Pistorius würdigt Helmut Schmidt als Kanzler und großen Krisenmanager

23.6.2026 - Jörg Fleischer | Bundesministerium für Verteidigung

Boris Pistorius hat am 22. Juni 2026 in Berlin die fünfte Helmut Schmidt Lecture gehalten. Bei der Veranstaltung der Helmut-Schmidt-Stiftung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften würdigte er den früheren Verteidigungsminister und Bundeskanzler als einen Politiker, der Klartext gesprochen habe.

Der Kuratoriumsvorsitzende der Bundeskanzler Helmut Schmidt-Stiftung und ehemalige Bundesminister Peer Steinbrück sagte zur Einführung, Helmut Schmidt habe zu den bedeutendsten Staatsmännern des 20. Jahrhunderts gezählt. Klare Kante und Haltung – dafür habe Schmidt gestanden. Verteidigungsminister Boris Pistorius, der Redner des Abends, sei aus „einem ganz ähnlichen Holz geschnitzt“, so Steinbrück.

Ein politisches Vorbild

„Helmut Schmidt konnte Krise“, brachte es Pistorius auf den Punkt vor rund 250 Zuhörern, unter denen auch der frühere Verteidigungsminister Rudolf Scharping war. Pistorius bezeichnete Helmut Schmidt als ein politisches Vorbild. Schmidt habe unbequeme Entscheidungen nicht gescheut, so etwa in der Zeit des Kalten Krieges. Eines sei damals allerdings anders gewesen, so Pistorius. Die Verhältnisse seien seinerzeit klar gewesen. Schmidt habe zudem als Bundeskanzler gegen starke Widerstände den NATO-Doppelbeschluss durchgesetzt.

Auch zuvor als Verteidigungsminister habe er Weichen gestellt. Er habe die Bundeswehr reformiert und sich für das Leitbild der Inneren Führung stark gemacht. Dieses sei unvergessen und bis heute wirksam.

Politische Tugenden damals wie heute

Schmidt habe zu seinen Entscheidungen gestanden, auch wenn diese schwierig, umstritten und unpopulär gewesen seien. Pistorius bezeichnete dieses Handeln als eine politische Tugend, die damals wie heute hochgehalten werden müsse. Mit Blick auf die Gegenwart betonte Pistorius:

Wir erleben heute eine Welt, die in ihrer Unvorhersehbarkeit immer unvorhersehbarer wird.

Verteidigungsminister Boris Pistorius Bundeswehr/Norman Jankowski

Die Bedrohungen für Deutschlands Freiheit und Demokratie seien so groß wie lange nicht. „Wir müssen diese Demokratie schützen – und zwar stärker und resoluter als jemals zuvor“, betonte der Minister. Voraussetzung dafür sei, dass Deutschland seine eigene Verteidigungsfähigkeit ausbaue. „Ohne eigene militärische Stärke werden wir nicht erfolgreich abschrecken können“, so Pistorius. Er erinnerte damit zugleich an Helmut Schmidts konsequentes Festhalten an den Prinzipien Abschreckung und Dialog. Aktuell sei die Bundeswehr dafür finanziell auf ein starkes, tragfähiges Fundament gestellt worden, das auch langfristig stabil bleibe. „Bedrohungslage geht vor Kassenlage“, stellte der Minister einmal mehr heraus.

Jetzt schon an morgen denken

Anlässlich der fünften Helmut Schmidt Lecture unterstrich Pistorius, ihn beschäftige die Frage, wie heute dafür Sorge getragen werden könne, dass Kinder und Enkelkinder auch künftig in Frieden und Sicherheit leben könnten. „Nur wenn wir heute dafür sorgen, werden wir morgen auch in Sicherheit leben können“, bekräftigte der Minister. Nachdrücklich unterstrich er dabei, dass Sicherheit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. Deutschland sei ein freies Land, eine liberale Demokratie, die nichts mit autoritär regierten Ländern wie Russland gemein habe.

