Spruchakten gereinigt und gesichert: Wertvolle Einblicke in die historische Rechtsprechung 28.8.2026 | Justus-Liebig-Universität Gießen Responsa bereit für den Umzug ins neue Archivmagazin der Universität Gießen – Bedeutende Quelle für Rechts-, Sozial- und Universitätsgeschichte restauriert. Nr. 120 • 28. August 2026 Historische Rechtsgutachten sind eine bedeutende Quelle für die Rechts-, Sozial- und Universitätsgeschichte, sie spielten beispielsweise bei Hexenprozessen eine wichtige Rolle. Jahrhundertelang war die Aktenversendung gängige Praxis; Gerichtsakten wurden zur Begutachtung an Juristische Fakultäten innerhalb des Landes, aber auch ins deutschsprachige Ausland verschickt. Oft legten Responsa, Konsiliensammlungen oder Spruchakten weite Wege zurück. Diese Akten und weitere Schätze für Forschung und Lehre werden im Universitätsarchiv der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) nun ein weiteres Mal auf einen – wenngleich viel kleineren Ortswechsel – vorbereitet. Das Universitätsarchiv Gießen wird noch in diesem Jahr an seinen künftigen Standort in der neuen Zentralbibliothek ziehen. Ein Restaurierungsprojekt im Zuge der Vorbereitungen wurde kürzlich erfolgreich abgeschlossen. Mit Mitteln aus dem Landesprogramm „Bestandserhaltung“ und dem Bundesprogramm der „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ sowie zehn Prozent an Eigenmitteln konnten die Unterlagen im Sommersemester 2026 von einer Restaurierungsfirma bearbeitet werden. Nun stehen 27 laufende Meter trockengereinigt, restauratorisch gesichert und schutzverpackt für den Umzug bereit. Die Gesamtkosten für die Reinigung und Restaurierung belaufen sich auf rund 26.000 Euro. „Der neue Standort liegt zwar nebenan im Neubau der Universitätsbibliothek, aber der Umzug des Archivguts ist dennoch eine Herausforderung“, erläutert der Leiter des Universitätsarchivs Dr. Joachim Hendel: „Für uns ist der Umzug nervenaufreibend, aber für Papier bedeutet er einen richtigen Stress.“ Das weitgehend analoge Archivgut müsse beim Umzug einen raschen Temperaturwechsel und transportbedingte Erschütterungen überstehen, gibt er zu bedenken. „Natürlich sind wir vorbereitet und vertrauen darauf, dass das Umzugsunternehmen schonend vorgeht. Zur Unterstützung wurden so viele Unterlagen wie möglich in Archivkartons verpackt, die bislang unbearbeitet waren.“ Vorher und nachher: Responsa-Stapel im Universitätsarchiv der JLU. Fotos: Dr. Joachim Hendel Die alten Dokumente mussten zunächst sorgfältig gereinigt und gesichert werden. Aufgrund der jahrzehntelangen Lagerung ohne Schutzverpackung, der bis 1983 fehlenden Klimatisierung der Räume sowie der zeitweiligen Auslagerung und diverser Umzüge waren die Objekte stark verschmutzt und zum Teil beschädigt. Eine Nutzung war nur eingeschränkt möglich. Dabei sind die alten Dokumente für die Forschung von großem Wert: Der Bestand historischer Gutachten der Juristischen Fakultät Gießen reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, mit einzelnen Anlagen sogar bis 1597; die Erstellung der ältesten Rechtsgutachten fällt damit in die Zeit noch vor der Universitätsgründung im Jahr 1607. Responsa und Consilia In der Forschungsliteratur sind diese Gutachten unter anderem als Responsa (Antworten des Rechts), Consilia (Ratschläge) oder Spruchakten bekannt. Sie dokumentieren das gängige Verfahren der Aktenversendung, wie es in der Frühen Neuzeit bis zum Verbot aller Sondergerichte durch das Gerichtsverfassungsgesetz von 1877 (Inkrafttreten 1779) praktiziert wurde. Die Gerichtsakten wurden zur Begutachtung an Juristische Fakultäten verschickt, damit Juristen und Gelehrte Antworten auf komplizierte Rechtsfragen geben konnten. Für die Professoren an den Universitäten bedeutete dies ein willkommenes und einkalkuliertes Zusatzeinkommen. Von den an der Universität Gießen erstellten Gutachten wurden in der Regel die Konzepte bei der Juristischen Fakultät belassen. „Ältere Schätzungen gehen von 15.000 bis 18.000 Stück aus“, sagt Archivleiter Hendel. Der Bestand, der jetzt im UB-Archiv sicher verwahrt ist und auf den Umzug wartet, stellt auf jeden Fall eine breite Ersatzüberlieferung dar und wird im Universitätsarchiv am neuen Standort wieder für Forschungszwecke bereitstehen.   Sicher verpackt: Responsa im Pergament-Einband und im eigens angefertigten Archivkarton. Foto: Dr. Joachim Hendel. Weitere Informationen www.uni-giessen.de/archivwww.kek-spk.de/projekt/spruchakten-der-juristischen-fakultaet-gereinigt-und-verpackt Kontakt Dr. Joachim HendelUniversitätsarchiv der JLU GießenOtto-Behaghel-Straße 835394 GießenTelefon: 0641 99-14060E-Mail: joachim.hendel Presse, Kommunikation und Marketing • Justus-Liebig-Universität Gießen • pressestelle https://www.uni-giessen.de/de/ueber-uns/pressestelle/pm/pm120-26historischespruchaktenrestauration