Empirische Erkenntnisse zur Gestaltung eines attraktiven Dienstmodells.
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Landes- und Bündnisverteidigung wieder in den Mittelpunkt der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik gerückt. Für Deutschland resultiert daraus ein erheblicher personeller Aufwuchsbedarf der Bundeswehr. Forscher der Hochschule RheinMain (HSRM) wollen nun die aktuelle Diskussion um den freiwilligen Wehrdienst durch belastbare empirische Evidenz ergänzen und zeigen, wie aus den Ergebnissen konkrete Gestaltungsmöglichkeiten für attraktive Wehrdienstangebote herausgearbeitet werden können.
Nach aktuellen Planungen soll die Personalstärke der Bundeswehr auf rund 260.000 aktive Soldat:innen sowie 200.000 Reservist:innen anwachsen. In einer Studie analysieren Prof. Dr. Jochen Eckert und Prof. Dr. Rainer Wedde vom Fachbereich Wiesbaden Business School der HSRM den Einfluss konkreter Merkmale eines freiwilligen Wehrdienstes auf die Präferenzen potenzieller Interessenten. Die Wiesbadener Studie verfolgt dabei einen bewusst anwendungsorientierten Ansatz. „Wir haben untersucht, wie sich alternative Angebotskonfigurationen auf das Rekrutierungspotenzial auswirken, also welche Angebote konkret das Interesse am freiwilligen Wehrdienst steigern. Diese Informationen sind wichtig, wenn die Politik einen freiwilligen Wehrdienst entwickeln möchte, der für junge Menschen attraktiv ist und zugleich die personellen Bedarfe der Bundeswehr berücksichtigt“, so Prof. Dr. Eckert.
Höheres Rekrutierungspotenzial durch angepasste Wehrdienstangebote
Für die Studie wurde eine Befragung deutscher Staatsangehöriger der Jahrgänge 2001 bis 2008 mit einem Choice-Based-Conjoint-Experiment verbunden und darauf aufbauend Kalibrierungen und Simulationen alternativer Wehrdienstangebote durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass 49,7 Prozent der Befragten einen freiwilligen Wehrdienst nicht kategorisch ausschließen. Die Bereitschaft unterscheidet sich dabei unter anderem nach Geschlecht, Bildungsabschluss, Migrationshintergrund und Religionszugehörigkeit. Für die Attraktivität konkreter Wehrdienstangebote sind neben der Besoldung die Dauer der Reservistenverpflichtung, die Entfernung zur Ausbildungsstätte, die Wehrdienstdauer und das mögliche Einsatzprofil relevant. Auch Bildungs- und Qualifizierungsangebote, die Unterbringung während der Grundausbildung und eine Bevorzugung bei öffentlichen Ausbildungs- und Studienplätzen beeinflussen die Präferenzen. „In den Simulationen sehen wir zugleich, dass unterschiedliche Kombinationen dieser Merkmale das Rekrutierungspotenzial gegenüber dem aktuellen Referenzangebot deutlich erhöhen können“, erklärt Prof. Dr. Eckert.
„Die Ergebnisse sprechen dafür, dass ein Rekrutierungsziel von etwa 20.000 jährlichen Dienstantritten grundsätzlich erreichbar erscheint“, ergänzt Prof. Dr. Wedde. Zwar erlaubten die vorliegenden Befragungsdaten aufgrund der zu erwartenden Differenz zwischen geäußerter Intention und tatsächlichem Verhalten keine Prognose. Die Daten und Modellierungen zeigten jedoch, dass die Zielmarke bereits erreicht würde, wenn rund 12,7 Prozent derjenigen, die die Absicht äußern Wehrdienst zu machen, tatsächlich einen Dienst antreten würden. „In Verbindung mit militärischen, organisatorischen und finanziellen Anforderungen können die empirischen Ergebnisse einen Optimierungsprozess unterstützen, um Wehrdienstangebote systematisch zu entwickeln, simulieren, erproben und evaluieren“, so Prof. Dr. Wedde.
Empirisch gestützte Gestaltung attraktiver Wehrdienstangebote
Die Studie will dazu beitragen, die Diskussion von der Frage nach der grundsätzlichen Wehrdienstbereitschaft auf die empirisch gestützte Gestaltung attraktiver Wehrdienstangebote zu erweitern. „Die Resultate sprechen dafür, die Ausgestaltung des freiwilligen Wehrdienstes als empirisch gestützten Entwicklungsprozess zu verstehen“, sagt Prof. Dr. Eckert. Das verwendete Präferenzmodell ermögliche es, alternative Angebotskonfigurationen vor ihrer Einführung hinsichtlich ihrer erwarteten Attraktivität und ihres relativen Rekrutierungspotenzials zu vergleichen.
Zum Forschungsbericht „Freiwilliger Wehrdienst in Deutschland – Empirische Erkenntnisse zur Gestaltung eines attraktiven Dienstmodells"
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