Den Fußball-Gott gnädig stimmen
Der Text setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, ob Fußball eine Religion sein kann, und betont, dass die Forschung den Transzendenzbezug des Fußballs eher zurückhaltend bewertet. Rituale, Gesänge und der unbedingte Glaube an den Sieg werden als Ausdruck der so genannten Efferveszenz beschrieben, doch Grochowina hält fest, dass Begriffe wie der „Fußball-Gott“ eher als Narrativ gelten und die „Hand Gottes“ eher menschliches als göttliches Eingreifen thematisieren. Am Ende bleibt Fußball eine Leidenschaft, die zwar ernst ist, aber keine dauerhafte Religion darstellt; während des Spiels entsteht eine kollektive Realitätsverschiebung, die nach 90/120 Minuten wieder dem Alltag weicht. Ein funktionalistischer Religionsbegriff könnte den Fußball möglicherweise in die Nähe der Religion rücken, doch die Autorin schließt mit dem Hinweis, die WM-Erwartungen zu nutzen, um die Frage nach einem gnädigen „Fußball-Gott“ neu zu prüfen – und hofft auf Überraschungen aus Kap Verde, Bosnien, Curacao oder Haiti.
Fußball-Gedanken zur WM von FAU-Historikerin Sr. Prof. Dr. Nicole Grochowina.
„Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger.“ Dieses Wort des schottischen Fußballers William Shankly (1913-1981) macht die ernsthafte Dimension des Fußballs deutlich – und stellt zugleich die Frage, ob es sich beim Fußball um Religion handelt. Schließlich geht es auch in der Religion über Leben und Tod hinaus. Kurz vor der WM hat diese Frage wieder Hochkonjunktur, denn nun greifen nicht nur die Prä-WM-Rituale, sondern auch der Fußball-Gott ist so langsam anzugehen und gnädig zu stimmen.
Rituale, Gesänge und der unbedingte Glaube an den Sieg
Angesichts der Einschätzungen direkt aus dem Umfeld des Fußballs, die die Ernsthaftigkeit und Existentialität des Fußballs betonen und sicher auch in zahlreichen Fan-Lagern dafür Unterstützung finden, überrascht es fast schon, dass die Forschung zu Fußball als Religion da eher zurückhaltend ist. Ja, der „Fußball-Gott“ wird immer wieder bemüht, das „Wunder von Bern“ kennt jede:r, vielleicht sogar auch die „Wunder von der Weser“ (1987, 1988, 2007). Und: Rituale, Gesänge und der unbedingte Glaube an den Sieg auch bei 0:5 in der 70. Minute könnten als religiöse Elemente durchgehen. Wenig anders agieren doch wohl christlich glaubende Menschen mit Gebeten, Liturgien und dem unbedingten Glauben an das Osterwunder und damit an ein Leben jenseits des Todes. Was die Forschung jedoch zurückhaltend sein lässt, ist der fehlende Transzendenzbezug im Fußball. Will heißen: Auch die Rede vom „Fußball-Gott“ gilt in der Forschung eher als analogischer Fehlschluss, als Narrativ, vielleicht sogar als ein ironisch gesetztes Narrativ angesichts von Sieg oder Niederlage – und auch die „Hand Gottes“ (Maradona) erzählt eher von einem regelwidrigen Eingreifen des Menschen als von einer göttlichen Intervention.
„… die „Hand Gottes“ erzählt eher von einem regelwidrigen Eingreifen des Menschen als von einer göttlichen Intervention.“
Sr. Prof. Dr. Nicole Grochowina
So bleibt am Ende etwas, was die Forschung das Phänomen der Efferveszenz nennt und damit Fußball als einen Ort der gemeinschaftlich gelebten, außer-alltäglichen und außergewöhnlichen Leidenschaft sieht, an dem Rituale gelebt, Freud und Leid geteilt und eine neue Realität geschaffen wird, die dann allerdings nach 90 oder 120, spätestens aber nach dem Elfmeterschießen ihre unmittelbare Aufreger-Qualität etwas und schließlich immer signifikanter einbüßt. In der Tat, in der Spielzeit und auch unmittelbar danach geht es um mehr als um Leben und Tod, aber just diese zweite Realität unterliegt doch dann alsbald wieder den Anforderungen des Alltages. So zeigt sich am Ende: Fußball ist Leidenschaft, aber kein Lebenstrost. Jedenfalls nicht auf Dauer. Lebenstrost allerdings gehört ebenso wie die Verankerung des einzelnen Menschen in einem unverfügbaren Gegenüber zu einem substantiellen Religionsbegriff. Allein ein funktionalistischer Religionsbegriff könnte also den Fußball in die Nähe der Religion rücken, weil dieser die Gemeinschaft, das gemeinsame Erleben und die identitätsstiftende Kraft darin in den Vordergrund stellt.
Was passiert danach?
Doch was passiert, wenn die Geschichten auserzählt sind und nicht mehr trösten? Was passiert, wenn es nur noch Niederlagen hagelt? Was passiert, wenn die eigenen Glücks- und Segens-Rituale ihre vermeintlich magische Kraft verloren haben? Was bleibt dann als Trost? Gerade an diesen Fragen entscheidet sich die Antwort nach Fußball als Religion.
Insofern stimmt es, was Bill Shankly sagt: Für einen Fußballfan ist Fußball mehr als Leben und Tod. Aber ebenso stimmt das weise Wort von Sepp Herberger: „Der Ball ist rund , und ein Spiel dauert 90 Minuten.“ In eben dieser Zeit geschieht das Unverfügbare, in dieser Zeit lösen sich Efferveszenz und Aufatmen ab, in dieser Zeit werden Kollektiverzählungen geboren, die in den kommenden Tagen, selten aber in den kommenden Wochen verfangen. Doch nach 90 oder 120 Minuten ebbt diese Welle ab, weil die erste Realität die zweite wieder ablöst. Und auch der Lebenstrost ist dann eher woanders zu finden. Insofern ist Fußball ernst, sehr ernst sogar, aber er ist eben keine Religion. In diesem Sinne: Möge die WM beginnen, und mögen uns Teams wie Kap Verde, Bosnien, Curacao oder Haiti überraschen und die Frage nach dem gnädigen „Fußball-Gott“ neu stellen lassen.
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apl. Prof. Dr. Nicole Grochowina
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Nicole Grochowina
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