Ein stärkeres Europa – für eine stärkere NATO: Diese Botschaft setzten die Nordatlantik-Partner bei ihrem Gipfel am 7. und 8. Juli 2026 in der türkischen Hauptstadt Ankara. Konkret bedeutet das: massive Leistungen der europäischen Alliierten beim Burden Shifting, klare Zusagen an die Ukraine und ein umfangreiches Paket an rüstungsindustriellen Vertragsankündigungen und Kooperationsinitiativen.
Unsere Geschlossenheit, Solidarität und gemeinsame Stärke bilden nach wie vor das Fundament für Frieden, Sicherheit und Wohlstand für eine Milliarde Bürgerinnen und Bürger in unserem Bündnis freier und demokratischer Nationen.
Gipfelerklärung von Ankara, 2026
Aus Ankara sendeten die NATO-Partner ein Signal der Einheit in die Welt: Auch 80 Jahre nach Gründung der Allianz stehen die mittlerweile 32 Partnerstaaten zu ihrem Versprechen, miteinander füreinander einzustehen und im Ernstfall jeden Zentimeter des Bündnisgebietes gemeinsam zu verteidigen. In ihrer Gipfelerklärung 2026 (PDF, 110,9 KB) bekräftigen die Alliierten zudem ihre Vorstellungen einer zukunftsfähigen, einer europäischeren NATO: „Wir gestalten die Zukunft: ein stärkeres Europa innerhalb einer stärkeren NATO – ein modernisiertes Bündnis.“, heißt es in dem Dokument. Bei der Aufgabe, die Allianz angesichts konkreter Bedrohungen und geopolitischer Herausforderungen in eine neue Zeit zu führen, spielt Deutschland eine zentrale Rolle.
Die Hauptbotschaft aus Ankara: Die europäischen Alliierten und Kanada liefern und übernehmen mehr Verantwortung für die Verteidigung des Bündnisses. Im Zuge der laufenden Lastenneuverteilung (Burden Shifting) im Bündnis wurden massive Steigerungen der europäischen Verteidigungsausgaben vereinbart. Deutschland geht mit der Erhöhung des Verteidigungshaushaltes auf 124 Milliarden Euro im Jahr 2026 und dem vorzeitigen Erreichen des 3,5-Prozent-Ziels bis 2029 mit gutem Beispiel voran – und andere Partner folgen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte unterstrich bereits im Vorfeld des Gipfels: „Germany leads, and Germany delivers“ – „Deutschland führt, und Deutschland liefert“.
Wie ernst die Partner die Steigerung ihrer Verteidigungsinvestitionen nehmen, zeigte sich unter anderem auf dem gipfeleigenen Industrieforum, dem NATO Summit Defence Industry Forum (NSDIF). Während dort in den Vorjahren Regierungsexpertinnen und Industrievertreter unter sich blieben, nutzten Staats- und Regierungschefs sowie Minister und Ministerinnen das Forum nun selbst, um ihre jeweiligen Rüstungsindustrien vorzustellen und Beschaffungsverträge zu vereinbaren. Die Fülle an neuen Kooperationen, multinationalen Initiativen, gemeinsamen Ankündigungen und vereinbarten Rüstungsprojekten in Ankara untermauert das alliierte „stepping up“ – also das Aufstocken.
„Durch unsere Investitionen werden die von uns benötigten Fähigkeiten bereitgestellt sowie unsere industrielle Basis und Resilienz gestärkt. In Ankara kündigen wir heute neue Beschaffungen im Wert von mehr als 50 Milliarden US-Dollar an und bekennen uns dazu, unsere gemeinsamen Fertigungskapazitäten auszuweiten und mit der Industrie zugunsten schnellerer Innovationen zusammenzuarbeiten“, heißt es in der Gipfelerklärung.
Deutschland und die USA haben in Ankara erste Schritte zur Ausweitung der Produktion von AIM-120C-8-AMRAAM-Raketen in Europa vereinbart. Die Luft-Luft-Lenkflugkörper mittlerer Reichweite dienen der Bekämpfung von Flugzielen. Durch den Aufbau einer Rüstungskooperation zwischen deutschen und europäischen Firmen mit dem US-Rüstungskonzern Raytheon könnten die nationale, europäische wie auch weltweite Nachfrage nach diesen Lenkflugkörpern bedient und Lieferzeiten verkürzt werden.
