Sonja Liénard, Head of ABAP Platform bei SAP, spricht im dritten Teil der Interview-Serie über das Autonomous Enterprise und die Rolle der ABAP-Plattform als Execution-Backbone für Agentic AI.
Über Sonja Liénard
Sonja Liénard ist Informationswissenschaftlerin und Wirtschaftsinformatikerin und arbeitet seit 2012 bei SAP. Ihr offizieller Titel ist Senior Vice President und Head of ABAP Platform bei SAP. Sie deckt sowohl die ABAP-Sprache als auch alle Themen der ABAP Platform ab. Somit ist sie auch Head of ABAP AI und damit global für die neuesten Themen verantwortlich.
Sonja Liénard: Unser CEO Christian Klein hat auf der Sapphire 2026 das Autonomous Enterprise vorgestellt, unsere Vision, wie wir große Unternehmen in der Agentic AI-Ära unterstützen wollen. Die große Veränderung, die wir sehen, ist, dass man heute mit Technologie anders als bisher arbeitet. Nicht mehr mit Oberflächen, die Interaktion ist nicht mehr tool- sondern outcome driven.
Die User Experience ändert sich dadurch erheblich: Man bedient keine Applikation mehr, in der man Formulare ausfüllt, sondern nutzt einen Chat, mit dem man sich unterhält und etwa fragt: „Bitte gib mir die Daten der letzten 30 Tage, wann wer im Urlaub war.“ Die Ergebnisse werden dynamisch generiert. Die Grundlage dafür ist das Autonomous Enterprise.
An der Natur der ABAP-Plattform und ihrer Daseinsberechtigung ändert das nichts. Sie bleibt das Fundament, auf dem die Geschäftsprozesse laufen – jetzt auch als Execution-Backbone für Agenten. Es ändert sich der Zugang oberhalb der Anwendungen durch die Agenten als weitere Abstraktionslevel.
Wenn Agenten echte Unternehmensaufgaben ausführen sollen – keine Demo-Szenarien, sondern tatsächliche Finanzbuchungen, HR-Prozesse oder Supply-Chain-Entscheidungen – dann müssen sie auf einer Plattform laufen, die korrekt, governed und skalierbar ist.
Sonja Liénard: Ein Beispiel: Statt Formulare für eine Bestellanforderung Feld für Feld auszufüllen, sage ich meinem Chat: „Ich brauche 30 Laptops für neue Mitarbeiter bis Ende Oktober.“ Die Agenten prüfen den Katalog, checken das Budget und erstellen die Anforderung, ohne dass ich den Prozess selbst steuern muss.
Als Nutzer bin ich nur noch am Ergebnis orientiert und nicht mehr am Weg dorthin. Die Agenten können autonom verschiedenste Wege finden, wenn ich ihnen das Problem als Prompt übergebe. Das ist ein grundlegender Wandel. Die auf den Menschen optimierte Umgebung, die formalisierte Eingaben erwartet, verliert in der agentischen Ära an Bedeutung.
Sonja Liénard: Das stellt uns vor Herausforderungen auf mehreren Ebenen.
Zunächst zur Verlässlichkeit: Daten und Ergebnisse müssen immer verlässlich, nachvollziehbar und reproduzierbar sein. Auch wenn die Agenten von jemand anderem aktiviert wurden und einen anderen Weg haben, um die Daten zu bekommen. Dafür brauchen wir Sicherheitsnetze und sehr gute Qualitätsprüfungen und Qualitätstools.
Dann zur Verantwortung und Steuerung: Es muss klare Zuständigkeiten für jeden Agenten geben. Was darf er, was nicht, was darf er sehen? Der Agent braucht Skills und Ablaufpläne, an denen er sich orientieren muss. Dazu gehört auch eine Dokumentation: welche Änderungen ein Agent gemacht hat, wer ihn dazu aufgefordert hat, und was der genaue Auftrag war. Wir brauchen klare Schnittstellen, damit Agenten nur so weit kommen, wie wir es ihnen mit der Architektur vorgeben – damit keine Daten unerlaubt abfließen, keine Sicherheitslücken entstehen und keine Systeme kompromittiert werden.
Und schließlich zur Skalierbarkeit: Die ABAP-Plattform muss auf einen großen Ansturm durch Agenten eingestellt sein, was Prozesse und Speicherkapazität angeht. Wir bereiten uns darauf vor, führen Security-Tests durch und überprüfen die Grenzen der Plattform-Skalierbarkeit.
