Klimawandel und Psyche: Zehn-Jahres-Plan für mentale Gesundheit in der Umweltpolitik Datum: 13.10.2026 Subjekt: Justus-Liebig-Universität Gießen Region: Německo Kategorie: Zdravotnictví a nemocnice, Věda a výzkum, Životní prostředí Internationales Expertengremium unter Beteiligung des JLU-Klimaforschers Prof. Dr. Jürg Luterbacher veröffentlicht Grundsatzbericht im Fachjournal Nature Mental Health. Nr. 152 • 13. Oktober 2026 Extremwetterereignisse, Luftverschmutzung und Lärm sind mit erhöhten Risiken für die psychische Gesundheit und Veränderungen der Gehirnfunktion verbunden. Auch der Verlust von Biodiversität kann die psychische Gesundheit beeinträchtigen; die direkte Evidenz hierzu ist jedoch begrenzter. Dennoch wird die psychische Gesundheit bei umwelt- und stadtplanerischen Entscheidungen bislang kaum berücksichtigt. Die Earth–Brain–Health Commission (EBHC) der Fachzeitschrift „Nature Mental Health“ fordert nun ein grundlegendes Umdenken: Mit einer jetzt veröffentlichten Zehn-Jahres-Agenda mahnt das Gremium Regierungen, Kommunen und Förderinstitutionen dazu, mentale Gesundheit künftig als festen Standard in der Umwelt-, Stadt- und Klimapolitik zu verankern. An dem Bericht ist Prof. Dr. Jürg Luterbacher vom Institut für Geographie und Liebig Centre for Agroecology and Climate Impact Research der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) maßgeblich beteiligt. Wie die Kommission aus mehr als 20 Fachleuten darlegt, treten Umweltbelastungen wie Hitzeextreme, Überschwemmungen oder städtischer Dauerstress selten isoliert auf. Sie treten häufig in denselben Regionen und bei besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen gemeinsam auf und sind über die gesamte Lebensspanne hinweg mit Angststörungen, Depressionen, traumabezogenen Störungen und kognitivem Abbau verbunden. Die Stärke der Evidenz variiert nach Belastung und Bevölkerungsgruppe; viele Befunde sind korrelativ, und die kausalen Mechanismen sind bislang nur teilweise geklärt. Obwohl solide Daten aus Erdbeobachtung, Klimamodellen und Kohortenstudien vorhanden seien, fließen Erkenntnisse zur psychischen Gesundheit an den entscheidenden Schnittstellen der Umwelt- und Stadtplanung bisher selten ein. Die wichtigsten Hürden für wirksame Schutzmaßnahmen liegen nach Ansicht der Forschenden daher in organisatorischen und finanziellen Trennlinien zwischen den verschiedenen Ressorts. Die vorhandene Evidenz erlaubt bereits Maßnahmen, deren Wirksamkeit zugleich systematisch untersucht werden sollte. „Klimadienste, Frühwarnsysteme und Anpassungspläne sind international bereits gut etabliert, wurden jedoch historisch nicht mit Blick auf die psychische Gesundheit entwickelt“, betont Prof. Dr. Jürg Luterbacher, der von 2020 bis 2024 als Direktor für Wissenschaft und Innovation sowie als Chefwissenschaftler bei der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) tätig war. „Viele Maßnahmen, die das psychische Wohlbefinden schützen können, liegen außerhalb des klassischen Gesundheitssektors – etwa in der Raumplanung, im Wohnungsbau, im Verkehrswesen und in der Umweltregulierung. Genau deshalb müssen Indikatoren für mentale Gesundheit integraler Bestandteil davon werden, wie umwelt- und klimabezogene Entscheidungen bewertet und ihre Auswirkungen erfasst werden.“ Die Kommission empfiehlt, dass innerhalb eines Jahrzehnts keine wesentliche Umwelt-, Stadt- oder Klimamaßnahme mehr geplant oder bewertet wird, ohne die Gesundheit des Gehirns und die psychische Gesundheit als Ziel- und Bewertungsgrößen einzubeziehen. Dazu sollen Indikatoren für psychische Gesundheit in Klimapläne, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Stadtplanung integriert werden. Bestehende Frühwarnsysteme für Hitze oder Luftschadstoffe sollen künftig mit präventiven Unterstützungsangeboten für die psychische Gesundheit gekoppelt und bestehende Bevölkerungsstudien systematisch um harmonisierte Daten zur Umweltbelastung angereichert werden. Besonderes Augenmerk legt der Bericht auf soziale Gerechtigkeit: Da einkommensschwächere Regionen und benachteiligte Gruppen den Umweltkrisen oft am stärksten ausgesetzt sind, müssen Maßnahmen gezielt dort ansetzen und gemeinsam mit den Betroffenen gestaltet werden. Zu den acht Empfehlungen gehören auch die transparente und faire Nutzung von KI sowie Indikatoren für Wohlbefinden und planetare Gesundheit als Ergänzung zum Bruttoinlandsprodukt. Um die Umsetzung weltweit voranzutreiben, schlägt die Kommission zudem den Aufbau eines globalen Forschungsfonds und eines Observatoriums für Umweltneurowissenschaften vor. Die internationale Kommission unter dem Vorsitz von Prof. Gunter Schumann (Fudan-Universität Shanghai und Charité Berlin) vereinte Fachleute aus Epidemiologie, Neurowissenschaften, Psychiatrie, Umwelt- und Klimaforschung, Geographie, Sozialwissenschaften, öffentlicher Gesundheit, Ethik und digitaler Innovation von Institutionen aus Europa, Asien, Afrika und Amerika. Ihre strukturierte narrative Synthese berücksichtigt systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, soweit verfügbar, und bewertet neben der Belastbarkeit der wissenschaftlichen Evidenz und bestehenden Datenlücken vor allem Fragen der Chancengleichheit und konkrete Anforderungen an die praktische Umsetzung. Die Arbeit der Kommission wurde gefördert über das im Rahmen des EU-Programms Horizon Europe finanzierte Projekt „environMENTAL“ (101057429) sowie durch Kofinanzierungen von UK Research and Innovation (UKRI) (im Rahmen der Horizon-Europe-Garantie der britischen Regierung; 10041392 und 10038599) und das National Key R&D Program des chinesischen Ministeriums für Wissenschaft und Technologie (MOST; 2023YFE0199700). Der Bericht nennt zudem die Förderung einzelner Mitwirkender durch das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) und das vom Leverhulme Trust geförderte Leverhulme Centre for Anthropocene Biodiversity (RC-2018-021). Publikationen Schumann, G., Luterbacher, J., Marquand, A. et al. Nature Mental Health Earth–Brain–Health Commission. Nat. Mental Health (2026). https://doi.org/10.1038/s44220-026-00737-y Schumann, G., Luterbacher, J., Marquand, A. et al. Protecting mental wellbeing and brain health in a changing environment. Nat. Mental Health (2026). https://doi.org/10.1038/s44220-026-00750-1 Weitere Informationen https://www.environmental-project.org/ Kontakt Prof. Dr. Jürg Luterbacher Professur für Klimatologie, Klimadynamik und KlimawandelE-Mail: juerg.luterbacher Presse, Kommunikation und Marketing • Justus-Liebig-Universität Gießen • pressestelle https://www.uni-giessen.de/de/ueber-uns/pressestelle/pm/pm152-26klimamentalegesundheit