Vor diesem Hintergrund lenkte Pistorius den Blick auf die über Jahrzehnte gewachsene Stärke Deutschlands durch die Allianz. Als „Kind des Kalten Krieges“ blicke er zurück auf die Zeit, als die Bündnissolidarität der NATO-Partner der damaligen Bundesrepublik diesen Schutz gewährte und bis in seine Heimatstadt Osnabrück durch die Präsenz britischer Soldaten greifbar wurde. Dafür sei er zutiefst dankbar. Es erfülle ihn heute mit Stolz, wenn Deutschland nun seinen Verbündeten etwas für die Unterstützung von damals zurückgeben könne: so etwa durch die Sicherung der NATO-Ostflanke.

Vertrauen ist Voraussetzung für Sicherheitspolitik

Es sei das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, dass dauerhaft eine Brigade der Bundeswehr in einem anderen Land, in Litauen, stationiert werde.

Gerade an diesem Tag war Pistorius in Litauen bei der Gefechtsübung Freedom Shield 2026. Freedom Shield ist die erste große Übung der deutschen Panzerbrigade 45, des Kerns der Brigade Litauen der Bundeswehr. Dort habe er mit den deutschen Soldatinnen und Soldaten gesprochen. Sie hätten ihm berichtet, dass ihnen aus der litauischen Bevölkerung viel Vertrauen und Dank für ihren Dienst entgegengebracht werde.

Enge Partnerschaft mit Frankreich

In Erinnerung an Helmut Schmidt hob Pistorius hervor, der Staatsmann habe gewusst, dass Sicherheitspolitik vor allem vom gegenseitigen Vertrauen abhänge. Als Beispiel für eine besonders vertrauensvolle politische Beziehung hob der Minister Schmidts enges Zusammenwirken mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing hervor.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Auch wenn es in dieser langjährigen Partnerschaft gelegentlich Rückschläge gebe, so wie kürzlich beim Projekt „Future Combat Air System“ (FCAS), sei das jedoch kein Abgesang auf die deutsch-französische Rüstungskooperation. Es sei auch keinesfalls ein Misstrauensvotum gegen die deutsch-französische Freundschaft. Beide Partner arbeiteten in zahlreichen Bereichen weiterhin eng zusammen und identifizierten derzeit Projekte, in denen eine noch engere Kooperation realisierbar sei. Neue Absprachen könnten sich beim nahenden deutsch-französischen Ministerrat im Juli ergeben.

Im Geiste Helmut Schmidts zeigte sich der Minister überzeugt, dass die Herausforderungen gemeinsam gemeistert werden könnten. „Am Ende eint uns eine Überzeugung: Unsere Freiheit und unsere demokratischen Werte sind es, die es wert sind, dafür einzustehen“, so Pistorius.

An die Rede des Ministers schloss sich eine Podiumsdiskussion mit Pistorius und der Kommissarischen Co-Direktorin des Jacques Delors Centres, Thu Nguyen, an. Moderiert wurde die Debatte von der Chefredakteurin Digital der Funke Zentralredaktion, Melanie Amann.

Helmut Schmidt Lecture
Die Bundeskanzler Helmut Schmidt-Stiftung veranstaltet alljährlich die Helmut Schmidt Lecture. Die Stiftung erinnert seit 2021 mit dieser Veranstaltung an ihren prominenten Namensgeber und lädt dafür jeweils einen aktuellen Redner ein – so 2026 Verteidigungsminister Boris Pistorius. Im Mittelpunkt der Helmut Schmidt Lecture stehen gesellschaftliche und politische Themen, die Schmidts Wirken prägten und bis heute nicht an Aktualität verloren haben. Die Veranstaltungsreihe bringt internationale Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen und schafft Raum für Debatten über Demokratie, Menschenrechte, Globalisierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

von Jörg Fleischer


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