| Datum | 8.10.2026 |
| Subjekt | Universität Hildesheim |
| Region | Německo |
| Kategorie | Školství, Univerzity, Věda a výzkum |
Das Thema sexualisierter Gewalt oder auch genereller Gewalterfahrungen in pädagogischen Einrichtungen rückt zunehmend in die öffentliche Aufmerksamkeit. Teil dessen sind bildungshistorische Zusammenhänge – vor allem im Hinblick auf die Aufarbeitung von Gewalterfahrungen. Allerdings: Die Perspektive der Betroffenen zeigt, dass Aufarbeitungsprozesse grundsätzlich unabgeschlossen bleiben. Teilnehmende aus ganz Deutschland beschäftigen sich in dieser Woche an der Universität Hildesheim mit Fragen rund um diesen Themenkomplex. Die Tagung erweitert den zeitlichen und regionalen Fokus der historischen Forschung zu (sexualisierter) Gewalt. Zugleich sollen (bildungs-)historische Perspektiven gegenüber der bisherigen Aufarbeitungsforschung weiter vertieft werden.
Im Rahmen des ersten Zusammenkommens der rund 80 Teilnehmenden rief Prof. Dr. Esther Berner, Vorsitzende der Kommission Historische Bildungsforschung, zur kritischen Auseinandersetzung der Erziehungswissenschaft mit dem langen Schweigen der Forschungsdisziplin gegenüber sexualisierter Gewalt auf. „Vergangenes ist nicht vergangen, sondern hat Auswirkungen bis hinein in die Gegenwart,“ sagte Berner. Die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Prof. Dr. Julia Gebrande, erklärte in ihrem Eröffnungsstatement, der Kern der Aufarbeitung sei die Zusammenarbeit mit Betroffenen: „Ohne Betroffenenperspektive ist Aufarbeitung nicht denkbar. Sie sollen ihre eigene Geschichte erzählen können, so wie es ihnen wichtig ist.“ Zudem betonte Gebrande, das Thema sexualisierter Gewalt und Missbrauchs sei noch immer nicht verpflichtend genug in der Ausbildung aller pädagogischen Fachkräfte verankert: „Es ist nach wie vor notwendig das Thema auf die Tagesordnung zu setzen, auch und vor allem vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen.“
Für die Perspektive der Betroffenen sprachen zum Auftakt der Tagung Julius Wolf und Katharina Kracht. Kracht hob hervor: „Jede sechste bis siebte heute erwachsene Person hat in der Kindheit sexuellen Missbrauch oder Gewalt erlebt. Aber dies ist lediglich ein Aspekt der Person.“ Die Forschung sei bei Gesprächen und Aufarbeitungsprozessen in der Pflicht, Betroffene als „ganze Menschen“ zu sehen und nicht auf die Missbrauchserfahrungen zu reduzieren. Teil der Aufarbeitung müsse auch sein, Betroffene, die sich beteiligen in ihrer Auseinandersetzung mit dem Erlebten zu unterstützen und Hilfsangebote zu schaffen, betonte Wolf. „Die Frage ist oft noch Wo stehen wir anstatt Was bedeutet das für die Praxis. Wir müssen aus der Historie lernen, um weiterzugehen.“
Für die verbleibenden Veranstaltungstage stehen verschiedene Panels auf dem Programm. Dazu gehört das Thema Gewalt in pädagogischen Institutionen, wobei verschiedene Institutionen wie Heime oder Familien in den Blick genommen werden. Zudem sprechen die Tagungsteilnehmer*innen über intersektionale und interinstitutionelle Perspektiven auf (sexualisierte) Gewalt, die Aufarbeitung in Institutionen und stellen die Frage nach einer Hierarchisierung von Gewaltformen. Zum Abschluss sollen die Diskussionen aus der Betroffenenperspektive eingeordnet und Forderungen an die Disziplin Erziehungswissenschaft gesammelt werden.
„Es ist wichtig, über das Thema zu sprechen, aber es ist auch enorm wichtig, zuzuhören. An dem ersten Tag der Tagung sind wir bereits sehr produktiv aus den verschiedenen Perspektiven in den Austausch gekommen,“ erzählt Prof. Dr. Meike Baader, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Organisatorin der Tagung. „Dazu haben die Sichtweisen der Betroffenen enorm beigetragen. Ich hoffe, dass durch die Tagung auch sichtbar wird, dass (sexualisierte) Gewalt in pädagogischen Kontexten ein wachsendes Forschungsfeld ist, in dem sich Wissenschaftler*innen qualifizieren. Diese Themen müssen anerkannt und nicht als randständig behandelt werden. Dazu gehört auch der Austausch über Zugänge und Methoden. Und schließlich hoffe ich auf Erkenntnisse, wie verschiedene Gewaltformen in pädagogischen Kontexten ineinandergreifen“.
Die internationale Tagung zu (sexualisierter) Gewalt in pädagogischen Kontexten wird an drei Tagen von der Universität Hildesheim und der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft durchgeführt.