Das übergeordnete Prinzip bleibt dabei immer dasselbe: Wir müssen klar definieren, wo der Mensch die letzte Entscheidungsgewalt hat. Die Unternehmen müssen sich auf uns und die Funktionen, die wir bereitstellen, auch in der agentischen AI-Ära verlassen können.
Sonja Liénard: Den ABAP MCP Server haben wir im zweiten Quartal veröffentlicht. Er öffnet die ABAP Platform für die agentische Zeit, weil MCP-kompatible Agenten jetzt mit ABAP-Fähigkeiten zusammenarbeiten können. MCP sorgt für klare Schnittstellen, damit Agenten untereinander sowie mit externen Tools sprechen und Aufträge übergeben können.
Sonja Liénard: Anfang 2025 haben wir die ersten AI-basierten Entwicklungs-Tools für Entwickler freigegeben. Wir wollten damit die Entwickler produktiver machen und beim Programmieren und der Qualitätsüberprüfung unterstützen. Jetzt sind wir weitergegangen, weil sich der Markt so schnell entwickelt und weil der nächste logische Schritt die Betriebsseite ist.
Nun geht es auch um die Rolle von Administratoren und Betrieb. Wir investieren auch dort in Agenten. Dafür müssen aber die Sicherheitsnetze, die Zuständigkeiten und Grenzen ganz klar definiert sein. Wir stellen sicher, dass sie nur unterstützend tätig sind und nicht eigenständig in das System eingreifen.
Sonja Liénard: Bei der Entwicklung selbst muss man wissen, dass ABAP-Entwicklung anders ist als Non-ABAP-Entwicklung. Einmal aktivierte Änderungen sind im System wirksam und werden vorwärts korrigiert, nicht zurückgerollt – das macht robuste Leitplanken für Agenten besonders wichtig: eine isolierte Umgebung zum Testen, sehr gute Qualitätsüberprüfungen sowie klar definierte Skills und Playbooks, die dem Agenten den Ablauf vorgeben und reproduzierbare Ergebnisse sicherstellen. In all das investieren wir.
Sonja Liénard: Man kann ABAP-AI-Fähigkeiten jetzt auch in niedrigeren Versionen verwenden. Wir unterstützen Unternehmen mit der SAP Agent-led Toolchain dabei, auf neuere Releases zu migrieren. Dafür bauen wir gerade sieben Agenten-Familien, die verschiedene Prozessschritte einer Migration abdecken – unter anderem Systemanalyse, Tests und Custom Code Migration. Diese Agenten sind nicht nur für die Migration nützlich – sie können auch unabhängig davon für die Qualitätsprüfung von Kundencode eingesetzt werden.
Sonja Liénard: Drei Schwerpunkte: Erstens das Migrationsthema – wir werden bis Ende des Jahres weitere praktische Tools ausliefern, die den gesamten Migrationsprozess unterstützen. Zweitens Souveräne Cloud-Lösungen, für die wir attraktive AI-Lösungen entwickeln – das ist für Unternehmen relevant, die besondere Anforderungen an Datensouveränität haben. Und drittens MCP-Tooling: klare, sichere Schnittstellen nach außen, damit die ABAP Platform offen für die agentische Welt wird – ohne Abstriche beim Schutz der Plattform.
Sonja Liénard: Wie ändert sich die Entwicklerrolle? Das ist für alle Entwickler global wichtig, nicht nur für die ABAP Platform. Der Mensch bleibt dafür verantwortlich, was ins System hineinkommt, und was mit den Daten geschieht. Wir müssen klar festlegen, wo der Mensch final „ja“ sagt und dann auch die Verantwortung dafür trägt. Damit verändert sich die Rolle – weg vom Programmieren hin zu mehr Kontrolle, Software-Architektur und Prompting, damit der Agent exakt das macht, was er soll. Die Tätigkeit ändert sich, die Verantwortung aber bleibt die gleiche.
Und noch etwas möchte ich präzisieren: Die ABAP-Plattform wird zum unternehmenstauglichen Execution-Backbone für Agentic AI. Das Wort „Backbone“ ist bewusst gewählt – wir sind keine generische Agent Runtime. Was wir einbringen, kann eine General-Purpose-AI nicht bieten: tiefe, verifizierte Business-Logik; unternehmenstaugliche Governance und eine 40-jährige Erfolgsbilanz bei den kritischsten Geschäftsprozessen der Welt. Das ist die Rolle der ABAP Platform im Autonomous Enterprise.
Das Interview ist der dritte Teil einer Serie über ABAP und den Einsatz und das Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz.
Weiterführende Links finden Sie hier:
https://news.sap.com/germany/2026/10/abap-platform-agentic-ai