Bitpanda bewirbt riskante Aktienhebel mit Prominenz

1.9.2026 - Max Schmutzer | Stiftung Warentest

Bitpanda wirbt mit Hollywood-Star Christoph Waltz für extreme Hebel­produkte auf Aktien und ETF. Die Produkte sind jedoch nichts für unerfahrene Anleger.

Christoph Waltz schwingt einen Dirigenten­stab, darüber wirbt der Depot-Anbieter Bitpanda auf Webseiten wie bild.de für „Aktien & ETFs mit 20x Hebel“. Ein 20er Hebel bedeutet: Anleger können mit 1 000 Euro Einsatz Aktien im Wert von 20 000 Euro kaufen. Mit sogenanntem „Margin Trading“ lassen sich Gewinne vervielfachen, Verluste allerdings ebenfalls.

Tückisch: Der Verlust kann sogar höher ausfallen als das einge­setzte Geld. Mehr als 875 Aktien und ETF stehen bei Bitpanda für gehebelte Käufe zur Verfügung. Wie hoch der maximale Hebel ist, hängt vom Wert­papier ab. Bei manchen Aktien ist nur ein Hebel von 2 oder 5 möglich, bei anderen 10 oder 20. Beispiels­weise gibt Bitpanda für die Allianz-Aktie, Google-Mutter­konzern Alphabet, Amazon und den Amundi MSCI World ETF derzeit einen maximalen Hebel von 20 an.

Aktien auf Kredit kaufen

Das Prinzip des Hebel-Kaufs: Anleger bringen nur einen Teil des Geldes selbst auf, den Rest leihen sie sich von Bitpanda. Bei einem Hebel von 20 reichen beispiels­weise 1 000 Euro eigenes Geld aus, um Aktien oder ETF für 20 000 Euro zu kaufen. 19 000 Euro werden dem Anleger geliehen. Bitpanda betont, das sei kein Kredit, sondern ein „verzinstes Sachdarlehen“ in Form des Bitpanda-eigenen „E-Geld-Token“ EURCV. Eine juristische Feinheit, die aber für den Anleger auf das gleiche hinaus­läuft: Schulden bei Bitpanda. Der Anleger ist zwar Eigentümer der Aktien und ETF, aber die Anteile sind als Sicherheit verpfändet, bis der geliehene Betrag zurück­gezahlt ist.

So funk­tioniert der Hebel

Um die Funk­tion der Hebel zu verstehen, gehen wir davon aus, dass der Anleger 1 000 Euro in eine Aktie mit 10-fach-Hebel investiert. Seine Gesamt­investition beträgt damit 10 000 Euro, davon 9 000 Euro auf Kredit. Steigt der Wert der Aktie um 5 Prozent, steigt die Investition von 10 000 auf 10 500 Euro und der Gewinn beträgt dementsprechend 500 Euro, eine Rendite von 50 Prozent. Verliert die Aktie 5 Prozent an Wert, beträgt die Rendite minus 50 Prozent.

Wenn die Aktie nun insgesamt 10 Prozent an Wert verliert, beträgt der Gesamt­verlust 1 000 Euro. Die Aktien werden aber vorher bei Erreichen einer Schwelle von Bitpanda auto­matisch verkauft, trotzdem kann laut Bitpanda der komplette Einsatz von 1 000 Euro weg sein.

Bitpanda betont, es könne Fälle geben, bei denen nicht „alle Beträge und Gebühren gedeckt“ seien. Es kann also sein, dass der Anleger noch zusätzliches Geld nach­schießen muss. Bitpanda weist ausdrück­lich darauf hin, dass Kunden mehr verlieren können als ihren ursprüng­lichen Einsatz.

Bitpanda gibt zudem für die einzelnen Aktien Liquidations­schwellen an, ab der die Wert­papiere auto­matisch verkauft werden können. Dann kommt es im Optimalfall nicht zum Total­verlust, aber es gibt auch keine Möglich­keit mehr, auf eine Erholung zu hoffen.

Verwirrende Beispiel­rechnungen

Ärgerlich: Bitpanda stellt auf ihrer Webseite „Margin Trading auf Aktien: So nutzt du den Hebel auf Wertpapiere“ verschiedene Beispiel­szenarien vor, in denen wir den Fall „Total­verlust“ nicht nach­voll­ziehen konnten. Bitpanda hat uns gegen­über einge­räumt, dass die Rechnung fehler­haft ist und korrigiert werden soll. Außerdem handele es sich nicht um „eine Beschreibung der konkreten Funk­tions­weise des über unsere Platt­form zugäng­lichen Margin-Tradings“. Die Über­schrift lässt jedoch anderes vermuten.

