Sprachfit zum Schuleintritt

5.8.2026 - Anne Schützenberger | Universitätsklinikum Erlangen

Einschulung: Zwei Logopädinnen geben Tipps für einen entspannten Start in die Schule.

In Bayern sind die Sommerferien in vollem Gange – und für viele Vorschulkinder rückt damit der erste Schultag in greifbare Nähe. Die Vorfreude ist groß, in manchen Familien kommen aber auch Fragen und Unsicherheiten auf: Ist unser Kind sprachlich gut auf den Schuleintritt vorbereitet? Muss es schon Buchstaben kennen oder gar erste Wörter lesen können? Und was sollten wir bis zum Schulstart noch tun, um unsere Tochter oder unseren Sohn sprachlich bestmöglich zu unterstützen? Antworten geben die Logopädinnen Susanne Dietz und Andrea Endle aus der Fachabteilung Phoniatrie und Pädaudiologie in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik – Kopf- und Halschirurgie des Uniklinikums Erlangen. Beide bringen nicht nur langjährige therapeutische Erfahrung in der Arbeit mit Kindern mit, sondern auch ganz persönliche: Als Mehrfachmamas mit eigenen Schulkindern wissen sie sowohl aus ihrem Berufsalltag als auch aus dem Familienleben, worauf es beim Übertritt vom Kindergarten in die Schule ankommt.

Frau Dietz und Frau Endle, warum ist die Sprache für einen gelungenen Schulstart so wichtig?

Susanne Dietz: Sprache ist eine wichtige Grundlage für erfolgreiches Lernen. Kinder müssen Anweisungen verstehen, Fragen stellen, Erlebtes erzählen und mit anderen ins Gespräch kommen können. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Wörter sie kennen. Sie sollten auch Zusammenhänge erfassen, Sätze verstehen und bilden sowie aufmerksam zuhören können. Diese Fähigkeiten helfen ihnen dabei, dem Unterricht zu folgen und aktiv teilzunehmen.

Andrea Endle: Ein altersgerechter Sprachstand erleichtert den Einstieg ins Lesen und Schreiben. Aber er hilft dem Kind auch dabei, sich in der Klassengemeinschaft gut zurechtzufinden. Das kann dazu beitragen, dass sich das Kind wohlfühlt und später gern in die Schule geht.

Sie begleiten Kinder beruflich – und erleben den Schulstart auch als Mütter. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?

Andrea Endle: Als Mutter weiß ich, wie aufregend die Zeit vor der Einschulung für die ganze Familie ist. Viele Eltern fragen sich, ob ihr Kind „schon genug kann“. Dabei geht es viel weniger um perfektes Wissen als um Neugier, Selbstvertrauen und Freude an Sprache.

Susanne Dietz: Das erlebe ich bei meinen eigenen Kindern genauso. Auch als Eltern muss man sich manchmal bewusst machen, dass gemeinsame Gespräche, Vorlesen und echtes Interesse an dem, was Kinder beschäftigt, oft viel wertvoller sind als zusätzliches Üben. 

Welche sprachlichen Fähigkeiten sollten Kinder bei der Einschulung idealerweise mitbringen?

Andrea Endle: Neben den schon genannten Fähigkeiten sollten sich die Kinder verständlich ausdrücken und die meisten Laute der deutschen Sprache korrekt bilden können. Wichtig ist auch, dass sie in der Lage sind, Erlebnisse in einer nachvollziehbaren Reihenfolge zu erzählen und dabei überwiegend altersgerechte grammatische Strukturen zu verwenden.

Susanne Dietz: Ein weiterer wichtiger Baustein ist die sogenannte phonologische Bewusstheit. Dazu gehört zum Beispiel, Reime zu erkennen, Wörter in Silben zu gliedern oder den Anfangslaut eines Wortes herauszuhören. Diese Fähigkeiten erleichtern später den Einstieg ins Lesen und Schreiben.

Was können Eltern in den Sommerferien noch tun, um ihr Kind sprachlich zu unterstützen?

Susanne Dietz:Kinder entwickeln ihre sprachlichen Fähigkeiten vor allem im Alltag – überall dort, wo sie aktiv einbezogen werden und sich mitteilen dürfen. Die Sommerferien bieten viele schöne Gelegenheiten, Sprache ganz nebenbei zu fördern. Ob beim Eisessen, auf Ausflügen oder im Urlaub – sprechen Sie miteinander, erzählen Sie sich von Ihren Erlebnissen und lassen Sie Ihr Kind möglichst viel selbst berichten. Auch gemeinsames Vorlesen oder das Anschauen von Bilderbüchern unterstützt die Sprachentwicklung auf ganz natürliche Weise. 

Andrea Endle: Auch kleine Sprachspiele machen Spaß und fördern Vorläuferfähigkeiten für das Lesen und Schreiben. Gemeinsam Reime finden, Silben klatschen oder Wörter mit demselben Anfangslaut nennen lassen können unkompliziert in den Alltag integriert werden. Entscheidend ist, dass die Übungen spielerisch bleiben.

Sollten Eltern vor der Einschulung gezielt Lesen oder Schreiben üben?

Andrea Endle: Nein. Viel wichtiger als das Auswendiglernen von Buchstaben ist eine stabile sprachliche Grundlage. Kinder profitieren deutlich mehr davon, wenn sie im Alltag neugierig mit Sprache umgehen. Das Lesen- und Schreibenlernen baut die Schule Schritt für Schritt darauf auf.

Susanne Dietz: Entscheidend ist auch, keinen Leistungsdruck aufzubauen und das Kind nicht mit anderen zu vergleichen. Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. 

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind möglicherweise zusätzliche Unterstützung benötigt?

Susanne Dietz: Wenn ein Kind im Vorschuljahr noch sehr schwer verständlich spricht, viele Laute ersetzt oder weglässt oder deutliche Schwierigkeiten hat, Sätze zu bilden und Gesagtes zu verstehen, sollte das fachlich abgeklärt werden.

Andrea Endle: Auch wenn Kinder Probleme haben, Reime zu erkennen oder Silben zu unterscheiden, kann eine Beratung sinnvoll sein. Je früher Sprachauffälligkeiten erkannt und behandelt werden, desto besser können Kinder beim Schulstart unterstützt werden.

Welche Botschaft möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben?

Andrea Endle: Genießen Sie die gemeinsame Zeit vor dem Schulstart. Die Sommerferien sind eine besondere Phase, in der Kinder viele neue Erfahrungen sammeln – und genau darüber entstehen die schönsten Gespräche.

Susanne Dietz: Eltern müssen ihr Kind nicht ständig gezielt fördern. Viel wertvoller ist oft, echtes Interesse zu zeigen und ihm mit Vertrauen den Rücken zu stärken.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Anne Schützenberger
09131 85-32782
phoni-sekretariat(at)uk-erlangen.de 

 

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