Asbest-Alarm nun auch bei Temu

13.8.2026 - Reiner Metzger | Stiftung Warentest

Spielsand, Dekosand, Spielfiguren: Die Stiftung Warentest hat weitere Produkte ins Labor geschickt − und fand insgesamt in 10 von 22 krebs­erregendes Asbest.

Seit Monaten reißen die Nach­richten über Asbestfunde in Spiel- und Dekosand nicht ab. Auch die Stiftung Warentest hat aller­hand bunte Sand­produkte auf den krebs­erregenden Stoff getestet. In der ersten Runde fanden sich unter 18 Produkten sechs mit Asbest. Vier weitere belastete Produkte sind nun dazu gekommen. Asbestfasern können Krebs erzeugen, wenn sie einge­atmet werden. Eine unbe­denk­liche Dosis gibt es nicht.

Update: Trockene asbesthaltige Sande setzen Asbestfasern frei

Mit Stand August 2026 liegen wissenschaftliche Versuche vor, was passiert, wenn mit asbestbelasteten Sanden gespielt oder hantiert wird. Diese Ergeb­nisse sind in einem Interview mit den Forschern aus Neuseeland auf test.de beschrieben. Asbestbelastete, trockene Sande setzen demnach auch giftige Fasern frei.

April 2026: auch vier Produkte von Temu belastet

Die vier neuen Produkte stammen laut Etikett von der Marke Whaleco Technology Limited, der Firma hinter Temu. Die Produkt­namen der Tüten mit buntem Deko-Sand lauten schlicht „Pinker Sand 200 g“ oder „Aquatic Blue Sand 100 g“.

Alle vier Produkte kauften wir bei dem Online-Händler Temu. Alle sind mit der Asbest-Art Tremolit belastet, mit einem Gewichts­anteil in der Klasse „Spuren bis weniger als ein Prozent“ (Details siehe „So haben wir nach Asbest gesucht“). Damit erhöht sich die Zahl der Asbest-Funde unter den nun 22 geprüften Sand-Artikeln auf zehn.

Temu reagiert

Temu teilt uns dazu mit, sie hätten alle vier Artikel schon vor unserer Anfrage durch bestehende Kontroll­maßnahmen identifiziert und von der Platt­form entfernt. Die Produkte seien zur weiteren Unter­suchung an externe Labore übergeben worden.

„Sollten die externen Tests bestätigen, dass eines dieser Produkte die geltenden Anforderungen nicht erfüllt, werden wir die betroffenen Kunden per E-Mail und In-App-Nach­richt benach­richtigen und eine voll­ständige Rück­erstattung einschließ­lich kostenloser Rück­sendung veranlassen“, schrieb ein Temu-Sprecher der Stiftung Warentest.

Diese Arten von Sand-Produkten haben wir bisher geprüft:

Asbest entdeckte das Labor in Dekosand, Sand für Sand­bilder und kinetischem Sand. Von den geprüften mit Sand gefüllten Spielfiguren war keine belastet.

Tipp: Einen schnellen Über­blick, welche Produkte wir untersucht haben und ob und wie stark sie belastet waren, bietet unsere Tabelle.

Asbestfunde nach Gewichts­klassen sortiert

Ein Teil der Produkte stammte aus Laden­geschäften, der Rest aus Online-Shops von Deutsch­land bis China. Den Asbestgehalt bei dieser Unter­suchung hat unser Labor in Mengenklassen einge­schätzt. Unsere Funde ordnen wir in zwei dieser Klassen ein: geringe Spuren bis unter ein Prozent sowie Gehalte von einem bis fünf Prozent. Bei den meisten der belasteten Produkte lag der Asbestfasern-Anteil am Gewicht bei unter einem Prozent.

Am meisten fanden wir im Deko-Farbsand von Heku

Anders beim Anbieter Heku: In dessen „Hoch­wertigem dunkelblauen Dekosand“ lag die Asbe­start Tremolit in der Klasse eins bis fünf Prozent, die Asbestvariante Chrysotil in wechselnder Menge, je nach einge­kaufter Packung − von nicht fest­stell­bar bis zur Klasse ein bis fünf Prozent.

Funde auch bei fünf weiteren Produkten

Auch in den folgenden fünf Sand­artikeln fanden wir Fasern des Asbestmi­nerals Tremolit, mit einem Gewichts­anteil von jeweils unter einem Prozent:

Was tun, wenn in meinem Spielsand Asbest steckt?

