs erzeugen, wenn sie eingeatmet werden. Das Bayerische Landesamt für Umwelt schreibt zur Risikoeinschätzung: „Eine unbedenkliche Dosis kann bei Asbest nicht angegeben werden, da theoretisch jede einzelne Faser Krebs auslösen könnte.“ Asbesthaltige Alltagsgegenstände zu verkaufen, ist in der EU generell verboten.
Nach Ansicht von Experten stellen lose, ungebundene Farb- und Dekosande hier das größte Risiko dar, weil Asbestfasern beim Umgang mit dem Material leicht in die Luft gelangen können. Wird der Sand ausgeschüttet oder durchgewühlt, setzt das Fasern frei. Sind die Sande etwa mit Silikonöl gebunden, ist das Potenzial für eine Freisetzung von Fasern geringer einzuschätzen. Der Grenzwert liegt für Innenraumluft bei 500 Fasern pro Kubikmeter Luft. Nach Experteneinschätzung kann dieser Grenzwert durch die Nutzung solcher staubender Sande überschritten sein. Wir haben nicht gemessen, wie viele Fasern freigesetzt werden.
Sand für Sandkästen oder auch für Baustellen ist nicht betroffen. Dieser Sand für draußen besteht größtenteils aus Quarz. Das ist zwar wie Asbest auch eine Silizium-Verbindung. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Im Gegensatz zu Asbestmineralien bildet Quarz beim Brechen oder Mahlen keine Fasern.
Die Asbestfunde in unseren Proben traten in Sanden auf, die hauptsächlich aus gemahlenem Kalkstein bestehen. Der Asbest ist darin vermutlich eine Verunreinigung, etwa aus Steinbrüchen, in denen Asbestmineralien natürlich an bestimmten Stellen oder Schichten vorkommen. In den Produkten aus Quarz-Sand fanden wir nichts. Leider deklarieren die Hersteller auf den von uns geprüften Artikeln die Zusammensetzung nicht. Und mit bloßem Auge ist nicht zu unterscheiden, ob es sich um Quarz-Sand handelt oder um Sand aus Kalkstein.
Tipp: Mit manchen Kalkentfernern lässt sich prüfen, ob der schon gekaufte Dekosand zu Hause aus Kalkstein oder Quarz besteht. Dazu Sand in ein Glas geben, etwas Kalkentferner drauf – ist es Kalkstein, wirft der Sand Bläschen, bei Quarz passiert nichts.
Bei einem exemplarischen Versuch wirkten 10-prozentige Essigsäure, Essig-Essenz und Zitronensäure. Es entstehen über Minuten vereinzelte Bläschen, die Flüssigkeit wird leicht milchig. Bei Quarzsand hingegen keine Bläschen und die Flüssigkeit blieb klar. Kalkentferner-Pulver wirkte nur schwach erkennbar, ebenso 5-prozentiger Salat-Essig.
Am meisten blubberte der Kalksand bei 25-prozentiger Salzsäure aus dem Baumarkt. Salzsäure ist aber auch eine stärkere Säure als die bisher genannten Mittel. Hier Schutzbrille und Handschuhe tragen gemäß Etikett.
Wir prüften auf Asbest mittels Rasterelektronenmikroskopie (REM)/Röntgenmikroanalyse (EDX) gemäß der VDI-Richtlinie 3866, Blatt 5:2017–06, Anhang B (qualitativ, Präparation durch Veraschung, Säurebehandlung, Filtration aus einer Suspension auf einen Kernporenfilter). Dies liefert auch eine Massenabschätzung des Mengenanteils Asbest entsprechend der Massengehaltsklassen der VDI 3866, Blatt 5. Die Nachweisgrenze des Verfahrens liegt bei 0,001 Masseprozent. Außerdem untersuchten wir auf künstliche Mineralfasern in Anlehnung an VDI 3866, Blatt 5.
Fanden wir in einem Produkt Asbest, sicherten wir den Fund mit weiteren Proben ab. Künstliche Mineralfasern fanden wir in keinem Produkt.
Die ersten Funde von Asbestfasern in den Sanden meldeten Australien und Neuseeland im November 2025. In Australien wurden einige Schulen geschlossen und belastete Räume gesäubert. Die Zeitung Algemeen Dagblad ließ in den Niederlanden gekaufte Produkte untersuchen und fand dort Asbestgehalte bis fünf Prozent. Es folgte eine Rückrufwelle dieser Artikel − meist Spielfiguren und Sande für dekorative Zwecke. In Belgien fand die dortige Verbraucherschutzbehörde bei einer Untersuchung von 20 Spiel- und Dekosanden in drei Produkten Asbestfasern in sehr geringen Konzentrationen.
Tipp: Wir haben Asbestfunde in anderen Ländern und die daraus folgenden Produkt-Rückrufe zusammengefasst. Und in einem Special schildern wir, wie sich Asbest in Häusern aufspüren und entsorgen lässt.