Jüngere Menschen sagen seltener „bitte“ – sind dennoch höflich

29.9.2026 - | Freie Universität Berlin

Wer höflich sein will, sagt „bitte“ und „danke“. Oder? Neue Daten des Forschungsprojekts „Variantenpragmatik des Deutschen“ belegen: Höflichkeit in der Alltagssprache ist vielfältiger. Jüngere Sprecher*innen verwenden seltener „bitte“, greifen aber häufiger auf andere sprachliche Mittel wie „vielleicht“ zurück. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass jüngere Menschen nicht unhöflicher sprechen, sondern ein anderes Verständnis von Höflichkeit haben. Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der „Berlin Science Week“ am 4. November 2026 nimmt die Forschung zum Anlass, Höflichkeit in Berlin und darüber hinaus zu hinterfragen.

Höflichkeit ist mehr als „bitte“

Neben „bitte“, „danke“ und der Anrede mit „Sie“ können auch Wörter wie „vielleicht“ oder „eventuell“ die Verbindlichkeit einer Bitte abmildern. „Kannst du mir das vielleicht erklären?“ kann deshalb höflich sein, auch wenn „bitte“ und „Sie“ fehlen.

Das Forschungsprojekt „Variantenpragmatik des Deutschen“ (VariPrag) untersucht solche kommunikativen Muster. An der Freien Universität Berlin und der Universität Bielefeld analysiert das Team unter anderem, wie Menschen Bitten formulieren und welche Rolle Alter und Region dabei spielen.

Alter und Region prägen Höflichkeitsmuster

„Unsere Daten zeigen deutlich: Jüngere Menschen duzen häufiger als ältere. Die Wahl der Anrede hängt aber nicht nur vom eigenen Alter ab, sondern auch davon, wie alt unser Gegenüber ist.“

– Janel Zoske, Linguistin an der Freien Universität Berlin

Dass das Alter der Gesprächspartner*innen die Wahl zwischen „du“ und „Sie“ beeinflusst, mag wenig überraschen. Auffälliger sind die Altersunterschiede bei anderen sprachlichen Mitteln: 30-Jährige verwenden „bitte“ in weniger als einem Viertel der untersuchten Bitten, 70-Jährigen nahezu doppelt so häufig. Trotzdem verzichten jüngere Sprecher*innen nicht auf Mittel zur Abmilderung. Sie nutzen etwa häufiger „vielleicht“.

Auch regional unterscheiden sich die Muster. In der Schweiz ist es sehr verbreitet, Personen bei der Begrüßung namentlich anzusprechen („Hoi Julia!“). In Deutschland und Österreich kommt das seltener vor. Daraus folgt nicht, dass Schweizer*innen höflicher oder unhöflicher sind. VariPrag beschreibt sprachliche Konventionen empirisch und bewertet sie nicht.

Wie VariPrag Höflichkeit untersucht

Die Wissenschaftler*innen arbeiteten hauptsächlich mit Online-Fragebögen. Die Teilnehmenden erhielten alltagsnahe Situationen und sollten angeben, wie sie sich äußern würden. So konnten vergleichbare Daten von Sprecher*innen unterschiedlichen Alters aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erhoben werden.

Untersucht wurden verschiedene sprachliche Mittel, darunter „bitte“, „Sie“ und „vielleicht“. Die Antworten wurden statistisch nach Faktoren wie Alter und Region ausgewertet.

„Unsere Daten zeigen, welche sprachlichen Muster Sprecher*innen verwenden. Ob eine Bitte höflich wirkt, können wir daraus aber nicht ableiten. Das hängt vor allem davon ab, wie die Angesprochenen sie wahrnehmen.“

– Henrik Discher, Linguist an der Freien Universität Berlin

Berliner Schnauze zwischen Direktheit und Höflichkeit

Wahrnehmung spielt für Höflichkeit eine entscheidende Rolle. Was für manche direkt und unkompliziert klingt, kann für andere schroff und unhöflich wirken. Die Podiumsdiskussion „Wie höflich spricht Berlin? Die Berliner Schnauze auf dem Prüfstand“ greift die unterschiedlichen Wahrnehmungen auf und stellt sie den VariPrag-Ergebnissen gegenüber.

Zeit: 4. November 2026, 18:15 – 19:45 Uhr

Ort: Freie Universität Berlin, Rost- und Silberlaube, Hörsaal 2

Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin

Linguistin Svenja Kranich (Universität Bonn) und Journalist Sebastian Hammelehle (Der Spiegel) diskutieren unter der Moderation von Henrik Discher und Janel Zoske über sprachliche Höflichkeit, regionale Unterschiede und die Berliner Schnauze. Die Veranstaltung wird vom Dahlem Humanities Center und dem Dahlem Center for Linguistics der Freien Universität Berlin organisiert und findet im Rahmen der „Berlin Science Week“ statt. Eine Anmeldung ist bis zum 3. November 2026 erforderlich.

Über das Projekt

Das Projekt „Variantenpragmatik des Deutschen – Kommunikative Muster im Vergleich“ untersucht regionale und soziale Unterschiede in der Alltagskommunikation in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Beteiligt sind Wissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin und der Universitäten Bielefeld, Salzburg und Zürich. Gefördert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF). (cxm)

https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2026/fup_26_117-hoeflichkeit-alltagssprache-variantenpragmatik-podiumsdiskussion/index.html