Zwischen Fachkräftemangel und Zukunftsperspektiven

14.8.2026 - Catherina Hinz | Welthungerhilfe

Wie attraktiv ist Deutschland für Bildungs- und Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Afrika?

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

ENGLISH VERSION

Im Fokus der öffentlichen Migrationsdebatte steht meist die irreguläre Zuwanderung. Diese Wahrnehmung verstellt jedoch den Blick auf eine Entwicklung, die für die Zukunft des deutschen Arbeitsmarktes von erheblicher Bedeutung ist: die wachsende reguläre Arbeits- und Bildungsmigration vom afrikanischen Kontinent. Während politische Diskussionen sich oft auf Abwehr und Rückführung konzentrieren, vollzieht sich abseits der Schlagzeilen ein Wandel, der sowohl für Deutschland als auch für die Herkunftsländer Chancen birgt, wenn er vorausschauend gestaltet wird.

Fachkräftemangel hier …

Deutschland ist heute stark auf Arbeitskräfte aus dem nicht-europäischen Ausland angewiesen. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer gehen allmählich in Rente, und die Gesellschaft altert. Das belastet die Sozialsysteme und führt zu einem Mangel an Fachkräften. Um den bestehenden sowie künftigen Bedarf zu decken, wird die Zuwanderung aus EU-Ländern allein nicht reichen, denn gerade in Ost-, Mittel- und Südeuropa sind die Geburtenziffern besonders niedrig und die Bevölkerungen altern teilweise noch stärker als in Deutschland. Umso wichtiger ist es, Fachkräfte aus Drittstaaten außerhalb der EU anzuwerben. Langfristig können diese Personen nur von Kontinenten wie Afrika oder Asien kommen, wo die Zahl der Erwerbsfähigen noch steigt. Nach einer aktuellen Analyse des US-amerikanischen Population Reference Bureau wird der Anteil Afrikas an der globalen Erwerbsbevölkerung im Laufe unseres Jahrhunderts von derzeit 14 auf 40 Prozent ansteigen.

… mangelnde Perspektiven dort

Der afrikanische Kontinent ist heute eine der Weltregionen, in der die Bevölkerung stark wächst. Das bedeutet auch einen enormen Zuwachs an jungen Menschen im arbeitsfähigen Alter. Diese Jugendgeneration birgt ein großes Potenzial für die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents, doch sie stellt Regierungen auch vor Herausforderungen: Viele Länder haben mit großer Armut und hohen Arbeitslosenzahlen zu kämpfen. In den nächsten 30 Jahren wird sich die Zahl der erwerbsfähigen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent vermutlich fast verdoppeln. Eine aktuelle Umfrage des UN-Bevölkerungsfonds UNFPA zeigt, dass mehr als die Hälfte der jungen Menschen in afrikanischen Ländern optimistisch in die Zukunft blicken. Zugleich nennen jedoch drei Viertel der Befragten wirtschaftliche Unsicherheit als große Sorge.

Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) müssen bis 2030 jährlich rund 15 Millionen neue Arbeitsplätze in Subsahara-Afrika geschaffen werden, um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten. Es ist nicht absehbar, dass dieses Ziel in der näheren Zukunft erreicht wird. Daher erwägen jetzt schon viele Afrikanerinnen und Afrikaner – vor allem junge Menschen – ins Ausland zu emigrieren, um dort Arbeit zu finden. Die Mehrheit der Migrantinnen und Migranten aus afrikanischen Ländern bewegt sich weiterhin innerhalb des Kontinents. Jenseits des Kontinents sind Nordamerika (USA und Kanada) und Europa die attraktivsten Ziele für Arbeits- und Bildungsmigration. Eine Umfrage von Afrobarometer unter 18- bis 24-Jährigen in 16 afrikanischen Ländern zeigte 2024, dass die beliebtesten Ziele in Europa Frankreich und Großbritannien sind, Deutschland kam hier nur auf Platz drei.

