| Datum | 13.10.2026 |
| Subjekt | BUNDESWEHR |
| Region | Německo |
| Kategorie | Vojenský průmysl, Bezpečnost |
Mit 64 Jahren könnte Oberstabsbootsmann der Reserve Christian B. seinen Ruhestand genießen. Stattdessen steht er noch einmal auf der Brücke der Fregatte „Brandenburg“. Für ihn ist die Reserve weit mehr als ein Dienst – sie ist Ausdruck einer tiefen Verbundenheit zur Marine und einer Verwendungsreihe, die zu den traditionsreichsten der Seestreitkräfte zählt.
Die Brücke der Fregatte „Brandenburg“ ist für Oberstabsbootsmann der Reserve Christian B. ein vertrauter Arbeitsplatz. Obwohl der 64-Jährige seit Juni im Ruhestand ist, trägt er erneut Marineuniform. Für seine 19. Reservistendienstleistung ist er kurzfristig als Signalmeister an Bord gekommen. Der Grund: Der hauptamtliche Stelleninhaber ist krankheitsbedingt ausgefallen. Für Christian B. ist es eine willkommene Gelegenheit, seine Erfahrung noch einmal dort einzusetzen, wo sie gebraucht wird.
„Ich hatte bei keiner einzigen Reservistendienstleistung das Gefühl, dass ich meine Zeit absitze“, sagt Christian B. „Im Gegenteil: Ich hatte immer das Gefühl, wirklich helfen zu können.“ Dieses Gefühl begleitet ihn seit seiner Rückkehr in die Reserve im Jahr 2000. Nach zwölf Jahren aktiver Dienstzeit bei der Marine und einer anschließenden zivilen Laufbahn als Erzieher und Leiter einer Jugendwohngruppe blieb seine Verbindung zur Seefahrt bestehen.
1979 trat Oberstabsbootsmann Christian B. als 17-Jähriger in die Marine ein. Zunächst fuhr er auf einem schnellen Minensuchboot in Flensburg, später auf Zerstörern, Fregatten und Tendern. Zu seinen Stationen gehörten unter anderem die Fregatten „Köln“, „Karlsruhe“ und „Emden“ sowie der Zerstörer „Schleswig-Holstein“. Seine aktive Dienstzeit endete 1991. Anschließend schlug Christian B. einen zivilen Weg ein und absolvierte über den Berufsförderungsdienst eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher. In Köln arbeitete er anschließend als Pädagoge in der Jugendhilfe und leitete 28 Jahre lang eine Wohngruppe. Insgesamt war er dreieinhalb Jahrzehnte für die Caritas Jugendhilfe tätig.
Die Marine blieb trotzdem Teil seines Lebens. Ab dem Jahr 2000 wurde er als Reservist beordert - also fest eingeplant - und kehrte regelmäßig an Bord zurück. Er fuhr auf Fregatten der Brandenburg - und Sachsen-Klasse sowie auf Einsatzgruppenversorgern. Rund 60.000 Seemeilen sind bei ihm nachvollziehbar dokumentiert. Tatsächlich dürften es deutlich mehr als 100.000 sein.
Heute steht Christian B. wieder als Signalmeister auf der Brücke der „Brandenburg“. Seine Aufgabe ist es, die Schiffsführung über Befehle und Meldungen des Verbandes auf dem Laufenden zu halten. Genutzt werden verschiedene Kommunikationswege - vom Sprechfunk über das Flaggensignalverfahren bis zur optischen Übermittlung mit der Morselampe. Dabei gilt für ihn ein klares Prinzip: „Das oberste Gebot lautet: zuverlässig, sicher und erst dann schnell.“ Eine Nachricht muss zunächst korrekt und sicher übermittelt werden. Erst danach kommt es auf Geschwindigkeit an.
Der Signalmeister bewegt sich dafür zwischen Brücke und Operationszentrale. Je nach Situation unterstützt er die Schiffsführung direkt und sorgt dafür, dass Signale richtig verstanden, umgesetzt und weitergegeben werden. Auch bei besonderen Manövern oder im Gefecht ist seine Fachkenntnis gefragt. Auf einer Fregatte der Brandenburg-Klasse waren dafür ursprünglich fünf Signallaufbahnangehörige vorgesehen. So konnte jede Wache ausreichend Personal stellen. Heute ist die personelle Situation eine andere. Auf der aktuellen Fahrt ist Christian B. der einzige Signalmeister an Bord.
Trotz moderner Kommunikation gehören traditionelle Verfahren weiterhin zum Handwerk des Signaldienstes. Christian B. beherrscht die Fähigkeiten, die er bereits in den 1980er Jahren gelernt hat: Morsen, Winksignale und die Kommunikation mit Signalflaggen.
Gerade das Weitergeben dieses Wissens macht ihm Freude. Immer wieder kommen jüngere Besatzungsmitglieder oder Offizieranwärter zu ihm und möchten wissen, wie das Morsealphabet funktioniert oder wie ein Flaggensignal gesetzt wird. Auch bei repräsentativen Anlässen ist der Signaldienst gefragt. Beim Einlaufen in Warnemünde zeigt sich die „Brandenburg“ mit Flaggenschmuck über die Toppen. 98 Signalflaggen werden dafür gesetzt. Für Christian B. gehört auch das zu seinem Handwerk.