Belastete Produkte sollten Sie auf keinen Fall benutzen. Lagern Sie den Sand sicher und verschlossen. Falls die Verpackung bereits geöffnet ist, sollten Sie mit FFP2-Maske und Hand­schuhen arbeiten. So gehen Sie vor:

  • Den Sand befeuchten, damit er nicht staubt, etwa mit einem Wasser­sprüher, dann in eine luft­dichte Tüte füllen, diese noch in eine zweite Tüte stecken. Oder: Den Sand in einen Eimer mit fest schließendem Deckel füllen und wegpacken.
  • Reste des Sandes vom Tisch feucht abwischen − keinesfalls mit dem Staubsauger wegs­augen, weil dieser Teile des Staubs im Zimmer verteilen kann.
  • Schäufelchen oder ähnliches Spielzeug, das in Kontakt mit dem Sand kam, abwischen oder abspülen.
  • Betroffene Räume anschließend lüften.
  • Asbesthaltige Produkte sind Sondermüll. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Abfall­ent­sorger. Nicht jeder Wert­stoff­hof nimmt asbesthaltige Stoffe an.
  • Weitere Tipps finden Sie in unserer Meldung zu Asbest-Rückrufen.

Was sagen die Anbieter?

Wir fragten die Anbieter, was Kundinnen und Kunden nun tun können, wenn sie ein belastetes Produkt gekauft haben.

Heku stoppt Verkauf und will selbst prüfen

Die Heku GmbH, in deren Dekosand wir den höchsten Asbestgehalt fanden, teilt uns mit, dass ihr Unbe­denk­lich­keits­bescheinigungen des Herstel­lers vorliegen. Trotzdem habe sie den Artikel umge­hend aus dem Verkauf genommen.

Weiter schreibt die Firma: „Parallel dazu werden wir unver­züglich eigene Unter­suchungen bei einem unabhängigen Prüf­institut in Deutsch­land veranlassen. Sollte sich Ihr geschildertes Test­ergebnis bestätigen, werden wir selbst­verständlich unsere Kunden informieren und entsprechende Schritte wie einen Rück­ruf und unkomplizierten Umtausch etc. veranlassen.“

Bauhaus nimmt Farbsand aus den Regalen

Der über Bauhaus verkaufte pink­farbene Deco-Farbsand wurde umge­hend aus den Regalen genommen. Ebenso vorsorglich ähnliche Artikel des Herstel­lers. Laut dem Hersteller, der Eurosand 2.0 GmbH, stammen die Sande ausschließ­lich aus Steinbrüchen in Deutsch­land und Italien und würden auf die Asbe­starten Amphibol (dazu gehört das von der Stiftung Warentest gefundene Tremolit) und Chrysotil getestet.

Auch Bauhaus hat ein Prüf­labor mit Unter­suchungen der Ware beauftragt. Mit einem Schreiben vom 8. April 2026 nennt Bauhaus das Ergebnis: „Die Unter­suchung der Probe mittels Raster­elektronenmikroskop wurde durch ein akkreditiertes Unter­auftrags­labor durch­geführt. Entsprechend wurde ein Vergleichs­produkt aus der von Ihnen angegebenen Charge gemäß der VDI-Richt­linie 3866, Blatt 5:2017–06 geprüft und es konnten keine Asbestfasern nachgewiesen werden.“

Eine Erklärung für die unterschiedlichen Ergeb­nisse trotz gleicher Prüf­methode wäre, dass die Sand-Grund­stoffe aus Steinbrüchen stammen. Die Gesteine dort müssen nicht homogen in ihrer Zusammenset­zung sein, die Asbestkonzentration kann also variieren – siehe Absatz „Sand­kastensand ist nicht betroffen“.

Idee stoppt den Verkauf

Idee Creativmarkt hat den Verkauf seines Deko-Sandes ebenfalls gestoppt. Kunden können den Sand in einer der Idee-Filialen zurück geben und erhalten den Kauf­preis erstattet.

