Erneute Kämpfe in Äthiopiens Norden: Kinder und Familien unter Schock

Datum14.10.2026
SubjektSOS-Kinderdörfer weltweit
AutorBoris Breyer
E-mailboris.breyer@sos-kd.org
Kontakt<div> <div> Boris Breyer </div> <div> <p>Pressesprecher | Ansprechpartner für Themen in Krisen- und Kriegsregionen, Humanitäre Hilfe nach Katastrophen</p> </div> <div> <i> </i> <span> boris.breyer@sos-kd.org </span> </div> <div> <i> </i> <span> 0160 - 984 723 45 </span> </div> </div>
RegionDeutschland
KategorieSoziale Dienste, Sicherheit, Menschenrechte

Drohnenangriffe, gekappte Kommunikationsleitungen, lebensgefährliche Schulwege: In der Tigray-Region Äthiopiens sind Gewalt und Konflikt zurück. Kinder und Familien stehen unter Schock. Das berichten die SOS-Kinderdörfer weltweit. Es besteht die große Angst, dass es vier Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, der als einer der schlimmsten und brutalsten dieses Jahrhunderts gilt, erneut zum Krieg kommt. Prof. Dr. Sabina Schutter, Vorständin der Hilfsorganisation, war erst im Juli in Äthiopien. Sie sagt: “Schon damals berichteten mir unsere Kollegen und Kolleginnen aus Tigrays Hauptstadt Mekelle, wie groß der Stress und die Angst vor einem erneuten Krieg insbesondere unter jungen Menschen sei.

Der Bürgerkrieg hat die Region schwer erschüttert und physische wie psychische Narben hinterlassen. Kinder sowie ihre Eltern haben schwere Traumatisierungen davongetragen. Sie waren gerade dabei, wieder Stabilität und Zuversicht zu entwickeln und so etwas wie Hoffnung wiederzuentdecken, dies wird nun zunichte gemacht.”

Der Bürgerkrieg hatte zwei Jahre gedauert und war 2022 beendet worden. Danach hatte der Wiederaufbau begonnen und langsam war die Wirtschaft wieder in Schwung gekommen. Nun kämpfen die staatlichen Truppen und die “Volksbefreiungsfront von Tigray” erneut um die Macht in der Region. Es kommt bereits zu Engpässen bei Lebensmitteln und Wasser.

Dr. Monika Kleck, Psychologin der Hilfsorganisation, begleitet die Arbeit in Äthiopien seit Jahren und war erst vor wenigen Monaten im Land. Sie sagt: “Meine größte Sorge ist, dass Kinder und Jugendliche, die sich gerade ansatzweise erholt hatten und in ihrer Resilienz gestärkt wurden, wieder zurückgeworfen werden. Die Gefahr besteht, dass sie neue Verletzungen erfahren und Symptome chronisch werden.”

Bereits jetzt sei die Situation hochbelastend: Die andauernde Drohnengefahr könne bei Kindern Unsicherheit und Ängste befördern. Die Ungewissheit könne zu Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Rückzug führen. Zwar seien die Schulen aktuell wieder geöffnet, aber aus Sorge behalten die meisten Eltern ihre Kinder zu Hause. Das habe gravierende Folgen. “Die Schule bietet nicht nur Bildung, sondern auch Struktur, Routine, soziale Interaktion und ein Gefühl der Normalität. Eine Unterbrechung kann daher sowohl das emotionale Wohlbefinden der Kinder als auch ihre Alltagsbewältigung beeinträchtigen”, sagt Monika Kleck.

Kinder und Mitarbeitende bleiben aufgrund der Gefahrenlage im SOS-Kinderdorf

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen Kinder und Familien in der Region seit Jahrzehnten. Im SOS-Kinderdorf Mekelle werden Kinder betreut, die nicht bei ihren Familien leben können. Aktuell sind sie in Sicherheit und ihre Versorgung ist garantiert, da bereits in den letzten Monaten ausreichend Vorräte angelegt wurden. Aufgrund der Gefahrenlage verlassen sie das SOS-Kinderdorf bis auf weiteres nicht. Derzeit werden Pläne für verschiedene Szenarien aufgestellt, auch für eine mögliche Evakuierung.

Unterdessen sind zahlreiche junge Menschen aus Tigray bereits in den letzten Monaten aus der Region geflohen. Die SOS-Kinderdörfer haben 58 von ihnen an den Standorten Addis Abeba und Hawassa aufgenommen.

Projekte zur Stärkung der psychischen Gesundheit

Nach Ende des Bürgerkriegs hatte die Hilfsorganisation in der Region außerdem eine Reihe von Nothilfeprojekten sowie Projekte zur Stärkung der psychischen Gesundheit umgesetzt. So wurden Mitarbeitende und Partner vor Ort befähigt, Kindern zu helfen, ihre Emotionen auszudrücken und Stress abzubauen. In einem weiteren Projekt, gefördert vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), wurden Jugendliche und Frauen unterstützt, Resilienz zu entwickeln und sich eine eigene Existenz aufzubauen. Zudem fördert die Hilfsorganisation in diesem BMZ-Projekt gemeinsam mit einem lokalen Partner sogenannte “Women and Girls Save Spaces“, an denen Frauen, die im vorherigen Krieg Opfer von sexueller Gewalt geworden waren, umfassende Hilfe erhalten.

Die SOS-Kinderdörfer fordern die Weltgemeinschaft auf, alles daran zu setzen, eine weitere Eskalation zu verhindern. Noch sei es möglich, die Gefechte zu stoppen und zum Frieden zurückzukehren. 

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