Wenn alle Seiten durch Migration gewinnen

Migration ist niemals nur eine Einbahnstraße. Im besten Fall profitieren alle Beteiligten gleichermaßen: diejenigen, die sich auf den Weg machen wie auch ihre Herkunfts- und Zielländer. Zielländer wie Deutschland gewinnen dringend benötigte Fach- und Arbeitskräfte zur Sicherung des Wohlstands im Lande. In den Herkunftsländern kann es angespannte Arbeitsmärkte entlasten und jungen Menschen Perspektiven bieten und zusätzliche Bildungsmöglichkeiten schaffen. Kritiker verweisen auf den sogenannten „Brain Drain“ gerade im Gesundheitsbereich – den Verlust gut ausgebildeter Menschen, deren Qualifikationen im Heimatland dringend benötigt würden. Diese Sorge ist berechtigt und darf nicht ignoriert werden. Doch die Gleichung ist komplexer: Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten an ihre Familien in den Herkunftsländern übertreffen heute das Volumen der offiziellen Entwicklungshilfe um ein Vielfaches. Studien zeigen, dass diese Gelder – sofern die Rahmenbedingungen im Empfängerland gegeben sind – positiv zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Darüber hinaus entstehen durch Migration neue Netzwerke: Diaspora-Gemeinschaften investieren in ihren Herkunftsländern, bringen erworbene Erfahrungen und Kompetenzen mit zurück und werden so zu Brückenbauern zwischen den Regionen.

Die Rolle bilateraler Migrationsabkommen

Wenn sowohl Herkunfts- als auch Zielländer von Arbeitsmigration profitieren können, liegt die Frage nahe, warum nicht systematischer auf zwischenstaatliche Vereinbarungen gesetzt wird. Deutschland hat seine Zusammenarbeit mit mehreren afrikanischen Staaten in Sachen Migration bereits ausgebaut: Mit Kenia besteht ein Migrations- und Mobilitätsabkommen, mit Marokko eine Migrationspartnerschaft, während mit Ghana und Nigeria die Kooperation bei Fachkräftegewinnung, Qualifizierung und regulären Migrationswegen kontinuierlich vertieft wird. Diese Abkommen sollen mehr Arbeitsvisa für qualifizierte Fachkräfte ermöglichen und gleichzeitig Fragen der Rückkehr und Reintegration regeln.

So sprach sich Außenminister Johann Wadephul jüngst bei seiner Afrikareise unter anderem nach Nigeria für flexiblere Visaverfahren aus. Aus afrikanischer Perspektive stehen dabei nicht Grenzkontrollen und Rückführungen im Vordergrund, sondern Migration als Teil ihrer staatlichen Entwicklungsstrategie – insbesondere mit Blick auf Diaspora-Engagement und Rücküberweisungen. Eine erfolgreiche Kooperation muss diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenführen. Bilaterale Abkommen bieten darüber hinaus die Chance, Arbeitsschutz und faire Löhne verbindlich zu verankern. Die Erfahrungen der Philippinen, die eine eigene Behörde zum Schutz ihrer Auslandsarbeiterinnen und -arbeiter geschaffen haben, könnten hier als Vorbild dienen.

Reguläre Migration gewinnt an Bedeutung

Im Jahr 2023 kamen knapp fünf Prozent aller neuen Migrant:innen in Deutschland aus Afrika. Hier zeichnet sich gerade eine Trendwende ab: Wie aus einem aktuellen Diskussionspapier des Projektes „Megatrends Afrika“ der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem German Institute of Development and Sustainability (IDOS) und dem Kiel Institut für Weltwirtschaft hervorgeht, ist die Zahl der Menschen aus afrikanischen Ländern, die zur Arbeitsaufnahme, Ausbildung oder zum Studium nach Deutschland kommen, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Zwischen 2019 und 2025 hat sich die Zahl der Visumanträge für Erwerbstätigkeit, die von deutschen Botschaften in afrikanischen Ländern bearbeitet wurden, nahezu vervierfacht – von rund 7.860 auf 29.415. Besonders auffällig sei der Anstieg bei Visa für berufliche Ausbildung und Weiterbildung: von 1.318 im Jahr 2019 auf 7.531 im Jahr 2025.(1) Hierin steckt ein Potenzial, das Deutschland noch kaum ausschöpft.

"Das Problem heutzutage ist, dass Studienabsolventen in Tansania nach ihrem Studium keine Perspektive haben – es gibt nicht genügend Arbeitsplätze. Wenn wir aber Wege schaffen, damit sie Chancen auch im Ausland wahrnehmen können, könnten wir ihr ganzes Potenzial nutzen – davon profitieren alle Beteiligten.

Innocent, 28, Tansania

Die Perspektive junger Afrikanerinnen und Afrikaner

Dies zeigen auch Interviews mit Fachkräften und Studierenden aus afrikanischen Ländern, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung im Rahmen einer Studie im Jahr 2025 durchgeführt hat, um herauszufinden, wie junge Menschen aus verschiedenen afrikanischen Ländern Deutschland als Ziel für Bildungs- und Arbeitsmigration wahrnehmen. Deutschland genießt demnach insgesamt ein positives Image als verlässliches, gut organisiertes Land mit attraktiven Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Insbesondere das duale Ausbildungssystem wird als attraktiv wahrgenommen – ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen europäischen Zielländern.