Thalia entfernt die ganze Serie

Thalia verkaufte den Artikel „Sablimage Sand­bilder Minitiere“ der Marke Sentosphère, in dem wir ebenfalls Asbest fanden. Die Firma hat nun diesen sowie alle weiteren Artikel der Serie aus dem Online-Shop entfernt. Laut Thalia wurden diese Sand­bilder nicht in den Buch­hand­lungen verkauft. Thalia wolle „auf die Kundinnen und Kunden zugehen, die das Produkt online bei uns erworben haben, und ihnen einen Umtausch bzw. eine Rück­erstattung anbieten“, so eine Sprecherin des Unter­nehmens.

Die Firma Carletto teilte uns mit, dass sie der deutsche Vertreiber des Sablimage von Sentosphère sei. Wir erhielten eine Stellung­nahme, dass laut eigenen Tests keine unmittel­bare Gefahr für Konsumentinnen oder Konsumenten besteht. Eine EU-weite einheitliche, wissenschaftlich fundierte Regelung gebe es nicht und könne einige Monate in Anspruch nehmen. „Bis dahin nehmen wir bei Bedarf unsere Produkte mit Kreativsand aus dem Markt zurück“, so Carletto.

Der eigentliche Anbieter, Sentosphère aus Frank­reich, schreibt uns am 2. April, dass seine Spielzeuge die europäische Chemikalien­ver­ordnung REACH einhalten. Denn diese erlaube ausnahms­weise das zufäl­lige Vorhandensein von „Spuren“ unerwünschter Stoffe, unter der strengen Bedingung, dass diese unter 0,1 % bleiben. Trotzdem „hat unser Unternehmen alle unsere ausländischen Vertriebs­partner und unsere französischen Kunden gebeten, das gesamte Sablimage-Sortiment vorsorglich aus dem Verkauf zu nehmen.“ Die Frage eines Umtausches stelle sich jedoch nicht, da aus Sicht von Sentosphère die Vorschriften einge­halten seien.

Shein verbietet Ware mit „zugäng­lichem“ Sand

Der Online-Händler Shein teilte auf Anfrage mit, dass er Produkte zurück­gezogen hat, die „ein potenzielles Sicher­heits­risiko“ darstellen. Zusätzlich verbietet Shein auf seiner Platt­form alle Spiel­zeug­produkte mit „zugäng­lichem“ Sand. Artikel, in denen Sand sicher verschlossen ist, können weiterhin angeboten werden. Dann müsse der jeweilige Anbieter aber auf Asbest testen und eine „Stan­dard-Sicher­heits-Dokumentation“ beifügen.

Im vergangenen Oktober prüften wir 162 über die Online-Plattformen Shein und Temu gekaufte Artikel wie etwa Schmuck oder Elektronik. Ein Viertel beur­teilten wir als gefähr­lich, insgesamt 110 davon erfüllten nicht die Sicher­heits­anforderungen der Europäischen Union.

Moses sperrt Sand für den Handel

Der Moses Verlag hat den von uns untersuchten Magischen Space Sand in allen vier Farb­varianten für die Auslieferung an den Handel und weitere Vertriebs­kanäle sperren lassen. Die von Moses veranlassten eigenen Unter­suchungen stellten bisher keine Asbestbelastung fest, weitere Tests sind veranlasst.

Zwölf Mal nichts gefunden

Bei zwölf weiteren Proben zeigte das Elektronen-Mikroskop keine Fasern. Darunter fanden sich ebenfalls bunte Deko-Sande, Sand­bilder und knet- und dehn­bare Action-Spielfiguren. Außerdem künst­lich feucht gehaltene Sande, teils „kinetischer“ beziehungs­weise „magischer“ Sand genannt.

Darum ist Asbest so gefähr­lich

Asbestfasern können Krebs erzeugen, wenn sie einge­atmet werden. Das Bayerische Landes­amt für Umwelt schreibt zur Risiko­einschät­zung: „Eine unbe­denk­liche Dosis kann bei Asbest nicht angegeben werden, da theoretisch jede einzelne Faser Krebs auslösen könnte.“ Asbesthaltige Alltags­gegen­stände zu verkaufen, ist in der EU generell verboten.

Nach Ansicht von Experten stellen lose, ungebundene Farb- und Dekosande hier das größte Risiko dar, weil Asbestfasern beim Umgang mit dem Material leicht in die Luft gelangen können. Wird der Sand ausgeschüttet oder durch­gewühlt, setzt das Fasern frei. Sind die Sande etwa mit Silikonöl gebunden, ist das Potenzial für eine Freiset­zung von Fasern geringer einzuschätzen. Der Grenz­wert liegt für Innenraum­luft bei 500 Fasern pro Kubik­meter Luft. Nach Experten­einschät­zung kann dieser Grenz­wert durch die Nutzung solcher staubender Sande über­schritten sein. Wir haben nicht gemessen, wie viele Fasern freigesetzt werden.

