Als Lehramtsstudent*in Sporteinheiten für junge männliche Inhaftierte im Offenen Vollzug anleiten: Darum geht es in einer Lehrveranstaltung von Dr. Uta Czyrnick-Leber aus der Abteilung Sportwissenschaft der Universität Bielefeld. Angehende Lehrer*innen probieren sich auf ungewohntem Terrain und bringen durch ihre Rolle als externe Anleiter*innen neue Impulse in den Gefängnisalltag. Damit unterstützen sie auch ein Stück weit Resozialisierungsmaßnahmen. Die Lehramtsstudierenden Jule Adam und Marvin König haben die Lehrveranstaltung belegt.
Seit 2021 geht Dr. Uta Czyrnick-Leber mit Studierenden ihrer Lehrveranstaltung regelmäßig in die Justizvollzugsanstalt Senne/Verl. Ihre Studierenden konzipieren einstündige Sporteinheiten für die jungen Gefangenen. „Die JVA-Besuche bereiten wir im Kurs intensiv vor und nach“, erklärt Dr. Uta Czyrnick-Leber. Meist stehen drei JVA-Besuche pro Semester an. In der theoretischen Vorbereitung setzt sich der Kurs unter anderem mit unterschiedlichen Autoritätskonzepten auseinander. „Beim Anleiten von Sportübungen geht es ja viel um das Austesten von Nähe und Distanz: Wie viel Nähe muss sein, um mit der Sportgruppe in Kontakt zu kommen? Wie viel Distanz muss bleiben, um die Rolle der Anleiter*in zu wahren?“, erklärt Dr. Uta Czyrnick-Leber. Auch spannend sei, dass die Studierenden sich in einer Lehrer*innen-Rolle vor Personen probieren, die ähnlich alt sind. Im Referendariat nach dem Studium kann das im Unterricht mit Oberstufenschüler*innen vergleichbar sein.
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Jule Adam, Lehramtsstudentin für Sport und Biologie, hat den Kurs im letzten Jahr gewählt. „Ich konnte mir ehrlicherweise nichts unter Gefängnis und Gefangenen vorstellen und habe mich darauf gefreut, mich mal in einem anderen Setting mit dem Anleiten von Sportangeboten auszuprobieren“, erinnert sie sich. Vor der Praxisstunde in der JVA bereitete sie intensiv ihr erstes Auftreten vor der Gruppe vor. „Mir waren meine ersten Worte und meine Gestik vor der Gruppe wichtig. Ich habe mir auch gut überlegt, wie ich als Frau vor einer Männer-Gruppe auftreten möchte“, sagt sie. Eine lohnenswerte Vorbereitung – Jule Adam erzählt, wie sie die Sportgruppe schnell zu Aufwärmübungen mit anschließendem Fitnessboxen und einer Spielphase animieren konnte. Sport sei eine willkommene Abwechslung im Alltag in der JVA, ähnlich wie Sportunterricht für Schüler*innen auf dem Stundenplan. „Sport kann ein Eisbrecher sein. In der JVA hatten alle Teilnehmer Bock darauf“, sagt sie. „Es war schön zu sehen, dass es ganz schnell einfach darum ging, miteinander Sport zu machen.“
Marvin König wird Gymnasiallehrer für Sport und Deutsch und belegt den Kurs im aktuellen Sommersemester. Er wählte für seine Sportstunde im Gefängnis leicht zugängliche Sportarten. „Die oberste Priorität für mich war, dass die Stunde funktioniert, alle mitmachen und dabei Spaß haben“, sagt er. Er organisierte die Spiele Flag Football, eine vereinfachte Form von American Football, und Ultimate Frisbee. Zwei Spielarten, „in die alle schnell reinkommen und die in der Gruppe gespielt werden“. Von seiner Anleiter-Rolle in der JVA hat Student Marvin König auch mitgenommen, wie wichtig es ist, in Gruppen hineinzuhorchen, um zum Beispiel einzuschätzen, wie ausführlich und leicht verständlich ein Spiel erklärt werden muss. „Egal ob Schüler*in oder Inhaftierter: Alle in einer Gruppe sind anders und bringen etwas mit“, sagt er. „Je besser ich hinschaue und Personen mit der Zeit kennenlerne, desto leichter kann ich individuell auf sie eingehen.“
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Dr. Uta Czyrnick-Leber forscht begleitend zur Lehrveranstaltung an der Rolle von Anleiter*innen im Sport. Sportangebote werden als erfolgreich bewertet, wenn externe Anleiter*innen wie die Studierenden ihren Gestaltungsspielraum bewusst nutzen und sich vom Vollzugspersonal unterscheiden. So schaffen sie einen Rahmen, in dem Inhaftierte ihre Rolle als verurteilte Straftäter zumindest für die Zeit der Sportübung hinter sich lassen können. „Darüber hinaus ist es spannend zu sehen, wie durch Sportangebote, in denen Hierarchien irritiert werden, neue Dynamiken in der Gruppe entstehen – beispielsweise, wenn eher weiblich konnotierte Gestaltungssportarten wie Tanzen mit männlichen Teilnehmer*innen durchgeführt werden,“ sagt sie.
Jule Adam blickt rückblickend positiv auf das gemeinsame Sporttreiben mit den Gefangenen zurück. Die Sportstunden hätten gezeigt, welche Möglichkeiten gemeinsam betriebener Sport für alle Beteiligten bieten könne. Marvin König findet, dass der Sportkurs den Gefängnisalltag durchbricht. „Gesellschaft funktioniert anders als das Leben in der JVA“, sagt er. „Wie soll Resozialisierung funktionieren, wenn wir Gefangenen nicht auch ein Stück von draußen zeigen?“ Dr. Uta Czyrnick-Leber ergänzt dazu, dass das soziale Umfeld von Gefangenen oft erwarte, dass sie sich resozialisieren ließen. „Das Projekt zeigt, dass ein Teil von Resozialisierung auch sein kann, auf Gefangene zuzugehen, in dem wir eigene Vorurteile und Hemmungen abbauen“, sagt sie. Und: „Auch Inhaftierte haben ein Recht auf kulturelle Teilhabe – Sport ist hier ein niedrigschwelliger Weg.“
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Lehramtsstudierende im Fach Sport sowie Studierende im Master Kulturvermittlung können die Lehrveranstaltung Sport-Kultur-Vermittlung an der Universität Bielefeld im Rahmen ihres Studiums wählen. Seit 2021 haben rund 160 Studierende den Kurs belegt. Pro Kurs organisieren etwa 20 Studierende Sporteinheiten für jeweils rund 15 junge männliche Inhaftierte im Offenen Vollzug der JVA Senne/Verl.
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