Tagung: NS-„Euthanasie“ in Franken

24.6.2026 - | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die Verbrechen der NS-„Euthanasie“ liegen mehr als 80 Jahre zurück. Bis heute werfen sie Fragen auf. An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) arbeitet ein Forschungsprojekt erstmals daran, die NS-Krankenmorde in Erlangen von 1939–1945 umfassend zu rekonstruieren. Dr. Sabrina Freund, Lehrstuhl für Geschichte der Medizin, wirkt an dem Projekt mit. Zudem ist sie Mitorganisatorin der Tagung „NS-‚Euthanasie‘ in Franken“.

Das Forschungsprojekt NS-„Euthanasie“ in Erlangen untersucht die Krankenmorde in der Hugenottenstadt erstmals umfassend. Welche zentralen Fragen stehen dabei im Mittelpunkt Ihrer Arbeit?

Im Zentrum unserer Arbeit steht die Rekonstruktion der Krankenmorde in Erlangen und wie sie überhaupt erst verübt werden konnten, das heißt uns interessieren auch die medizinischen und gesellschaftlichen und Rahmenbedingungen. Dabei geht es nicht nur um die Opfer, sondern auch um Verantwortung der Täter und welche Handlungsspielräume sie damals hatten.

Wir fragen, welche Rolle das Anstaltspersonal, Gesundheitswesen und die Universitätspsychiatrie gespielt haben und wie Stadtgesellschaft auf die systematische Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen reagierten.

Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. Welche Erkenntnisse oder Dokumente haben Sie während Ihrer Arbeit besonders bewegt?

Sehr eindrücklich sind die seltenen Fälle, in denen Betroffene selbst zu Wort kommen. Diese sogenannten Ego-Dokumente finden sich nur vereinzelt in den Akten. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem die Geschichte einer Patientin, die Postkarten an ihren Bruder geschrieben hat. Darin schildert sie ihren Hunger und ihre Situation in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt in Erlangen. Die Karten wurden jedoch nie abgeschickt, sondern von den Ärzten einbehalten und in ihrer Krankenakte aufbewahrt.

Welche Bedeutung hat Ihre Forschung für die öffentliche Erinnerungskultur?

Ich denke, dass historische Forschung die Grundlage für eine lebendige und fundierte Erinnerungskultur schafft. Die Ergebnisse unseres Projekts sollen deshalb nicht in Archiven verschwinden, sondern auch öffentlich sichtbar werden. Ein wichtiger Schritt ist der geplante Lern- und Gedenkort auf dem Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt in Erlangen. Ziel ist es, die Geschichte der NS-„Euthanasie“ verständlich darzustellen.

Das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der FAU und das Stadtarchiv Erlangen laden nun alle Interessierten zu einer Tagung über die NS-Krankenmorde in Franken ein. Im Titel der Tagung sind die Stichworte „Verdrängung, Bewältigung, Erinnerung“. Warum eignen sich diese drei Perspektiven besonders, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Die drei Begriffe beschreiben zentrale Phasen im Umgang mit den Verbrechen der NS-„Euthanasie“. Nach 1945 wurden nämlich viele Aspekte lange verdrängt oder nur unzureichend aufgearbeitet. Heute stellen wir uns vor allem die Frage, wie Erinnerung gestaltet werden kann und welche Bedeutung sie für Gegenwart und Zukunft besitzt. Das Thema betrifft deshalb nicht nur Historikerinnen und Historiker.

„Die Ergebnisse unseres Projekts sollen…nicht in Archiven verschwinden, sondern auch öffentlich sichtbar werden…Ziel ist es, die Geschichte der NS-„Euthanasie“ verständlich darzustellen.“

Dr. Sabrina Freund

Was wird auf der Tagung präsentiert?

Die drei Themenblöcke Verdrängung, Bewältigung und Erinnerung strukturieren das Programm. Die Tagung bringt Expertinnen und Experten aus historischen, medizinischen, strafrechtlichen Fachrichtungen zusammen und schaut bewusst über die Taten in Erlangen hinaus. Es gibt Vorträge und viel Zeit zum Austausch zu pädagogischen Erinnerungskonzepten und Ausstellungsformaten.

Außerdem werden aktuelle Entwicklungen rund um das ehemalige „Hupfla“-Gelände vorgestellt, zum Beispiel geben Dorothea Rettig und Julius Scharnetzky eine Führung durch den geplanten Lern- und Gedenkort.

Alle Interessierten sind eingeladen

Die Tagung richtet sich ausdrücklich an alle Interessierten und bietet Raum für Austausch und Diskussion. Die Teilnahme ist kostenfrei. Aus organisatorischen Gründen wird um Anmeldung bis zum 30. Juni 2026 bei [email protected] gebeten.

Mehr Informationen:

Webseite des Forschungsprojekts: https://www.ns-euthanasie-erlangen.de/de/home

Die Umgestaltung der Hupfla zum Gedenkort: https://www.fau.de/2025/11/news/universitaet/magazin/magazin-2025/vielfalt-2025/vom-schweigen-zum-sprechen/

https://www.fau.de/2026/06/news/forschung/tagung-ns-euthanasie-in-franken