Was Demokratie von Religion lernen kann
Neues Modellprojekt „Religions for Democracy“ bringt Judentum, Christentum und Islam ins Gespräch.
Braucht Demokratie Religion – und braucht Religion Demokratie? Was haben Menschenwürde, Solidarität oder Verantwortung mit Glauben zu tun? Ein neues Modellprojekt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sucht Antworten aus jüdischer, christlicher und islamischer Perspektive. Mitreden sollen dabei nicht nur Forschende: Auch Schülerinnen und Schüler werden in das Projekt einbezogen.
Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Solidarität ebenso wenig. Auch Zuversicht und Verantwortungsbewusstsein entstehen nicht, weil ein Staat sie per Gesetz verlangt. Trotzdem sind sie wichtig für das Zusammenleben in einer Demokratie. Welche Rolle können Religionen dabei spielen? Und wann werden sie umgekehrt womöglich zu einer Gefahr für demokratische Gesellschaften? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Modellprojekt „Religions for Democracy“, das im Sommer am Bayerischen Forschungszentrum für Interreligiöse Diskurse (BaFID) der FAU gestartet ist.
Braucht Demokratie Religion, braucht Religion Demokratie?
Gefördert wird es von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Bis Ende 2027 untersucht das Projekt, welche demokratiefördernden und demokratiestützenden Potenziale Judentum, Christentum und Islam besitzen – und wo die Kippschwelle zum Demokratiegefährdenden liegt. Ziel ist die Konzeption und Bereitstellung von didaktisch aufbereiteten Materialien für den Schulunterricht.
„Eine Demokratie ist funktional nicht auf Religion angewiesen“, sagt Projektkoordinatorin Viviane Arbeiter. „Religion kann aber etwas zu Prinzipien des Zusammenlebens beitragen, die sich nicht einfach rechtlich herstellen lassen: Vertrauen, Zuversicht, Solidarität oder Verantwortungsbewusstsein.“
Wo finden sich demokratische Anknüpfungspunkte?
Insgesamt nimmt sich das Projekt neun Themen vor. Den Auftakt macht die Frage „Braucht Demokratie Religion?“. Dabei werden Judentum, Christentum und Islam nicht isoliert betrachtet, sondern miteinander sowie mit säkularem Denken ins Gespräch gebracht. Gerade dieser konsequente Diskurs zwischen den drei großen monotheistischen Religionen zeichnet das Projekt aus.
Anknüpfungspunkte gibt es in allen drei Traditionen: Im Islam räumt etwa das Schura-Prinzip der Beratung einen hohen Stellenwert ein. Im Christentum lässt sich an Vorstellungen von der Würde des Menschen anknüpfen. Und der jüdische Aufklärer Moses Mendelssohn beschäftigte sich bereits im 18. Jahrhundert mit der Trennung der Machtbereiche von Staat und Religion.
Wie viel wissen wir noch über Religion?
Doch „Religions for Democracy“ will nicht nur nach Gemeinsamkeiten und demokratiefördernden Traditionen suchen. „Uns interessiert genauso, wo die Kippschwelle liegt“, sagt Arbeiter. Damit soll zugleich die sogenannte „Religious Literacy“ gestärkt werden – die Fähigkeit, Religionen, ihre unterschiedlichen Strömungen und ihre gesellschaftliche Bedeutung fundiert einordnen zu können.
Dass es daran mangelt, erleben die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des BaFID bei Vorträgen und Diskussionen und erfahren es aus Gesprächen mit Lehrkräften. Missverständnisse und fehlendes Wissen über andere Religionen zeigten sich dort immer wieder. „Wir wollen Wissen wieder zugänglich machen und gleichzeitig zeigen, dass weder das Judentum noch das Christentum oder der Islam mit nur einer Stimme sprechen. Gerade diese Unterschiede muss man kennen, wenn man über die Rolle von Religion in einer Demokratie diskutieren will“, sagt Arbeiter.
Von der Forschung ins Klassenzimmer
Das Projekt unter der Leitung von BaFID-Direktor Prof. Dr. Georges Tamer, richtet sich deshalb nicht nur an die Wissenschaft. Ziel ist es, die Forschungsergebnisse didaktisch aufzubereiten und daraus Unterrichtsmaterialien zu entwerfen. Hierfür arbeitet das Team mit Lehrkräften aus ganz Deutschland zusammen. Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe verschiedener Schularten sollen in die Entwicklung und Erprobung der Materialien einbezogen werden. Erste Partnerschule ist das Ohm-Gymnasium in Erlangen.
Über die beteiligten Lehrkräfte geben die Jugendlichen Rückmeldung zu den entwickelten Angeboten. „Wenn wir Materialien für Schülerinnen und Schüler entwickeln, müssen wir wissen, ob wir mit unseren Themen und unserer Sprache tatsächlich bei ihnen ankommen“, sagt Arbeiter. „Nur durch den Austausch mit der Praxis kann daraus ein erfolgreiches Bildungsangebot entstehen.“
Über Kurzvideos ins Diskutieren kommen
Ein wichtiger Bestandteil werden neun wissenschaftlich fundierte Kurzvideos von jeweils drei bis fünf Minuten. Sie sollen keine abschließenden Antworten liefern, sondern einen Einstieg bieten: Die Jugendlichen sehen ein Video und diskutieren anschließend gemeinsam mit ihren Lehrkräften über die aufgeworfenen Fragen. Ergänzt werden die Filme durch Hintergrundtexte und Unterrichtsmaterialien.
So verbindet „Religions for Democracy“ Religionsforschung mit politischer Bildung. Religiöse Vielfalt wird dabei nicht in erster Linie als Konfliktfeld betrachtet, sondern als mögliche Ressource für eine demokratische Gesellschaft. Denn wer religiöse Positionen kennt, Unterschiede einordnen und über sie diskutieren kann, ist weniger anfällig für Vereinfachungen und Abgrenzung. Das Projekt will damit auch demokratische Kompetenzen stärken – und zeigen, was Judentum, Christentum und Islam zu einem von Freiheit, Solidarität und Verantwortung getragenen Zusammenleben beitragen können.
https://www.fau.de/2026/09/news/was-demokratie-von-religion-lernen-kann