Regulierung und staatliche Vorgaben belasten Unternehmen zunehmend. Besonders stark trifft es das Finanz- und Versicherungswesen.
Rund 64 Prozent der Unternehmen aus dem Finanz- und Versicherungswesen sowie weiteren unternehmensnahen Dienstleistungen bezeichneten Regulierung Anfang 2026 als drängendes Problem für ihre Geschäftstätigkeit in den kommenden sechs Monaten. Anfang 2022 waren es noch 46 Prozent, wie neue Daten der Deutschen Bundesbank zeigen.
Noch deutlicher wird die Belastung im direkten Branchenvergleich. Im Finanz- und Versicherungswesen sahen im ersten Quartal 2024 rund 78 Prozent der Unternehmen Regulierung als großes Problem. Das war der höchste Wert der von der Bundesbank ausgewiesenen Branchen.
Auch der Aufwand für die Unternehmen nimmt zu. Nach einer Sonderbefragung der Bundesbank stiegen die geschätzten Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 im Durchschnitt von rund fünf auf sieben Prozent des Jahresumsatzes. Im Finanz- und Versicherungswesen erhöhten sie sich sogar von sieben auf rund zehn Prozent. Damit lag die Branche an der Spitze.
Dabei geht es nicht nur um Formulare und Meldungen. Regulierung bindet Personal, IT-Kapazitäten, Managementaufwand und externe Dienstleister. Nach Berechnungen der Bundesbank besteht ein negativer Zusammenhang zwischen Bürokratiekosten und Produktivität. Steigt der Anteil der Bürokratiekosten am Umsatz um einen Prozentpunkt, liegt der Umsatz je Beschäftigten im Mittel rund drei Prozent niedriger. Für kleine Unternehmen ist dieser Zusammenhang statistisch signifikant.
Eine Studie der Universität St. Gallen betrachtet speziell die Versicherungsregulierung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Demnach ist der Regulierungsrahmen seit 2014 umfassender, komplexer und thematisch breiter geworden. Hinzugekommen oder ausgeweitet wurden unter anderem Anforderungen an Solvenz und Governance, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Datenschutz und IT-Resilienz.
Die befragten Versicherungsunternehmen sehen vor allem bei der Proportionalität und der praktischen Umsetzung Verbesserungsbedarf. Genannt werden unter anderem hohe Detailtiefe, starre Berichtspflichten und häufige Änderungen. Nach Einschätzung der Studienautoren können solche Anforderungen Ressourcen binden, Innovationen verzögern und die Entwicklung neuer Produkte erschweren.
Für die Versicherungswirtschaft bedeutet das nicht, auf Regulierung zu verzichten. Solvency II und hohe Verbraucherschutzstandards sind wichtige Grundlagen für Stabilität und Vertrauen. Entscheidend ist vielmehr, die regulatorischen Ziele mit möglichst wenig Doppelarbeit und unnötigem Aufwand zu erreichen.
Ein Ansatzpunkt sind Überschneidungen zwischen verschiedenen Regelwerken. Die Analyse nennt etwa DORA, den AI Act, den Cyber Resilience Act und Solvency II. Auch bestehende Berichtspflichten könnten aus Sicht des GDV deutlich verschlankt werden.
Neue Regeln sollten zudem darauf geprüft werden, welchen zusätzlichen Nutzen sie bringen und welche Kosten ihre Umsetzung verursacht. Das gilt insbesondere dann, wenn bereits vergleichbare Anforderungen bestehen. Ein stärker risikobasierter Ansatz und eine konsequentere Anwendung des Proportionalitätsprinzips könnten die Belastung reduzieren, ohne die Ziele von Stabilität und Verbraucherschutz aufzugeben.
Die vollständige Analyse mit den Daten der Bundesbank, den Ergebnissen der St.-Gallen-Studie und den Vorschlägen des GDV steht hier im aktuellen Economics & Finance Flash zum Download bereit.
Economics & Finance Flash 2026/3
Neue Daten zeigen: Bürokratie und Regulierung werden für Unternehmen zunehmend zum Problem. Besonders betroffen ist das Finanz- und Versicherungswesen. Die Politik sollte darauf hinarbeiten, Regulierungsziele mit weniger Doppelarbeit, weniger Berichtspflichten und wirksamerer Proportionalität zu erreichen. Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit, ohne Stabilität und Verbraucherschutz zu schwächen.
PDF, 1,5 MB, 28.09.2026