Seine langjährige Arbeit in der Jugendhilfe hat Christian B. dabei geprägt. Als Erzieher lernte er, Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten zu verstehen und auf ihre jeweiligen Bedürfnisse einzugehen. Diese Erfahrung nimmt er bis heute mit an Bord. Seine Grundhaltung: Erst einmal schauen, was gut gelaufen ist. Kritik sollte sich auf eine Sache beziehen und nicht den Menschen persönlich treffen. „Man sollte Menschen eher loben als kritisieren“, sagt Christian B. Auch bei der Ausbildung junger Soldatinnen und Soldaten kommt ihm diese Erfahrung zugute. Während seiner aktiven Dienstzeit war er unter anderem als Truppenfachlehrer und Hörsaalleiter tätig. Dabei erlebte er Wehrpflichtige aus ganz unterschiedlichen sozialen und persönlichen Verhältnissen.
Die Aufgabe bestand für ihn darin, aus dieser unterschiedlichen Gruppe eine Gemeinschaft zu formen. Alle sollten am Ende dasselbe können und lernen, auf Augenhöhe miteinander umzugehen. Diese Erfahrungen haben seinen Blick auf Menschen nachhaltig geprägt.
Was Christian B. bis heute an der Marine fasziniert, ist vor allem die Seefahrt selbst. Die besonderen Bedingungen an Bord, die räumliche Enge und die Notwendigkeit, als Besatzung auch unter schwierigen Bedingungen zusammenzuarbeiten, machen für ihn den besonderen Reiz aus.
Dazu kommen die Erlebnisse, die über Jahrzehnte im Gedächtnis bleiben: Hafenaufenthalte in New York, London oder französischen Häfen gehören für ihn ebenso dazu wie gemeinsame Veranstaltungen an Bord. Ein sogenannter Sundowner, bei dem sich die Besatzung vor Sonnenuntergang zu einem gemeinsamen Abend zusammenfindet, ist für Christian B. eine dieser besonderen Erinnerungen. Gleichzeitig hat sich die Seefahrt verändert. Während Auslandsfahrten früher häufig stärker auf Ausbildung und das Kennenlernen anderer Länder ausgerichtet waren, haben viele Fahrten heute einen unmittelbaren Einsatzbezug. Für Christian B. hat das den Charakter der Marine verändert – die Faszination der See ist jedoch geblieben.
Eigentlich ist seine Zeit als Reservist fast vorbei. Am 1. Juni ist Christian B. in den Ruhestand gegangen. Nur 87 Tage später begann seine Reservedienstleistung auf der „Brandenburg“. Als er noch einmal gefragt wurde, musste er nicht lange überlegen. „Die Einsatzflottille fragte: Reichen Ihnen sieben Tage im Ruhestand?“, erzählt er. Seine Antwort: „Ja.“ Gemeinsam mit seiner Frau stimmte er die Rückkehr an Bord ab. Sie kennt seine Verbundenheit zur Marine und gab ihm freie Fahrt: „Alles, was du jetzt mit der Marine machst, tust du zum letzten Mal. Genieß es“, gab sie ihm mit auf den Weg.
Im November wird Christian B. 65 Jahre alt. Dann endet seine Laufbahn als Reservist. Wenn es nach ihm ginge, wäre allerdings noch nicht Schluss. „Wenn der Gesetzgeber es zulassen würde, würde ich sicherlich noch ein oder zwei Jahre weitermachen“, sagt er. Vielleicht gibt es sogar noch eine letzte große Fahrt. Für Oktober ist eine weitere Reise der „Brandenburg“ Richtung England geplant, mit einem Aufenthalt in London. Christian B. hofft, noch einmal dabei sein zu können. Es könnten seine letzten Seemeilen als Reservist werden.
Besonders wichtig ist Christian B. die Zukunft der Signallaufbahn. Sie zählt zu den ältesten Verwendungsreihen der Seefahrt und hat für ihn auch im Zeitalter moderner Kommunikationssysteme nichts von ihrer Bedeutung verloren. Er wünscht sich, dass die Verwendungsreihe wieder den Stellenwert bekommt, den sie seiner Ansicht nach verdient. Denn für ihn bietet sie weit mehr als die Arbeit an technischen Systemen: Sie verbindet Kommunikation, Fachwissen, Handarbeit und Seefahrt. Auch deshalb würde er jungen Menschen empfehlen, sich für einen Dienst bei der Marine zu interessieren – und erfahrenen Soldatinnen und Soldaten rät er, ihre Fähigkeiten in der Reserve weiterzugeben.
Was von seiner eigenen Zeit bei der Marine bleibt, ist für Christian B. vor allem Dankbarkeit. Für die Menschen, die er kennengelernt hat. Für die vielen Seemeilen. Für die Möglichkeit, sein Wissen weiterzugeben. Und für die Chance, noch einmal dort zu stehen, wo er sich seit Jahrzehnten zu Hause fühlt. „Wenn in einem noch ein blaues Herz schlägt“, sagt Christian B., „dann lässt einen die Seefahrt nie ganz los.“