Gleichzeitig offenbart die Studie erhebliche Hindernisse, die das Potenzial dieser Migration bremsen. An erster Stelle stehen bürokratische Hürden: langwierige Visaverfahren, komplizierte Anerkennungsprozesse für ausländische Qualifikationen und eine Behördenlandschaft, die für Außenstehende oft undurchschaubar wirkt. Die Ablehnungsquoten für Visumanträge aus afrikanischen Ländern liegen deutlich höher als für Antragstellende aus anderen Weltregionen – ein Umstand, der Fragen nach den Kriterien und der Fairness dieser Verfahren aufwerfe.

Hinzu kommt eine als mangelhaft empfundene Willkommenskultur. Sprachbarrieren, fehlende Unterstützungsstrukturen bei der Ankunft und Alltagsrassismus werden von den Befragten als abschreckende Faktoren genannt. Während Länder wie Kanada oder Großbritannien aktiv um qualifizierte Migrantinnen und Migranten werben, nehme Deutschland diese Rolle bislang nur zögerlich ein.

Ich sehe Deutschland als eines der aufkommenden Ziele für Afrikaner:innen. Angesichts der weltweiten Entwicklungen – in den USA und auch in anderen Ländern – sollte Deutschland nicht untätig bleiben. Es ist eine Chance, so viele Fachkräfte wie möglich ins Land zu holen.

Edward, 30, Sambia

Um das Potenzial, dass sich für Deutschland durch Bildungs- und Arbeitsmigration aus afrikanischen Ländern erschließt, auszuschöpfen und weiteren Migrationsabkommen den Weg zu bereiten, sollte die Bundesregierung vor allem drei Bereiche stärker in den Blick nehmen:

Werbung in eigener Sache – Sprachförderung und Austauschprogramme

Deutschland sollte sich in afrikanischen Ländern noch strategischer als attraktives Zielland für Bildungs- und Arbeitsmigration vermarkten, insbesondere über offizielle Kanäle der deutschen Regierung oder der Wirtschaft. Um schon frühzeitig das Interesse an Deutschland zu wecken und auch um Sprachbarrieren abzubauen, sollte Deutschland mehr Angebote für Kinder und Jugendliche in afrikanischen Ländern schaffen, damit diese die deutsche Sprache lernen können, u.a. in staatlichen Schulen oder Universitäten sowie zu erschwinglichen Preisen an deutschen Institutionen wie dem Goethe-Institut. Über neue Partnerschaften zwischen Schulen, Universitäten, Ausbildungseinrichtungen, Berufsverbänden und Handelskammern in Deutschland und afrikanischen Ländern sollten mehr Austauschprogramme und Stipendien für Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Studierende aus afrikanischen Ländern gegründet und gefördert werden.

Visaverfahren vereinfachen und Berufserfahrung anerkennen

Die Antragsverfahren für Visa zur Bildungs- und Arbeitsmigration, sowie deren Warte- und Bearbeitungszeiten, müssen für Antragstellende vereinfacht und reduziert werden. Ebenso sollten die Kosten für Visumsanträge und die offizielle Prüfung ausländischer Qualifikationen gesenkt werden, damit diese für Bewerberinnen und Bewerber in Afrika auch bezahlbar sind.

Willkommenskultur fördern und Integration mehrdimensional denken

Deutschland sollte eine stärkere Willkommenskultur für Migrantinnen und Migranten in Behörden fördern: von den deutschen Botschaften und Konsulaten in Afrika bis hin zu den Migrations- und Bürgerämtern in Deutschland. Die deutsche Gesellschaft sollte stärker dafür sensibilisiert werden, dass Deutschland auf Arbeitsmigration aus dem nicht-europäischen Ausland angewiesen ist, um die Wirtschaftskraft und den Wohlstand des Landes zu sichern. Ausländerfeindlichkeit und Rassismus führen schon jetzt dazu, dass betroffene qualifizierte Fachkräfte sich langfristig nicht in Deutschland wohlfühlen und das Land wieder verlassen. Diesem Trend sollte unbedingt entgegengewirkt werden.

Die Integration von Arbeitsmigrantinnen und Migranten aus Afrika sollte nicht nur einseitig gedacht werden. Die deutsche Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sollten Zugewanderten auch ein Stück entgegenkommen, sich bemühen, die jeweiligen Kulturen besser zu verstehen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Dazu zählt auch, einfachere Visaverfahren für Familienbesuche und -nachzug zu schaffen.



https://www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/entwicklungspolitik-agenda-2030/wie-sehen-afrikanische-arbeitsmigranten-deutschland