Sand­kasten-Sand ist nicht betroffen

Sand für Sandkästen oder auch für Baustellen ist nicht betroffen. Dieser Sand für draußen besteht größ­tenteils aus Quarz. Das ist zwar wie Asbest auch eine Silizium-Verbindung. Aber damit enden die Gemein­samkeiten auch schon. Im Gegen­satz zu Asbestmi­neralien bildet Quarz beim Brechen oder Mahlen keine Fasern.

Die Asbestfunde in unseren Proben traten in Sanden auf, die haupt­sächlich aus gemahlenem Kalk­stein bestehen. Der Asbest ist darin vermutlich eine Verunreinigung, etwa aus Steinbrüchen, in denen Asbestmi­neralien natürlich an bestimmten Stellen oder Schichten vorkommen. In den Produkten aus Quarz-Sand fanden wir nichts. Leider deklarieren die Hersteller auf den von uns geprüften Artikeln die Zusammenset­zung nicht. Und mit bloßem Auge ist nicht zu unterscheiden, ob es sich um Quarz-Sand handelt oder um Sand aus Kalk­stein.

Tipp: Mit manchen Kalk­entfernern lässt sich prüfen, ob der schon gekaufte Dekosand zu Hause aus Kalk­stein oder Quarz besteht. Dazu Sand in ein Glas geben, etwas Kalk­entferner drauf – ist es Kalk­stein, wirft der Sand Bläschen, bei Quarz passiert nichts.

Bei einem exemplarischen Versuch wirkten 10-prozentige Essig­säure, Essig-Essenz und Zitronensäure. Es entstehen über Minuten vereinzelte Bläschen, die Flüssig­keit wird leicht milchig. Bei Quarzsand hingegen keine Bläschen und die Flüssig­keit blieb klar. Kalk­entferner-Pulver wirkte nur schwach erkenn­bar, ebenso 5-prozentiger Salat-Essig.

Am meisten blubberte der Kalksand bei 25-prozentiger Salzsäure aus dem Baumarkt. Salzsäure ist aber auch eine stärkere Säure als die bisher genannten Mittel. Hier Schutz­brille und Hand­schuhe tragen gemäß Etikett.

So haben wir nach Asbest gesucht

Wir prüften auf Asbest mittels Raster­elektronenmikroskopie (REM)/Röntgenmikroanalyse (EDX) gemäß der VDI-Richt­linie 3866, Blatt 5:2017–06, Anhang B (qualitativ, Präparation durch Veraschung, Säurebe­hand­lung, Filtration aus einer Suspension auf einen Kernporenfilter). Dies liefert auch eine Massen­abschät­zung des Mengen­anteils Asbest entsprechend der Massen­gehalts­klassen der VDI 3866, Blatt 5. Die Nach­weis­grenze des Verfahrens liegt bei 0,001 Masse­prozent. Außerdem untersuchten wir auf künst­liche Mineralfasern in Anlehnung an VDI 3866, Blatt 5.

Fanden wir in einem Produkt Asbest, sicherten wir den Fund mit weiteren Proben ab. Künst­liche Mineralfasern fanden wir in keinem Produkt.

Asbestfunde in anderen Ländern

Die ersten Funde von Asbestfasern in den Sanden meldeten Australien und Neuseeland im November 2025. In Australien wurden einige Schulen geschlossen und belastete Räume gesäubert. Die Zeitung Algemeen Dagblad ließ in den Nieder­landen gekaufte Produkte unter­suchen und fand dort Asbestgehalte bis fünf Prozent. Es folgte eine Rück­rufwelle dieser Artikel − meist Spielfiguren und Sande für dekorative Zwecke. In Belgien fand die dortige Verbraucher­schutz­behörde bei einer Unter­suchung von 20 Spiel- und Dekosanden in drei Produkten Asbestfasern in sehr geringen Konzentrationen.

Tipp: Wir haben Asbestfunde in anderen Ländern und die daraus folgenden Produkt-Rückrufe zusammengefasst. Und in einem Special schildern wir, wie sich Asbest in Häusern aufspüren und entsorgen lässt.

 



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