Weiterhin wurde eine Absichtserklärung für eine europäische Instandsetzungseinrichtung für Patriot PAC-3-Flugabwehrraketen unterzeichnet. Dadurch sollen Wartung und Reparatur dieser Lenkflugkörper erheblich beschleunigt und ihre Verfügbarkeit gesteigert werden. Die Kooperation mit dem Unternehmen Lockheed Martin und anderen europäischen Firmen stärkt die transatlantische rüstungsindustrielle Basis und ermöglicht höhere Produktionszahlen.
Weitere Vereinbarungen betreffen unter anderem die Stärkung und den Ausbau der Zusammenarbeit in den Bereichen Weltraum sowie Maritime Sicherheit. So wurde eine Absichtserklärung im Bereich der Hybrid Alliance Layered Operations in Space – HALO – unterzeichnet. Genauer geht es um Optionen für eine gemeinsame, internationale Weltraumarchitektur. Die Vernetzung der Weltraumfähigkeiten in der Allianz hat eine sehr hohe Priorität. Eine gemeinsame Entwicklung und der gemeinsame Betrieb eines Netzwerks zum beschleunigten Austausch von Daten und gemeinsamen Transportfähigkeiten ist eine wichtige Fähigkeitserweiterung in der Allianz.
Im Bereich der „Crewed Airborne Early Warning“ – ein fliegendes Frühwarnsystem – wurde eine Absichtserklärung für eine Untersuchung möglicher gemeinsamer Beschaffungen und eines gemeinsamen Betriebs der Plattform unterzeichnet. Hierdurch wird die luftgestützte Überwachung und Führung als essentieller Pfeiler der Verteidigungsfähigkeit der europäischen NATO-Verbündeten durch die mögliche Nutzung von Synergien gestärkt.
Eine weitere Unterzeichnung betrifft die NATO Intelligence, Surveillance and Reconnaissance Force (NISRF), die die Beschaffung von bis zu fünf maritimen Aufklärungsdrohnen vom Typ Northrop-Grumman MQ-4C Triton vorsieht. Hierdurch wird die autonome Aufklärungsfähigkeit der NATO im maritimen Bereich ausgebaut.
Deutschland und die Niederlande werden zudem gemeinsam mit dem NATO Support Partnership Committe und den USA die europäischen Produktionsfähigkeiten für Stinger-Flugabwehrraketen aufbauen. Die Produktion einer der weltweit effektivsten Kurzstrecken-Flugabwehrraketen in Europa wird Lieferketten und Produktionskapazitäten stärken.
Das Memorandum of Understanding des fliegenden Verbandes der NATO „Multi Role Tanker Transport“ wurde um den Bündnispartner Schweden erweitert. Hier werden Luftbetankung, strategischer Truppentransport und Frachtkapazitäten vereint, eine wichtige Fähigkeit im Bündnis. Mit der Erweiterung werden die Lufttransport- und Luftbetankungskapazitäten ausgebaut.
Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein dänischer Amtskollege Jeppe Bruus Christensen vereinbarten in Ankara zudem, beim Einsatz der Seefernaufklärer vom Typ P-8A kooperieren zu wollen. Da sich beide Nationen für das Flugzeug entschieden haben, sei es nur konsequent, Anstrengungen zusammenführen, so Pistorius: „Unsere Kooperation wird sich zukünftig über die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur, Logistik und Ausbildung bis zum gemeinsamen operativen Einsatz der P-8A erstrecken.“
Auch mit Schweden möchte Pistorius gemeinsam Fähigkeiten im Luft- und Weltraum weiterentwickeln – beispielsweise im Bereich Sensorik oder in der Triebwerksentwicklung.
