Vierter Zwischenbericht zu sexuellem Missbrauch im Bistum Trier vorgelegt

Datum9.10.2026
SubjektUniversität Trier
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RegionNěmecko
KategorieNáboženství, Věda a výzkum, Lidská práva

Forschende der Universität Trier werten Akten und Gespräche zur Zeit von 1946 bis 1966 unter den Bischöfen Bornewasser und Wehr aus. Das Projekt zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch von Minderjährigen sowie hilfs- und schutzbedürftigen Erwachsenen durch Kleriker und Laien im Bistum Trier im Zeitraum von 1946 bis 2021 ist seit 2022 an der Universität Trier angesiedelt. Nachdem die Forschenden in ihren drei bisherigen Projektphasen bis fast an die Gegenwart herangerückt waren, befassen sie sich in ihrem vierten und letzten Zwischenbericht mit der Zeit von 1946 bis 1966.

Unter den Bischöfen Franz Rudolf Bornewasser (1946-1951) und Matthias Wehr (1951-1966) wurden insgesamt 335 Betroffene von sexualisierter Gewalt durch Welt- und Ordensgeistliche im Bistum Trier identifiziert, überwiegend Kinder und Jugendliche. Zudem ermittelte das Projektteam – bestehend aus Prof. Dr. Lutz Raphael, Dr. Lena Haase, Alisa Alić und Sarah Baltes – 123 Beschuldigte. Die Zahlen teilen sich auf 92 Betroffene und 28 Beschuldigte unter Bornewasser sowie 243 Betroffene und 95 Beschuldigte unter Wehr auf. Zu berücksichtigen ist, dass Bornewasser 1946 bereits seit 24 Jahren das Bistum leitete, sodass die Untersuchung nur einen Teil seiner Amtszeit abdeckt. Damit vergrößert sich das Hellfeld für den gesamten Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2021 auf insgesamt 252 Beschuldigte und 782 Betroffene.

Die Ergebnisse des vierten Zwischenberichts basieren auf der Auswertung von 1.574 Akten, davon ein Großteil Personalakten der Beschuldigten, sowie Gesprächen mit Betroffenen und Zeitzeug*innen.

Auffällige Befunde

Ungewöhnlich sei im Vergleich mit allen bisher vorliegenden Bistumsstudien, dass unter Bornewasser zu 50 Prozent Mädchen betroffen waren. Unter Wehr waren es wie in der Folgezeit zu zwei Dritteln Jungen. „Sexuelle Gewalt und „Verrohung“ der Sexualität waren Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs, die sich noch bis in die 50er erstreckten“, erklärt Historikerin Dr. Lena Haase diesen Befund. Das spiegele sich auch darin, dass jeder fünfte zwischen 1946 und 1949 geweihte Priester im Bistum zum Beschuldigten bzw. Täter sexuellen Missbrauchs wurde.

Das Wissen der Bistumsleitung nahm von 70 Prozent unter Bornewasser zu 31,8 Prozent Kenntnis von den Fällen unter Wehr deutlich ab. Die Entscheidungsgewalt über den Umgang mit Beschuldigten und Tätern lag in der Regel beim Generalvikar. Unter Bornewasser war es Heinrich von Meurers, unter Wehr Peter Weins, die auffällig milde mit Beschuldigten umgingen. Konsequenzen blieben ganz aus oder bestanden aus Versetzungen, in Ausnahmefällen ins Ausland, wo sie der deutschen Strafverfolgung entzogen waren.

Milder Umgang mit Beschuldigten

Dass ein konsequenteres Handeln möglich gewesen wäre, zeigt der Übergang von der NS-Zeit zur Bundesrepublik. Aus Angst, die kirchenfeindliche NS-Propaganda könne solche Fälle instrumentalisieren, ordnete Bischof Bornewasser beispielsweise 1939 die fristlose Unterbringung des Intensivtäters Johann Bernardy in einer kirchlichen Heil- und Pflegeanstalt an. Nach 1945 lockerte Bornewasser die Maßnahme und der Priester wurde umgehend rückfällig.
Überhaupt waren die 20 Jahre geprägt von einem ausgesprochen milden Umgang der Bistumsverantwortlichen mit beschuldigten Priestern und Ordensleuten. Dieser war begleitet von Vertuschung und Geheimhaltung bekanntgewordener Fälle und Meldungen.

Universitätspräsidentin Prof. Dr. Eva Martha Eckkrammer hebt die Anstrengungen des Projektteams hervor: „Ein weiteres Mal bringt die akkurate Arbeit von Wissenschaftler*innen der Universität Trier Licht in Vorgänge, die dunkle Schatten im Leben vieler Menschen hinterlassen haben. Den beteiligten Forschenden danke ich für ihr Engagement und ihre methodische Stringenz. Angesichts des aus den Quellen deutlich werdenden Leids der Betroffenen und den strukturellen Defiziten im Umgang mit Missbrauchsfällen gerade in der nun beleuchteten Phase ab 1946 ist das Beibehalten der analytischen Perspektive sicher nicht immer leicht gewesen.“

Voraussichtlich Ende November 2026 werden die Forschenden der Universität Trier einen Abschlussbericht zum Gesamtzeitraum von 1946 bis 2021 vorlegen.

Zur Projektwebsite mit allen Veröffentlichungen: https://aufarbeitung.uni-trier.de/

Kontakt

Dr. Lena Haase
Forschungsstelle SEAL
Mail: [email protected]
Tel. +49 651 201-3332

https://www.uni-trier.de/universitaet/news/beitrag?cHash=bff168f82af2979450db1f92d6af0d8d&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=30519