Langfristige Unterstützung wichtiger denn je.
Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 gerät diese dramatische humanitäre Lage zunehmend aus dem Blick der Öffentlichkeit. Wiederkehrende Dürren, Überschwemmungen und andere Folgen der Klimakrise verschärfen den Hunger zusätzlich. Gleichzeitig ist der UN-Hilfsplan für Afghanistan bislang nur zu rund 25 Prozent finanziert.
Hinzu kommen die 6 Millionen Rückkehrenden seit 2023 – darunter viele aus dem Iran und Pakistan – die das Land vor enorme soziale und wirtschaftliche Herausforderungen stellen. „Hunger ist nicht nur die Folge fehlender Lebensmittel. Familien verlieren zunehmend die Möglichkeiten, ein Einkommen zu erzielen und sich selbst zu versorgen. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung durch die Millionen Rückkehrenden rasant, während die ohnehin schwache Wirtschaft kaum Arbeitsplätze bietet. Diese Krisen verstärken sich gegenseitig und treiben immer mehr Familien in Armut und Hunger“, warnt Jaclyn Dolski, Programmdirektorin der Welthungerhilfe in Afghanistan.
Die Klimakrise trifft vor allem die ländliche Bevölkerung. „Es regnet kaum noch. Viele Menschen ernten weniger und verlieren ihre Tiere und ihr Weideland. Gleichzeitig steigen die Lebensmittelpreise. Immer mehr Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen“, betont Farzaneh Nasimi*, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe aus Kabul. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen. Sie sind weitgehend von weiterführender Bildung, vielen Berufen und großen Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen.
„Die Hauptursache für Hunger ist die Arbeitslosigkeit. Nur die Hälfte der Gesellschaft kann überhaupt arbeiten, während Frauen ausgeschlossen sind. Das nimmt ihnen nicht nur die Zukunftsperspektiven, sondern verschärft die wirtschaftliche Not vieler Familien“, unterstreicht Zarah Amiri*, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe aus Zentralafghanistan.
Die sinkende internationale Finanzierung erschwert die Lage zusätzlich. Immer häufiger müssen Hilfsorganisationen ihre Programme auf akute Nothilfe konzentrieren und langfristige Maßnahmen zurückstellen. Die Folgen sind bereits deutlich sichtbar: Nach Angaben des Food Security and Agriculture Cluster (FSAC) erhielten im ersten Halbjahr rund 2,8 Millionen besonders gefährdete Menschen keine eigentlich geplante lebensrettende Nahrungsmittelhilfe. Gleichzeitig mussten langfristige Programme zur Unterstützung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern stark eingeschränkt werden. Millionen Menschen erhalten weder Saatgut noch Dünger für die nächste Anbausaison.
Dabei sind gerade Investitionen in klimaresiliente Landwirtschaft, Wassermanagement und lokale Märkte entscheidend, damit Menschen dauerhaft aus der Abhängigkeit herauskommen. „Afghanistan braucht weiterhin internationale Unterstützung – nicht nur, um akute humanitäre Not zu lindern. Genauso wichtig ist es, Lebensgrundlagen wiederherzustellen, die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen die Folgen der Klimakrise zu machen und Gemeinden dabei zu unterstützen, ihre Zukunft wieder selbst in die Hand zu nehmen. Wer heute nur noch die dringendste Nothilfe finanziert, riskiert, dass morgen noch mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sein werden“, mahnt Jaclyn Dolski.
Die Welthungerhilfe unterstützt die Menschen in Afghanistan seit 1981 und ist seit 1992 mit eigenen Strukturen im Land vertreten. Gemeinsam mit afghanischen Partnerorganisationen vor Ort verbindet sie humanitäre Nothilfe mit langfristigen Programmen zur Ernährungssicherung und Stärkung der Lebensgrundlagen. Dazu gehören unter anderem klimaresiliente Landwirtschaft, Wasser- und Bewässerungsmanagement, Einkommensförderung, Ernährung sowie die Stärkung lokaler Märkte.
*Aus Sicherheitsgründen haben wir die Namen der nationalen Mitarbeiterinnen anonymisiert.
Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland; politisch und konfessionell unabhängig. Sie setzt sich mutig und entschlossen für eine Welt ohne Hunger ein. Seit ihrer Gründung am 14.12.1962 wurden 13.424 Auslandsprojekte in rund 72 Ländern und Gebieten mit 5,76 Milliarden Euro gefördert. Die Welthungerhilfe arbeitet nach dem Grundprinzip der Hilfe zur Selbsthilfe: von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristigen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnerorganisationen.
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