Verluste sind wahr­scheinlich

Es gibt ähnliche Produkte – etwa sogenannte Turbo-Zertifikate – mit denen man ebenfalls mit Hebel auf bestimmte Basis­werte setzen kann. Eine Studie der Finanzaufsicht Bafin zu Turbo-Zertifikaten hat ergeben, dass im betrachteten Zeitraum von 2019 bis 2023 drei von vier Anlegern Verluste mit Turbo-Zertifikaten gemacht haben – im Durch­schnitt fast 6 400 Euro pro Person. Die Vermarktung und der Vertrieb der Turbo-Zertifikate an Klein­anleger wurde darauf­hin stark einge­schränkt. Differenzkontrakte (CFD) mit Hebelwirkung und Nachschusspflicht dürfen schon länger an private Anleger gar nicht mehr verkauft werden. Ökonomisch und vom Risiko her sind diese Produkte ähnlich wie das Angebot von Bitpanda.

Bitpanda betont jedoch, dass ihre Produkte sich „tech­nisch und recht­lich“ von den Bafin-beschränkten Produkten „grund­legend“ unterscheiden würden. Auch die Bafin antwortet auf Nach­frage, dass „solches Angebot grund­sätzlich nicht in den Anwendungs­bereich der CFD-Allgemein­verfügung“ fällt. Grund­sätzlich würde die Bafin aber fort­laufend prüfen, ob bei Finanz­instru­menten „erhebliche Bedenken für den Anleger­schutz vorliegen und der Erlass einer Produkt­interventions­maßnahme erforderlich ist“.

Bitpanda erklärt uns auf Nach­frage, dass die Produkte zwar beworben würden, der Zugang zu dem Produkt aber bewusst kontrolliert ausgestaltet sei. So müssten Anleger vor der ersten Nutzung des Margin Trading einen verpflichtenden Wissens­test absol­vieren.

Kosten können schnell hoch werden

Solche Produkte sind nur für kurz­zeitige Spekulationen geeignet, nicht zum längeren Anlegen. Das spiegelt sich auch in der Kosten­struktur wieder. Der Kauf selbst ist laut Bitpanda gebührenfrei. Beim Verkauf fällt derzeit eine Gebühr von 1 Euro an. Deutlich stärker ins Gewicht fallen bei längerer Haltedauer die Finanzierungs­kosten. Bitpanda nennt derzeit eine tägliche Finanzierungs­gebühr von 0,18 Prozent – das fällt bei normalen ETF im Jahr an. Die Finanzierungs­gebühren sinken, je länger man das Geld leiht. Nach Tag 60 nehmen sie ab. Die Gebühr wird in Teil­beträgen alle vier Stunden berechnet.

Die Finanzierungs­kosten betreffen das geliehene Kapital und nicht nur das eigene Geld. Bei einem hohen Hebel sind die Kosten deshalb im Verhältnis zum einge­setzten Eigen­kapital erheblich. 0,18 Prozent von 9 000 Euro Kredit bedeuten 16,20 Euro Kosten pro Tag – fast 500 Euro nach einem Monat.

Mehr zu Märkten, Fonds und ETF

Von Aktie bis Zins. 
Auf unserer Seite Aktuelle Finanzanalysen finden Sie Beiträge rund um Börse, ETF und Strategien – von Einsteigerfragen bis zur ausgefeilten Korrelationsanalyse.

Zahlen, Charts und Punkte. Bewertungen, Kostenangaben und Kaufquellen für Fonds und ETF bekommen Sie in unserer großen Fondsdatenbank.

ETF Spezial. Wenn Sie tief in die Welt der ETF eintauchen wollen, empfehlen wir Ihnen unser ETF-Spezial mit großem Tabellenteil, Charts und Grafiken sowie zahlreichen Beiträgen rund um die Geldanlage in ETF.

Vorsicht: Nicht für Laien geeignet

Hebel­produkte können für sehr erfahrene Anleger ein Instru­ment sein, um kurz­fristig auf Kurs­bewegungen zu setzen. Das kann aber auch furcht­bar schief gehen. Wir finden es daher unpassend, solche komplexen Instru­mente mit populären Stars auf einer Boulevard-Webseite zu bewerben. Bitpanda äußert sich uns gegen­über dazu: „Wir nehmen die Bedenken hinsicht­lich des Werbeum­felds ernst und stellen sicher, dass diese Kommunikation den regulatorischen Vorgaben entspricht.“

Die Stiftung Warentest findet: Laien sollten nicht zum Zocken verleitet werden. Bei großem Hebel können schon kleine Kurs­verluste große Teile des einge­setzten Kapitals vernichten, bis zu dem Punkt, wo alles verzockt ist. Eine solcher Kauf muss ständig im Blick behalten werden und sollte nicht lang­fristig laufen gelassen werden. Hinzu kommen hohe laufende Finanzierungs­kosten und das Risiko, im Extremfall mehr als den ursprüng­lichen Einsatz zu verlieren.

https://www.test.de/Bitpanda-Aktienhebel-hohe-Verluste-moeglich-6331317-0?wt_mc=owned.site.rssfeeds.dl...