Last but not least ist Island in Ankara der Maritimen Sicherheitspartnerschaft beigetreten. Die Europäer und Kanada übernehmen deutlich mehr Verantwortung für die transatlantische Sicherheit. Dazu gehört auch die maritime Sicherheit im Nord-Atlantik, im Hohen Norden und der Arktis. Beim NATO-Gipfel 2024 haben Norwegen, Kanada und Deutschland deshalb die Maritime Sicherheitspartnerschaft gegründet. Seither wird der Kreis größer – 2025 mit Dänemark und nun auch mit Island. Mitten im Nord-Atlantik und in der so genannten GIUK Lücke gelegen, hat Island eine geostrategisch herausgehobene Lage: Das Nadelöhr zwischen der Arktis und dem Nordatlantik – für die NATO eine Schlüsselregion.
Die NATO-Nationen machten in Ankara außerdem unmissverständlich klar, dass sie weiter an der Seite der Ukraine stehen. In ihrer Gipfelerklärung widmen sie dem angegriffenen Land einen kompletten Absatz, in dem sie betonen: „Die Ukraine trägt zur transatlantischen Sicherheit bei, und wir als Verbündete sind geeint in unserer unerschütterlichen Unterstützung für die Ukraine bei der Verteidigung ihrer Freiheit, Souveränität und territorialen Unversehrtheit.“
Die europäischen Verbündeten und Kanada finanzieren mittlerweile den überwiegenden Teil der militärischen Hilfeleistungen für die Ukraine auf bilateralem und multilateralem Wege. In ihrer Erklärung unterstreichen die Verbündeten, dass diese Unterstützung gerecht, berechenbar und langfristig tragfähig sein müsse. Für das Jahr 2026 sagten sie der Ukraine weitere militärische Ausrüstung, Unterstützung und Ausbildung im Wert von 70 Milliarden Euro zu und bekräftigten, dieses Niveau auch im Jahr 2027 mindestens beizubehalten. Mit diesem von Deutschland initiierten Ukraine Pledge senden die Alliierten ein starkes Signal an Kyjiw – aber auch an Moskau.
Deutschland und die Ukraine haben in Ankara zudem eine Vereinbarung zur gemeinsamen Produktion von weitreichenden Drohnen, sogenannter Deep Strike Drohnen, gezeichnet. Gemäß der Vereinbarung werden ukrainische Drohnen künftig auch in Deutschland produziert und anschließend den ukrainischen Streitkräften zur Verfügung gestellt. Damit leistet Deutschland einen weiteren wichtigen Beitrag zur Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg.
In Ankara trafen die Verbündeten zukunftsweisende Entscheidungen zur Stärkung ihrer Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit. Diese stützten sich auf einen angemessenen Mix aus nuklearen und konventionellen Fähigkeiten sowie Fähigkeiten zur Raketenabwehr, ergänzt durch Kapazitäten im Weltraum- und Cyberbereich, waren sich die Partner einig. „Wir sind entschlossen, unseren Gefechtsvorteil aufrechtzuerhalten. Wir investieren in unsere Fähigkeit, unsere Streitkräfte zu verlegen, einzusetzen und durchhaltefähig zu unterstützen sowie unsere Fähigkeitsziele in allen Dimensionen zu erfüllen, auch in Bezug auf weitreichende Präzisionsschläge, die integrierte Flug- und Raketenabwehr, unbemannte Systeme, Spitzentechnologien und nachrichtendienstliche Fähigkeiten. Wir arbeiten an der Entwicklung einer interoperablen transatlantischen Cloud-Infrastruktur für militärische Operationen sowie dem Einsatz leistungsfähiger KI-Modelle“, bekräftigt die Gipfelerklärung von Ankara.
Am Rande des Gipfels führte Verteidigungsminister Boris Pistorius auch dieses Jahr zudem diverse bilaterale Gespräche. Neben Vertreterinnen und Vertretern der NATO-Mitgliedstaaten nahmen auch wieder Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Union und der Indo-Pazifik-Partner Australien, Japan, Südkorea und Neuseeland an dem Gipfeltreffen teil.
von Lara Finke
https://www.bmvg.de/de/aktuelles/nato-gipfel-2026-ankara-6114454